NS-Geschichte Das Rätsel um Herschel Grynszpan

Dieses Foto soll Herschel Grynszpan 1946 in einem Lager für Überlebende des Holocaust zeigen.

(Foto: Jüdisches Museum Wien/Archiv)
  • Am 7. November 1938 erschoss Herschel Grynszpan einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Paris und lieferte den Nazis damit den Vorwand für die Reichspogromnacht.
  • Bislang gingen Forscher davon aus, dass Grynszpan gegen Ende des Krieges in einem KZ getötet wurde.
  • Nun gibt es Hinweise, er könnte den Krieg überlebt haben.
Von Benjamin Moscovici

Am 7. November 1938 betritt Herschel Grynszpan die deutsche Botschaft in Paris. In seiner Tasche ein Revolver. Vor kurzem hatte ihn ein Brief seiner Schwester erreicht: Die ganze Familie deportiert von Deutschland nach Polen.

Grynszpan fragt die Vorzimmerdame nach dem Botschaftssekretär und wird von ihr ohne weitere Nachfragen zu Ernst vom Rath vorgelassen. Grynszpan zögert nicht. Historischen Berichten zufolge schreit der 17-Jährige: "Sie sind ein schmutziger Deutscher und jetzt übergebe ich Ihnen im Namen von 12000 verfolgten Juden die Quittung".

Dann feuert er fünf Schüsse auf Rath, ein Projektil durchschlägt seine Milz. Zwei Tage später ist der Diplomat tot. Die französischen Behörden verhaften Herschel Grynszpan, er wird wegen Mordes angeklagt. In Berlin aber instrumentalisiert man die Tat sofort.

"Es war einfach passiert"

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Die Nazis stellen Grynszpan als Teil einer jüdischen Weltverschwörung dar. Auf Geheiß von Propagandaminister Joseph Goebbels wurde überall im Reich Gewalt gegen jüdische Deutsche entfesselt.

Hunderte werden in der Reichpogromnacht vom 9. auf den 10. November ermordet oder in den Suizid getrieben, unzählige Menschen misshandelt, bedroht und traumatisiert. Tausende Synagogen, jüdische Einrichtungen, Friedhöfe und Geschäfte werden angezündet, geschändet und verwüstet. 30 000 Juden werden in Konzentrationslager verschleppt.

Mehr als 70 Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur blieb vor allem eine große Frage offen: Was passierte mit Grynszpan? Im Juli 1940, nach der Eroberung Frankreichs durch die Deutschen, übergaben die Franzosen den Gefangenen an die Nazis, die ihn nach Berlin in das Gestapogefängnis brachten.

Die Machthaber planten damals, Grynszpan in einem Schauprozess anzuklagen und zu verurteilen, stellvertretend für die vom Hitler-Regime ständig beschworene Weltverschwörung. Doch dann kam es anders.

Als in Deutschland die Synagogen brannten

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Grynszpan sagte plötzlich aus, er habe vom Rath nicht aus politischen Motiven getötet, sondern es habe sich um eine Beziehungstat gehandelt. Ein Skandal zeichnet sich ab: Schwule Nazis in Paris? Eine unvorstellbare Schande für die deutschen Propagandisten.

Und was, wenn das nicht alles war? Die Ankläger befürchten, dass Grynszpan im geplanten Prozess nicht nur die Homosexualität seines Opfers, sondern auch anderer Nationalsozialisten in Paris an die Öffentlichkeit bringen würde. Im Juli 1942 wird der Prozess ausgesetzt. Grynszpan kommt zunächst ins KZ Sachsenhausen und wird später ins Zuchthaus Magdeburg verlegt.

Bislang gingen Historiker davon aus, dass er irgendwann zwischen 1942/1943 und dem Ende des Krieges in einem Konzentrationslager starb, möglicherweise von den Nazis getötet wurde. Auf Antrag seiner Eltern, die den Holocaust überlebt hatten, wurde Grynszpan 1960 in der Bundesrepublik von einem Gericht offiziell für tot erklärt, wodurch seine Familie Entschädigungsansprüche erhielt.