Stichwahl um Präsidentenamt Afghanen trotzen Taliban-Drohungen

Nun zählen die Wahlhelfer in Afghanistan die Stimmzettel aus - ein Ergebnis aber gibt es erst im Juli.

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Die Taliban in Afghanistan erleiden eine Niederlage: Vor der Stichwahl haben sie mit Anschlagen gedroht und die Menschen eingeschüchtert. Millionen Afghanen lassen sich davon aber nicht beeindrucken und gehen wählen.

Millionen Afghanen haben allen Angriffen und Drohungen der Taliban getrotzt und einen Nachfolger für Präsident Hamid Karsai gewählt. Bei der historischen Stichwahl traten am Samstag Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sowie der frühere Finanzminister Aschraf Ghani gegeneinander an. Den Taliban gelang es nicht, die Wahl maßgeblich zu stören. "Die Menschen haben die Militanten mit ihrer Wahl zurückgewiesen", sagte Innenminister Omar Daudsai. "Es gab einige Opfer auf unserer Seite, aber der Feind ist gescheitert."

Trotz vereinzelter Anschläge und Angriffe verlief die zweite Runde der Präsidentenwahl relativ ruhig, wie afghanische Medien berichten. Die befürchtete Gewaltwelle der islamistischen Kämpfer blieb aus - dennoch kamen laut Innenministerium am Wahltag mindestens 66 Menschen durch Raketen, Bomben und Bodenminien ums Leben - darunter 20 Zivilisten, 15 Soldaten, elf Polizisten und ein Mitarbeiter der Wahlkommission. Sicherheitskräfte töteten der Erklärung zufolge fast 60 Taliban-Kämpfer.

So wurden bei einem Raketenbeschuss in der ostafghanischen Provinz Chost nach Angaben der Behörden fünf Kinder getötet. Taliban-Kämpfer haben zudem laut Innenministerium elf Wählern deren mit Tinte markierten Finger abgeschnitten. Die Opfer seien in der westafghanischen Provinz Herat ins Krankenhaus gebracht worden, teilte Vize-Innenminister Mohammad Ajub Salangi am Samstagabend über Twitter mit. Bei Wahlen in Afghanistan wird ein Zeigefinger des Wählers mit nicht abwaschbarer Tinte markiert, um eine mehrfache Stimmabgabe zu verhindern. Damit wird allerdings auch für die Taliban ersichtlich, wer deren Aufruf zum Wahlboykott missachtet hat.

Das Innenministerium registrierte bis Samstagmittag mindestens 150 Anschläge und Angriffe. Die Taliban teilten hingegen mit, sie hätten bis zum Mittag 246 Ziele im Land angegriffen.

Nach Angaben der Regierung wurden 400.000 Sicherheitskräfte eingesetzt, um Wähler und Wahllokale zu schützen. Unmittelbar nach dem Ende der Wahl begann die Auszählung der Stimmen. Auch Betrugsvorwürfe gab es. Die Wahlbeschwerdekommission (ECC) meldete 250 Beschwerden. Nach Angaben der Wahlkommission (IEC) beteiligten sich mehr als sieben Millionen der rund zwölf Millionen Wahlberechtigten an der Abstimmung. Mit rund 60 Prozent entspricht das in etwa der Quote aus der ersten Wahlrunde und übertrifft die Erwartungen deutlich. Nach IEC-Angaben waren 38 Prozent der Wähler vom Samstag Frauen.

In Kabul und in anderen Städten bildeten sich Schlangen vor den Wahllokalen. Die deutsche Botschaft in Kabul sprach über Twitter von einer "erneut beeindruckend hohen Wahlbeteiligung" und lobte den Mut der Wähler. Aus einigen ländlichen Gegenden berichteten Augenzeugen allerdings, dass Drohungen der Taliban Wähler von der Stimmabgabe abschreckten. In mehr als 330 Wahllokalen im Land gingen die Wahlzettel aus, die Wahlkommission musste Nachschub liefern.

Im afghanischen Bamiyan bildeten sich vor den Wahllokalen lange Schlangen.

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Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) wertete die Wahl als ermutigendes Zeichen für die Entwicklung des Landes. "Selbstverständlich ist nicht alles gut in Afghanistan", sagte der SPD-Politiker der Welt am Sonntag. "Aber wir sollten auch Veränderungen zum Besseren wahrnehmen. Es ist doch ermutigend, dass in Afghanistan gerade eine Präsidentschaftswahl stattfindet."

Auch das Weiße Haus hat der afghanischen Bevölkerung gratuliert und ihren Mut gewürdigt. "Die Wahlen sind ein wichtiger Schritt nach vorn auf Afghanistans demokratischem Weg", hieß es in einer in Washington veröffentlichten Erklärung weiter.

Bei der ersten Wahlrunde am 5. April hatte die Wahlbeteiligung in Afghanistan bei 55 Prozent gelegen. Rund zwölf Millionen Wahlberechtigte waren dazu aufgerufen, den Nachfolger von Präsident Hamid Karsai zu bestimmen. "Afghanistan macht einen großen Schritt in Richtung Stabilität und Frieden", sagte Karsai bei der Abgabe seiner Stimme in Kabul. An die Adresse seiner Landsleute sagte er: "Bestimmt Euer eigenes Schicksal und beendet die Abhängigkeit von den Ausländern." Abdullah und Ghani riefen zu einer ehrlichen Wahl mit einem transparenten Ergebnis auf.

Karsai durfte nach den Vorgaben der Verfassung nicht ein drittes Mal kandidieren. Er regiert Afghanistan seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001. Abdullah war bei der ersten Wahlrunde auf 45 Prozent der Stimmen gekommen und hatte die erforderliche absolute Mehrheit damit verfehlt. Ghani gewann 31,6 Prozent der Stimmen.

Die Wahlkommission will ein vorläufiges Wahlergebnis am 2. Juli verkünden, das Endergebnis soll am 22. Juli bekanntgegeben werden. Die Amtseinführung des neuen Präsidenten - die erste demokratische Machtübergabe in der Geschichte des Landes - ist für den 2. August geplant.