Timothy Snyder über Donald Trump "Wir müssen alle jetzt aktiv werden"

Sie haben Ende des Jahres auf Facebook eine Liste gepostet: "Zwanzig Lehren aus dem 20. Jahrhundert, um Trumps Amerika zu überleben." Hatten Studenten Sie um Rat gebeten?

Nein, das war nicht der Auslöser. Ich rechnete mit einer knappen Niederlage Trumps und hatte 2016 immer wieder darüber geschrieben, wie sehr mich Trump an die Entwicklungen in Russland erinnert. Ich habe zuvor nie über die USA geschrieben, aber hier kann ich etwas anbieten. Ich weiß, was gerade in Osteuropa passiert und kenne die Geschichte des 20. Jahrhunderts, aus der man Lehren ziehen kann. Ich wollte etwas tun, denn wir alle müssen jetzt aktiv werden.

Wie robust ist die amerikanische Demokratie?

Michael Hochgeschwender, Professor für Amerikanistik, erklärt, ob den USA unter Donald Trump eine Staatskrise droht - und woran der US-Präsident scheitern könnte. Von Johan Schloemann mehr ...

Ihr erster Rat lautet: "Ordnet euch nicht vorzeitig unter!" Sie geben Tipps für Bücher und empfehlen, Smartphones öfter wegzulegen. Später sprechen Sie den Reichstagsbrand an, als Warnung für die Zukunft. Wie soll die Öffentlichkeit nach einem Terroranschlag reagieren?

Amerikaner benutzen sehr gern den Begriff Playbook, eine Metapher aus dem Sport. Ich beobachte momentan das Playbook der Dreißiger: Man nimmt eine ungefährliche, gesellschaftlich integrierte Minderheit heraus und macht sie verantwortlich für eine globale Bedrohung. Was damals die Juden waren, geschieht heute mit den Muslimen. Zu diesem Playbook gehört auch, Katastrophen für seinen Vorteil nutzen, um etwa einen Notstand auszurufen. Wenn wir die Geschichte kennen, fallen wir nicht auf solche billigen Tricks herein, sondern sagen: "Mister Trump, Sie haben versprochen, so etwas zu verhindern. Sie haben versagt, wir brauchen unsere Rechte umso dringender."

Noch mal zurück zu Steve Bannon. Wenn er die Pressefreiheit verspottet und Medien als "Opposition" bezeichnet, dann ist das kein Versehen.

Wer so redet, hat einen Regimewechsel im Sinn. Im heutigen System sind für einen Republikaner die Demokraten die Opposition. Wer die Regierung als Partei ansieht und die Presse als Opposition, der spricht über einen autoritären Staat.

Dazu passt, dass Trump bei Twitter Demonstranten als "bezahlte Protestierer" und "Schläger" beschimpft.

Das ist die Strategie von Russlands Präsident Wladimir Putin. Sie machen jene Leute nieder, die für wichtige Werte der Republik stehen. Trump muss den Demonstranten nicht zustimmen. Aber wenn er ihnen das Recht auf Protest abspricht, das in der Verfassung garantiert ist, oder Lügen verbreitet, signalisiert er: "Wir wollen ein System, in dem das nicht mehr möglich ist." Eine Demo ist etwas ganz Konkretes. Der neue Autoritarismus will Zweifel an der Realität wecken. Die Leute sollen Erfundenes der Wirklichkeit vorziehen. Sie sitzen auf dem Sofa, lesen die Tweets und denken: "Alle Demonstranten sind Schläger." Dabei ist es in Demokratien normal, für seine Anliegen auf die Straße zu gehen. Trump möchte ein anderes Verhalten erzwingen: "Bleibt auf dem Sofa, lest meine Tweets und nickt einfach." Das ist die Psychologie für einen Regimewechsel.

Viele Bürger fühlen sich überwältigt von der Nachrichtenflut, das geht auch Deutschen so.

Auch das ist typisch für die neuen Autoritären: Sie überschwemmen uns mit schlechten Nachrichten, damit wir sagen: "Was kann ich schon tun?" Ich rate, nur ein Mal am Tag 30 Minuten konzentriert Nachrichten zu lesen. Jeder sollte sich eine Sache aussuchen, die ihm am Herzen liegt und wo er oder sie sich auskennt: etwa Klimawandel, Pressefreiheit oder Flüchtlinge. Dafür sollte man sich engagieren und viele Leute über die Wichtigkeit von Institutionen informieren. Auch die Bundesstaaten werden extrem wichtig. Niemand kann alles tun, aber jeder seinen Beitrag leisten.

Seit der Vereidigung haben Millionen Menschen in Hunderten US-Städten demonstriert. Die Meinung der Trump-Fans ändert das nicht, laut Umfragen unterstützt eine knappe Mehrheit der Amerikaner das Einreiseverbot. Braucht es mehr Geduld oder sind Proteste wirkungslos?

Hier geht es um verschiedene Dinge. Beim Muslim Ban ist es wichtig, dass die Leute zeigen: Wir lassen nicht zu, dass eine Gruppe stigmatisiert und abgetrennt wird. Die Proteste an den Flughäfen richten sich nicht an Trump-Fans, sondern ans Weiße Haus: "Wir erkennen, was ihr vorhabt und sind gegen die Logik." Die Lehre aus 1933 ist: Es braucht eine passive Mehrheit, die sich nicht auflehnt. Die Kommunikation mit Trump-Fans ist schwieriger, das braucht Zeit. Die Wahl ist drei Monate her, sie sehen die Welt in diesem Kontext und hoffen auf ein besseres Leben. Ich werde bald nach Ohio reisen und über diese Themen reden. Wir müssen die Polarisierung abbauen, die das Internet verstärkt: Alle haben zu allem eine Meinung und sprechen nicht mehr miteinander.

Ermutigen Sie Ihre Studenten, in konservative Staaten zu reisen?

Viele tun das schon. Ein Student ist mit dem Zug an die Grenze zu Mexiko gefahren, um mit Passagieren zu reden. Die Wahrheit ist komplizierter, als man in New York meint. Wir dürfen Trumps Wähler nicht als Rassisten abtun, denn viele sind das nicht. Genauso wenig ist jeder, der gegen ihn protestiert, ein Held. Viele Männer, die nun für Trump sind, stimmten zuvor für Obama. Ohne sie hätte es keinen schwarzen Präsidenten gegeben. Es gibt eine enorme soziale Ungleichheit und Folgen der Globalisierung, die man nicht einfach wegwünschen kann. Nicht alle Trump-Wähler können das artikulieren, aber ihre Sorgen sind berechtigt und die Demokraten haben das ignoriert. Deswegen war Bernie Sanders so erfolgreich. Viele Trump-Fans hätten für Sanders gestimmt.

Auf Facebook sieht man oft Beiträge, die das Ende von Trumps Amtszeit herbeisehnen. "Nur noch drei Jahre, elf Monate, zwei Wochen." Was gibt Ihnen Hoffnung?

Wir müssen uns selbst Mut machen, denn es gibt keine positiven Signale aus dem Weißen Haus oder von den Republikanern. Die Konservativen müssten helfen, die Republik zu verteidigen, aber nur wenige scheinen dazu bereit. Die Amerikaner haben schneller reagiert als ich dachte. Wenn die Proteste anhalten, hört Trump vielleicht zu. Sie haben nach etwas Positivem gefragt, aber die Lage hat sich verschärft. Wir haben maximal ein Jahr Zeit, um Amerikas Demokratie zu verteidigen.

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