Terrormiliz IS Zurück in den Untergrund

IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi ist der meistgesuchte Mann im Irak. Auch wenn seine Terrormiliz wohl militärisch besiegt ist - gefährlich bleibt sie weiterhin.

(Foto: dpa)

Nach dem Niedergang ändert die Terrormiliz IS ihre Taktik. Geheimdienste halten sie weiter für gefährlich.

Von Paul-Anton Krüger

Der meistgesuchte Mann im Irak ist Ibrahim Awad Ibrahim Ali Muhammad al-Badri al-Samarrai. Das geht aus einer jüngst veröffentlichten Fahndungsliste der irakischen Sicherheitsbehörden hervor. Die Welt kennt den 46-Jährigen eher unter seinem Kampfnamen: Abu Bakr al-Bagdadi. Der selbsternannte Kalif der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat zwar den größten Teil seines Reiches verloren. Aber die Regierung in Bagdad und auch westliche Geheimdienste gehen davon aus, dass er noch lebt - und seine Organisation längst nicht erledigt ist, auch wenn sowohl der Irak als auch Syrien erklärt haben, die Dschihadisten seien militärisch besiegt.

Bagdadi und andere IS-Kader, unter ihnen Mitglieder der für Anschläge im Westen verantwortlichen Abteilung für externe Operationen, halten sich nach der Einschätzung westlicher Nachrichtendienste im mittleren Euphrat-Tal in Syrien auf. Die Bedrohung durch Attentate vor allem in Europa halten sie für unverändert hoch, aber auch in den ehemaligen Kerngebieten des Kalifats setzt der IS nun wieder zunehmend auf Guerillataktik und Terroranschläge auch gegen zivile Ziele.

So sprengten sich Mitte Januar zwei Selbstmordattentäter auf den Tayaran-Platz in Bagdad zwischen Tagelöhnern in die Luft, die dort auf Arbeitgeber warteten. Rückzugsgebiete des IS gibt es in allen Gebieten mit nennenswerter sunnitischer Bevölkerung, vor allem in der Wüste von Anbar, südlich von Kirkuk oder in Ninawa mit der Hauptstadt Mossul.

Vergangene Woche lancierten die irakische Armee und die Truppen des Innenministeriums zusammen mit schiitischen Milizionären eine Militäroperation etwa 50 Kilometer von Kirkuk entfernt. Auch in der Wüste von Anbar jagen sie weiter versprengte IS-Kämpfer, deren Zahl im Irak noch auf 1000 bis 3000 geschätzt wird.

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Der IS versucht, die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten zu verschärfen. Die Erfolgsaussichten sind angesichts des polarisierten politischen Klimas vor der für Mai angesetzten Parlamentswahlrecht hoch, die massive Präsenz schiitischer Milizen in sunnitischen Gegenden und die Spannungen zwischen der Zentralregierung in Bagdad und den Kurden verschärfen die Situation noch. Die Iraker versichern westlichen Diplomaten zwar, sie hätten die Lektionen aus dem Aufstieg des IS gelernt, die Situation erinnert viele Analysten aber an das Abtauchen von al-Qaida im Irak nach 2007 und den stillen Aufstieg des IS in den Jahren danach - auch Ex-Premier Nuri al-Maliki, dessen systematische Diskriminierung der Sunniten ein wesentlicher Faktor für diese Entwicklung war, könnte bei den Wahlen im Mai sein politisches Comeback feiern.

Während der IS im Irak seine Metamorphose zurück zur Untergrundorganisation weitgehend abgeschlossen hat, halten seine Kämpfer in Syrien noch kleinere Gebiete, vor allem Dörfer im Euphrat-Tal. Auf 2000 bis 4000 Mann schätzen westliche Geheimdienste den IS dort. Wo immer sie sich in größeren Gruppen zusammenfinden, attackieren die USA aus der Luft, alleine bei einem Angriff Mitte Januar wurden 150 von ihnen getötet.

Was den Geheimdiensten mehr Sorge bereitet: Tausende Kämpfer sind seit der Rückeroberung von Raqqa durch die von den USA unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte abgetaucht, damals vermuteten die Geheimdienste noch 6000 bis 8000 IS-Kämpfer in Syrien. Von vielen fehlt heute jede Spur. Ein Teil von ihnen wurde getötet, lokale Kämpfer gehen zurück in ihre Dörfer. Andere aber sind durch die Linien der syrischen Armee in Regierungsgebiet eingesickert oder haben sich über die Grenze schmuggeln lassen - vor allem in die Türkei. Von ihnen sei anzunehmen, dass sie in der einen oder anderen Form weiter kämpfen wollten, heißt es in einer Einschätzung des US-Militärs. Am Donnerstag erst wurde in der Türkei in einer gemeinsamen Operation des türkischen Geheimdienstes und des irakischen Innenministeriums ein Spitzenkader aus dem IS-Führungszirkel festgenommen.

Regelmäßig schnappen die Dienste verschlüsselte Kommunikation zwischen Kadern und IS-Mitgliedern auf, Informationen, die auch für Luftangriffe genutzt werden. Auch einige Mitglieder der durch Attacken deutlich dezimierten Abteilung für externe Operationen, die etwa die Anschläge in Paris und Brüssel koordiniert hat, sollen noch aktiv sein, die meisten frühere Geheimdienstler des Baath-Regimes von Saddam Hussein. Offen ist, ob sie noch in der Lage sind, Schläferzellen zu aktivieren, die vor dem Niedergang des IS in Europa installiert worden sind. Sie haben es im abgelaufenen Jahr nicht getan, die Anschläge waren zwar vom IS und dessen Propaganda inspiriert, aber nicht von ihm gesteuert. Daraus lasse sich aber nicht ableiten, dass der IS dazu nicht mehr in der Lage sei, warnen Geheimdienstler.

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