TV-Duell Merkel gegen Steinbrück Verwirrend? Aber selbstverständlich

Die Kanzlerin und ihr Gegenspieler haben das TV-Duell erwartungsgemäß beide überlebt - und blamiert hat sich auch keiner. Sieg und Niederlage sind eher eine Frage der Interpretation. Denn die Wähler treffen politische Entscheidungen weniger auf Basis eines Fernsehauftritts, sondern orientieren sich an ihren Interessen und Weltanschauungen.

Ein Kommentar von Detlef Esslinger

Ein ordentliches Duell braucht einen Sieger und einen Verlierer, zumindest hat man das in der Literatur und im Western, bei Effi Briest und in Zwölf Uhr mittags so gelernt. Angela Merkel und Peer Steinbrück haben ihr TV-Duell erwartungsgemäß beide überlebt; Sieg und Niederlage sind in einem solchen Fall eher eine Frage der Interpretation - sofern man nicht der These zuneigt, dass angesichts der Umfragen für Steinbrück alles andere als ein einmütig empfundener Sieg einer Niederlage gleichkommen musste.

Einen solchen Sieg wird niemand ernsthaft wahrgenommen haben, die Auseinandersetzung war ausgeglichen. Keiner von beiden hat sich blamiert, keiner hat dem anderen einen unvergesslichen Schlag zugefügt - und wer sich nach dem Hin und Her der Argumente verwirrt fühlt, dem sei gesagt: Etwas anderes war nicht zu erwarten. Politische Entscheidungen trifft jeder auf der Basis seiner Interessen, Präferenzen und Weltanschauungen. Deshalb kann es die eine, sozusagen richtige Antwort zum Euro, zum Mindestlohn, zu Steuern nicht geben. Es muss jeder für sich selbst die Argumente wiegen.

Interessant ist in dieser Wahlkampfphase eine andere Frage: Wie relevant sind eigentlich all diese Umfragen? In den Berichten zum Beispiel der Forschungsgruppe Wahlen heißt es immer: Wäre am nächsten Sonntag Bundestagswahl, könnten die Parteien mit soundsoviel Prozent "rechnen". Wird über diesen Bericht anschließend in den Medien berichtet, wird daraus oft: " . . . käme die Union auf 41 Prozent."

Beide können pannenfrei ein Land regieren

So etwas suggeriert eine Genauigkeit, die einer Anmaßung gleichkommt. Erstens sind Umfragen immer nur Aufnahmen vom Moment ihrer Erhebung. Plötzliche Kriege, Fluten oder Skandale können eine Stimmung immer noch drehen. Zweitens räumen Wahlforscher (allerdings nur in den Fußnoten) ein, dass es bei gut 1000 Befragten einen Fehlerbereich gibt. Er beträgt bei einem ermittelten Stimmenanteil einer Partei von zehn Prozent circa zwei Prozentpunkte - woraus schon deutlich wird, wie gewagt es in Wahrheit ist, bei einem FDP-Umfrageergebnis von fünf oder sechs Prozent zu behaupten, dass Schwarz-Gelb wieder eine Mehrheit hat.

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Drittens liefern Demoskopen noch eine weitere Zahl, die von erheblicher Bedeutung ist, die in dem Geheische um Aufmerksamkeit aber kaum noch Beachtung findet: die Menge der unentschlossenen Bürger. Laut Forschungsgruppe Wahlen sind das derzeit tatsächlich 48 Prozent der Wahlberechtigten. Die Spitzenkandidaten kennen die Zahl natürlich; auf diese Gruppe zielte jedes Argument in dem Duell.

Beide Duellanten haben gezeigt, dass man ihnen ein Land anvertrauen kann. Peer Steinbrücks objektives Handicap sind weniger die Umfragen als die Regel, dass in der Demokratie ein neuer Regierungschef nicht erwählt, sondern ein alter abgewählt wird. Zur Abwahl hat Angela Merkel auch am Sonntag kaum Anlass gegeben. Wenn die nächste Umfrage kommt, wird interessant sein, wie groß nun die Gruppe der Unentschlossenen noch ist.