Drohender Bürgerkrieg im Irak Warum die Dschihadisten von Isis so gefährlich sind

Zerstörtes Fahrzeug der irakischen Sicherheitskräfte in Mossul.

(Foto: AFP)

Islamisten kontrollieren immer mehr Städte im Norden und Westen des Irak. Die Regierung in Bagdad ist hilflos und ahnungslos, urteilt Guido Steinberg. Im Gespräch mit SZ.de erklärt der Nahost-Experte, wieso die sunnitischen Extremisten von Isis plötzlich so stark sind - und sich sogar al-Qaida von ihnen distanziert.

Von Markus C. Schulte von Drach

2008 wurde der Bürgerkrieg im Irak beendet, die unterlegenen Sunniten protestierten allerdings weiterhin gegen die von Schiiten dominierte Regierung in Bagdad. Immer wieder kam es zu Kämpfen und Anschlägen. Nun erobert der Al-Qaida-Ableger Isis im Norden und Westen des Landes eine Stadt nach der anderen. Fragen an Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

SZ.de: Kämpfer der Miliz Islamischer Staat im Irak und in Syrien, kurz Isis (auch Islamischer Staat im Irak und der Levante), haben Mossul und weitere Städte im Norden des Irak erobert. Sie kontrollieren immer größere Gebiete. Wer sind diese Kämpfer?

Guido Steinberg: Die Isis ist in gewisser Weise ein Überbleibsel der großen Aufstandsbewegung, die sich nach dem Krieg mit den USA 2003 gebildet hatte. Eine der Gruppen damals war die irakische al-Qaida. Aus der ist Isis hervorgegangen.

Aber der Bürgerkrieg wurde doch 2008 durch die USA beendet, der sunnitische Aufstand wurde niedergeschlagen.

Die Regierung in Washington hat damals den Sieg erklärt, aber auch deutlich gesagt, dass es Gruppierungen gibt, die noch aktiv sind. Es existierten außer der al-Qaida einige große Gruppen mit mehreren 10 000 Mann, die die Amerikaner bekämpft hatten. Die gab es danach nicht mehr. Die irakische al-Qaida war noch präsent. Aber, wie man glaubte, entscheidend geschwächt.

Wieso ist diese Gruppe jetzt so überraschend stark?

Weil ihre Gegner, die Regierung in Bagdad und die Armee, so schwach sind. Die Amerikaner sind seit 2011 weg, und auch die waren schon nicht in der Lage, die Organisation zu zerschlagen. Die Regierung unter Ministerpräsident Nuri al-Maliki hat seit Anfang 2012 und eigentlich auch vorher schon alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Im Irak findet ein Raubzug einer korrupten Elite von Bagdad aus gegen das Land statt. Unter diesen Bedingungen kann man nicht erwarten, dass der Staat funktioniert.

Welche Rolle spielt die Religionszugehörigkeit?

Maliki ist Schiit und er hat - übrigens gegen den Widerstand der Amerikaner - versucht, jegliche Beteiligung von Sunniten und Säkularisten an der Regierung zu verhindern. Ganz deutlich ist das seit 2010 erkennbar, als deren gemeinsame Irakische Liste die Wahlen gewonnen hatte. Die schiitischen Parteien konnten aber zusammen verhindern, dass sie den Ministerpräsidenten stellten.

Der Regierung fehlt also die Unterstützung in der sunnitischen Bevölkerung.

Dieses mangelnde Vertrauen hat eine große sicherheitspolitische Bedeutung. Die Regierung in Bagdad hat über einige Städte wie Falludscha und die Provinzhauptstadt Ramadi mit mehrheitlich sunnitischer Bevölkerung schon lange keine Kontrolle mehr. Auch Mossul ist schon lange unregierbar, Isis erhebt dort sogar Steuern. Und Bagdad bekommt keine Informationen mehr. Für die Bekämpfung von Gruppen wie al-Qaida und Isis ist dies aber das A und O. Das hatten die Amerikaner verstanden und die Situation war deshalb seit 2006 besser unter Kontrolle. Seit ihrem Abzug ist die Regierung in Bagdad dort gewissermaßen blind. Das ist einer der Schlüssel, wenn man verstehen will, was gerade vor sich geht.

