Seymour Hersh zu Sarin-Einsatz in Syrien Was wusste Obama über das Giftgas?

Barack Obama und sein Vizepräsident Joe Biden geben am 31. August vor dem Weißen Haus in Washington ein Presse-Statement zur Situation in Syrien ab

Im Sommer stand Amerika kurz vor einem Angriff auf Syrien. Grund waren die Giftgas-Attacken auf Zivilisten. Der Enthüllungsjournalist Seymour Hersh wirft Obama nun vor, damals Fakten verschwiegen zu haben, um eine Attacke zu rechtfertigen. Doch andere Experten widersprechen dem Pulitzer-Preisträger.

Von Matthias Kolb

Seit er 1969 das Massaker von US-Soldaten im vietnamesischen My Lai aufgedeckt hat, gehört Seymour Hersh zu den bekanntesten Investigativjournalisten Amerikas. Der heute 76-Jährige schrieb 2004 im New Yorker als erster Reporter über Folter im irakischen Gefängnis Abu Ghraib und hat bis heute sehr gute Kontakte in die amerikanische Geheimdienst- und Militärszene. Zuletzt warf Hersh dem Weißen Haus vor, nach der Ermordung von Al-Qaida-Chef Osama bin Laden die Öffentlichkeit getäuscht zu haben: "Nicht ein einziges Wort" der offiziellen Statements sei wahr.

In den vergangenen Wochen und Monaten hat sich Hersh ausgiebig mit dem Einsatz von Giftgas in Syrien am 21. August 2013 beschäftigt und wirft nun in der London Review of Books US-Präsident Barack Obama vor, nur jene Informationen über die Giftgas-Attacken in Syrien mitgeteilt zu haben, die der eigenen Argumentation dienten. Obama habe die Welt überzeugen wollen, dass ein Militärangriff auf Syrien gerechtfertigt sei und deswegen stets betont, dass nur das Regime von Diktator Baschar al-Assad im Besitz des chemischen Kampfstoffs Sarin gewesen sein könnte.

Dabei hält nicht nur das Weiße Haus die syrische Regierung für schuldig: Ein ganzes Bündel von Indizien hat neben der Merkel-Regierung andere westliche Staaten, unabhängige Experten und europäische Geheimdiensten sowie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zu dem gleichen Schluss geführt. Der Brite Eliot Higgins, der sich intensivst mit dem Bürgerkrieg in Syrien und den dort verwendeten Waffen beschäftigt, hält Hersh in einem Gastbeitrag für Foreign Policy vor, die aktuellsten Erkenntnisse zum Thema zu ignorieren.

Doch auch wenn es zu dem US-Angriff auf Syrien nicht gekommen ist und die syrischen Chemiewaffen nach russischer Vermittlung mittlerweile unter Verschluss der UN-Chemiewaffenkontrolleure stehen und bis Mai 2014 zerstört werden sollen, sind die Recherchen von Seymour Hersh weiterhin interessant. Dies sind die Kernaussagen des ausführlichen Texts, der jedoch keine eindeutigen Belege liefert:

