Stämme im Irak Im Bund mit dem Terror

27. Januar 2015: Sunnitische Stammeskrieger nach einem Sieg über Kämpfer des IS im Dorf Sharween im Nordosten Bagdads

(Foto: AFP)

Von wegen "Islamischer Staat": In Wahrheit können die Terroristen ihre Schreckensherrschaft nur mit Hilfe sunnitischer Scheichs ausüben. Der Erfolg der irakischen Regierung im Kampf gegen den IS hängt davon ab, ob sie die Clans zu Verbündeten machen kann.

Eine Analyse von Markus C. Schulte von Drach

Sie erheben den Anspruch, einen Gottesstaat zu errichten - mit einem einzigen weltlichen Herrscher über alle Muslime: Am 29. Juni 2014 ruft die Terrorgruppe "Islamischer Staat im Irak und der Levante/Syrien" (Isis) das Kalifat aus. Sie erklärt den Iraker Abu Bakr al-Baghdadi zum Kalifen. Sie ändert ihren Namen in "Islamischer Staat" - beeindruckt von ihrem eigenen raschen Vormarsch in Syrien und im Irak. Werden die Gotteskrieger weitere Regionen erobern und ihren Einfluss auf andere Länder ausweiten?

Ein Blick auf die Bereiche, die das "Kalifat" im Irak heute umschließt, deutet eine andere Entwicklung an. Der IS übernehme und festige seine Macht "im begrenzten geografischen Raum eines einzelnen Nationalstaates", schreibt bereits im Juli vergangenen Jahres Yezid Sayigh vom Carnegie Middle East Center in Beirut. In jenem Raum, "in dem seine eigentliche soziale Basis liegt". Gemeint ist eine Art Nationalstaat dort, wo im Irak überwiegend arabische Sunniten leben.

Es spricht viel dafür, dass der Wissenschaftler recht behält. Der Machtbereich des selbst ernannten sunnitischen "Kalifen" entspricht im Irak jetzt schon längere Zeit fast exakt denjenigen Regionen, in denen vor allem arabisch-sunnitische Stämme leben.

Von schiitischen Arabern oder von Kurden dominierte Gebiete gehören kaum dazu. Und die Grenzen des "Kalifats" - beziehungsweise die Fronten - gehen durch Regionen, in denen neben den sunnitischen auch viele schiitische Araber, sunnitische Kurden und andere Bevölkerungsgruppen leben. In Syrien ist die Lage zwar unübersichtlicher. Doch ein Zusammenhang zwischen der religiösen und ethnischen Zugehörigkeit mit dem Grenzverlauf des IS ist auch hier offensichtlich.

Innerhalb seiner Grenzen ist es dem "Kalifat" gelungen, straff organisierte Strukturen zu schaffen, mit Gerichtsbarkeit, eigenen Finanzquellen, einem ausgefeilten Sozialsystem inklusive Krankenversicherung. Das belegten Dokumente aus den Jahren 2013 und 2014, die bei dem Anfang Juni erschossenen "Kriegsminister" des IS, Abdel Rahman al-Bilawi, entdeckt wurden. Auch das spricht dafür, dass eine gewisse "soziale Basis" existiert, von der Sayigh schreibt.

Religionen im Irak

(Foto: Dr. Michael Izady, Gulf2000/Columbia University, New York)

Doch die Erklärung, dass sich die irakischen Sunniten die Religion mit den Terroristen teilen, ist zu einfach. Eine wichtige Rolle spielt auch die Stammeskultur. Das belegt eindringlich die aktuelle Entwicklung in der sunnitischen Stadt Tikrit, wo lokale Stämme sich entscheiden müssen, ob sie den IS unterstützen oder die Offensive der Armee.

Insgesamt existieren im Irak ungefähr 150 Stämme, die sich in etwa 2000 Clans und weiter in Unterclans aufspalten, die von Scheichs angeführt werden. Und die meisten Angehörigen fühlen sich ihrem Stamm stärker verbunden als jeder anderen Gruppe, Organisation oder gar einer nationalen Regierung in Bagdad.

Stammesgebiete und religiöse Gruppen im Irak

(Foto: CIA)

Ein Versuch, die Entstehung des IS vor diesem Hintergrund zu verstehen, kann mit dem Regime von Saddam Hussein und seinem Sturz durch die US-Armee 2003 beginnen.