Wie steht die Bevölkerung in diesen Städten zu den Isis-Kämpfern?

Die Sunniten sind mehrheitlich keine Freunde von al-Qaida oder Isis, aber sie sind die Feinde der Regierung. Sie hassen Maliki und seinen gesamten Apparat. Deswegen stehen die meisten abseits und versuchen nur, zu überleben. Das reicht schon, damit eine relativ kleine Organisation wie Isis mit einigen Hundert Kämpfern eine Millionenstadt wie Mossul überrennen kann.

Welche Rolle spielt der Bürgerkrieg in Syrien für die Entwicklung im Irak? Isis kämpft schließlich für einen islamischen Staat in Irak und Syrien.

Unter den Sunniten im Irak hatte der Aufstand ihrer Glaubensbrüder in Syrien die Hoffnungen geweckt, dass sie mit Unterstützung einer neuen, sunnitisch geprägten Regierung in Damaskus an Bedeutung gewinnen könnten. Das hat ihren Widerstand gegen Bagdad angefeuert. Die Hoffnung auf einen Sturz Assads ist aber nur noch gering. Isis will die Grenze zwischen den beiden Staaten überwinden. Ihr Nahziel ist, die Regionen mit mehrheitlich sunnitischer Bevölkerung im irakischen Westen und Nordwesten und im syrischen Norden und Nordosten zu kontrollieren. In Syrien bestimmt sie bereits über Territorien bis hin zur türkischen Grenze - allerdings gegen den Willen der anderen syrischen Aufständischen. Selbst al-Qaida hat sich von ihnen distanziert, weil sie die islamistischen Gruppen in Syrien entzweien. Isis ist in Syrien isoliert. Letzten Endes beeinflusst die Lage in Syrien die Situation im Irak noch nicht entscheidend - auch wenn Bagdad etwas anderes behauptet.

Wie soll die irakische Regierung auf die Angriffe der Isis reagieren?

Bagdad wird die betroffenen Regionen vermutlich lange Zeit nicht unter Kontrolle bringen können. Es besteht die Gefahr, dass sich dort längerfristig ein rechts- und staatsfreier Raum entwickelt, in dem Isis operieren kann. Die Regierung wird es kaum dulden, wenn Mossul als zweitgrößte Stadt in der Hand der Isis ist. Allerdings ist das Militär offensichtlich nicht ausreichend zum Kämpfen motiviert, um die Stadt zurückzuerobern. Bagdad könnte die Situation akzeptieren - was ich für unwahrscheinlich halte. Die Armee könnte wie bereits in Falludscha mit Artillerie vorgehen, was viele Todesopfer auch unter Zivilisten fordern und große Flüchtlingsbewegungen auslösen wird. Vielleicht setzt sie auch vermehrt auf schiitische Milizen. Die sind hochmotiviert und loyal. Das könnte aber zu einem Bürgerkrieg führen.

Was lässt sich auf der politischen Ebene tun?

Die Regierung muss auf die Sunniten und Säkularisten zugehen, um Isis politisch zu isolieren. Aber politische Ansätze, um die Bevölkerung zu gewinnen, reichen ganz sicher nicht aus, um die Kontrolle zurückzubekommen. Die Isis-Kämpfer sind ein militärischer Faktor, den man bekämpfen muss. Wie das geht, haben die USA vorgemacht. Übrigens will Isis nicht nur eine Rolle im Irak und in Syrien spielen, sondern weltweit. Und der Irak ist nicht so weit entfernt von Europa. Von diesem Al-Qaida-Ableger geht auch für uns eine sehr konkrete Bedrohung aus. Das hat der Anschlag mit vier Toten im Jüdischen Museum Brüssel gezeigt. Der wurde von einem Isis-Mitglied verübt.