  • Das Weiße Haus ignorierte die Möglichkeit, dass Dschihadisten Sarin herstellen können. Der schwerwiegendste Vorwurf steckt bereits im ersten Absatz: In den Wochen vor dem Giftgas-Einsatz am 21. August 2013 hätten die US-Geheimdienste in mehreren streng geheimen Berichten festgehalten, dass auch die islamistische Al-Nusra-Front in der Lage sei, größere Mengen Sarin zu produzieren. Al-Nusra steht dem Terrornetzwerk al-Qaida nahe. In seiner TV-Ansprache am 10. September habe Obama jedoch so argumentiert, dass der Nachweis von Sarin durch Geheimdienstagenten und UN-Inspekteure das Assad-Regime als Täter identifiziere - laut Hersh wurden also nur jene Argumente ausgewählt, die einen Militärschlag gerechtfertigt hätten. Als Quellen nennt der Pulitzerpreisträger ehemalige und aktive Geheimdienstler, die "sehr besorgt und mitunter verärgert" seien und der Regierung die Manipulation von Informationen vorwerfen: "When the attack occurred al-Nusra should have been a suspect, but the administration cherry-picked intelligence to justify a strike against Assad."
  • Die NSA konnte Assads Kommunikation nicht überwachen. Die Datensammelwut der National Security Agency bestürzt viele Menschen in aller Welt, doch laut Hersh zeigt der Bürgerkrieg in Syrien die Grenzen der NSA auf. Zwischen dem 20. und 22. August habe es in den täglichen Briefings der Dienste für Obama keine einzige Info über Syrien gegeben: Deswegen erfuhr das Weiße Haus genauso schnell wie Otto Normalbürger, was sich in den Randbezirken der Hauptstadt Damaskus abspielte. Aus einigen Dokumenten, die der Whistleblower Edward Snowden publik gemacht hat, gehe hervor, dass die NSA nicht mehr die Kommunikation im Büro von Syriens Präsident Baschar al-Assad überwachen könne. Zwar gebe es ein geheimes System, das die USA und Israel informiere, wenn Sprengköpfe mit Sarin bestückt würden - doch dieses habe Ende August nicht mehr funktioniert. Die NSA zeichne zwar den Funkverkehr zwischen syrischen Militäreinheiten auf, doch dieser würde nur nach Bedarf analysiert. Nach dem Sarin-Einsatz seien diese Funksprüche rückwirkend durchsucht worden - jedoch nur nach Indizien, die für die Täterschaft des Assad-Regimes sprechen. Hershs radikales Urteil: Diese Methode ähnele "dem Prozess, mit dem der Irakkrieg gerechtfertigt werden sollte".
  • Die Mainstream-Medien versagen. Bereits in den vergangenen Wochen und Monaten hatte Hersh die US-amerikanischen TV-Sender sowie seinen früheren Arbeitgeber, die New York Times, für ihre unkritische Arbeit kritisiert (mehr in diesem Guardian-Text). In seinem aktuellen Text beklagt er, dass die Medien die Angaben des Weißen Hauses ziemlich fraglos übernommen und kritische Wissenschaftler ignoriert hätten. Hersh verweist auf zwei renommierte Experten namens Richard Lloyd und Theodore Postol: Als sie Anfang September eine Studie veröffentlichten, wonach am 21. August eine unerwartet hohe Menge an Sarin eingesetzt wurde, berichtete die NYT ausführlich. Jüngst legte Postol, der am renommierten Massachusetts Institute of Technology lehrt, eine weitere Studie vor, wonach die bei dem Einsatz verwendeten Raketen "sehr wahrscheinlich" vor Ort hergestellt worden seien. Da dies der offiziellen Darstellung widerspreche, habe die NYT nicht eine Zeile über diese Studie gedruckt, so Hershs Vorwurf.
  • Bürger wissen nicht, wieso Obama seine Position änderte. Für Hersh drängt sich noch eine weitere Frage auf: Warum war der US-Präsident trotz der von ihm voller Überzeugung vorgetragenen Schuld Assads dann doch bereit, keinen Militärschlag anzuordnen und der Diplomatie eine Chance zu geben? Er hält es für möglich, dass Obama irgendwann mit widersprüchlichen Informationen konfrontiert wurde - und deshalb den Angriffsplan trotz der zu erwartenden Kritik der Republikaner abgeblasen habe:

Und was sagt die Obama-Regierung zu den Vorwürfen? Nachrichtendienstliche Erkenntnisse über den Giftgas-Einsatz hätten klar ergeben, "dass nur das Assad-Regime dafür verantwortlich sein konnte", erklärte Shawn Turner vom Büro des nachrichtendienstlichen Direktors James Clapper. Er wies auch Hershs These zurück, das Weiße Haus habe Informationen hinsichtlich der islamistischen Al-Nusra-Front unterdrückt.

Unterdessen wurde bekannt, dass sowohl Hershs Stammpublikation The New Yorker als auch die Washington Post eine Veröffentlichung des Artikels abgelehnt hatten. Michael Calderone, Medienredakteur der Huffington Post, berichtet, die Washington Post habe diesen Schritt damit begründet, dass die Quellenlage ihren Standards nicht genügt habe. Gerade der New Yorker ist für seine rigorose Factchecking-Abteilung bekannt - eine Veröffentlichung in diesem Magazin hätten die Thesen des 76-Jährigen noch glaubwürdiger gemacht.

Hersh selbst stört die Ablehnung offenbar nicht. Er mailte der Huffington Post folgendes Statement: "Solche Sachen passieren bei komplizierten Geschichten, die ein Nicht-Redakteur anbietet. Als freier Autor darf man nicht zimperlich sein."

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde nach der ersten Publikation aktualisiert, um die Kritik anderer Experten an Hershs Argumenten einzuarbeiten.

Linktipps: Der komplette Artikel von Seymour Hersh ist auf der Website der London Review of Books nachzulesen. Der britische Syrien-Blogger Eliot Higgins (auch bekannt als Brown Moses) wirft Hersh in Foreign Policy vor, aktuelle Erkenntnisse in seinem Text vernachlässigt zu haben. Seine Argumente untermauert Higgins mit vielen Videos.