SPD "Und dann gehst du, Kevin, in Rente"

Kühnert am Freitag auf einer Veranstaltung in Leipzig, wo er sich erneut gegen eine große Koalition ausspricht.

(Foto: dpa)
  • Trotz des Verzichts von Martin Schulz auf das Amt des Außenministers will Juso-Vorsitzender Kevin Kühnert an seiner Kampagne gegen die große Koalition festhalten.
  • Bei einem Auftritt in Leipzig erntet er viel Zustimmung.
  • Kritik kommt aus den Reihen altgedienter SPD-Mitglieder, die an die Entstehung der Ära Kohl erinnern.
Von Antonie Rietzschel, Leipzig

Katja Pähle muss jetzt mal was klarstellen: "Ich bin nicht die Parteivorsitzende." Pähle ist Fraktionsvorsitzende der SPD in Sachsen-Anhalt - und Befürworterin der großen Koalition. Damit hat sie es an diesem Abend schwer. Ungefähr 100 Menschen haben sich in einer Leipziger Galerie versammelt, um über den Koalitionsvertrag zu diskutieren.

Bei Pähle laden an diesem Abend viele SPD-Mitglieder ihren Ärger ab. Sie nehmen ihr den Pragmatismus übel, Aussagen wie: Es wisse doch jeder, dass es sich beim Koalitionsvertrag nicht um ein SPD-Programm handelt, sagt sie. Aber die Wähler setzten Hoffnungen in die Partei und die dürften nicht enttäuscht werden. Pähle wird manchmal unterbrochen, bis sie eine Ansage macht.

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Gegenpart und Star des Abends ist Kevin Kühnert, Chef der SPD-Jugendorganisation (Jusos). Kühnert tourt seit diesem Freitag mit der "No-Groko-Kampagne" durch Deutschland. Mit seiner Position trifft er den Nerv der meisten Zuhörer. Die Partei brauche eine komplette Erneuerung, bevor sie wieder regieren könne, sagt Kühnert. Dazu gehöre auch eine "personelle Entflechtung". "Ich bin nicht sicher, ob die SPD mit diesen Leuten den Turnaround so nebenbei schafft." Gerade gebe es ja ein großes Heckmeck.

Namen nennt er nicht. Aber Kühnert spielt auf die Debatte der letzten Tage an: Erst erklärte Martin Schulz, er wolle den Parteivorsitz an Andrea Nahles übergeben und strebe das Amt des Außenministers an. Der Noch-Außenminister Sigmar Gabriel reagierte beleidigt. Kühnert, der die personellen Diskussionen schon länger kritisiert, saß in der sächsischen Kleinstadt Pirna mit Flüchtlingshelfern und SPD-Mitgliedern zusammen, als die Nachricht kam, Schulz verzichte nun doch auf das Außenministerium zugunsten einer inhaltlichen Debatte über den Koalitionsvertrag. Eine gute oder schlechte Nachricht? Dazu äußert sich Kühnert nicht.

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Stattdessen führt er seine Idee von personeller Entflechtung weiter aus. Aus seiner Sicht gebe es eine zu enge Verbindung zwischen Bundestagsfraktion und Partei. Er berichtet von einer Vorstandssitzung, bei der die Fraktionsmitglieder Druck gemacht hätten, über ein bestimmtes Thema schnell abzustimmen, weil man noch Fraktions-Termine habe. "Das kann nicht sein." Die Worte gehen im Applaus unter.

Kühnert reißt mit - aber er kann nicht alle im Publikum mit seiner "No-Groko-Kampagne" überzeugen. Hinten in der letzten Reihe meldet sich ein älterer Herr. Manfred Werske, seit 50 Jahren SPD-Mitglied. "Damals haben wir heftig gegen Helmut Schmidt demonstriert - und uns wurde gesagt: 'Wenn ihr den stürzt, dann werden die Schwarzen sehr lange regieren.'" Der junge Manfred Werske konnte das damals nicht glauben, dann kamen 16 Jahre Helmut Kohl. Der ältere Manfred Werske hat daraus seine Lehren gezogen: "Wenn wir jetzt nicht in diese Koalition gehen, dann verschwinden wir für 25 Jahre. Und dann gehst du, Kevin, in Rente."

Nach einer Stunde haben sich die Diskussionsthemen nicht erschöpft - aber die Zeit ist um. Am Ende appelliert Kühnert an alle "deren Herz in die eine oder andere Richtung tendiert: Bleiben Sie dieser Partei treu". Katja Pähle hat nichts hinzuzufügen.

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