"Pussy Riot"-Anwalt Mark Fejgin "Putin will seine Macht demonstrieren"

Weil sie mit einer "Punk-Andacht" gegen Putin demonstrierte, muss sich die Band "Pussy Riot" an diesem Montag vor Gericht verantworten. Ihr Anwalt Mark Fejgin erklärt, warum die drei Aktivistinnen für Putin eine Gefahr darstellen - und warum die Menschen in Russland erst langsam begreifen, was die Frauen bezwecken wollten.

Interview: Hannah Beitzer

Drei junge Künstlerinnen der russischen Anti-Putin-Band "Pussy Riot" stehen an diesem Montag in Moskau vor Gericht: Nadjeschda Tolokonnikowa, 22, Maria Aljochin, 24, und Jekaterina Samuzewitsch, 29, hatten am 21. Februar mit einer "Punk-Andacht" vor dem Altar der Christi-Erlöser-Kirche in Moskau die Gottesmutter angefleht, Russland von Präsident Wladimir Putin zu erlösen. Den Frauen, von denen zwei Mütter kleiner Kinder sind, drohen nun bis zu sieben Jahre Haft wegen Rowdytums.

Wie eine Schwerverbrecherin wird die Künstlerin Nadjeschda Tolokonnikowa, 22, vorgeführt.

(Foto: AFP)

Nichtregierungsorganisationen und russische Oppositionelle befürchten einen Schauprozess, Amnesty International hat die Frauen als politische Gefangene anerkannt. Im Internet sammeln Unterstützer der Band Geld für die drei Angeklagten. Wir haben mit Mark Fejgin, einem der Anwälte von "Pussy Riot", gesprochen.

Süddeutsche.de: Der Prozess gegen "Pussy Riot" soll live auf der Internetseite des Gerichts übertragen werden - ist das für Ihre Klientinnen eher von Vor- oder von Nachteil?

Mark Fejgin: Zunächst ist es natürlich sehr gut, wenn das Verfahren öffentlich ist. Wir haben so die Gelegenheit, alles korrekt darzustellen. Im Februar ist ziemlich viel herumerzählt worden, was die drei Frauen in der Kirche gemacht hätten, da war sogar von Sexorgien die Rede. Wir werden beweisen, dass das alles nicht stimmt. Allerdings organisiert das Gericht die Übertragung. Ich kann deshalb nicht dafür garantieren, dass es tatsächlich ein komplett offener, transparenter Prozess wird.

Süddeutsche.de: Der Prozess gegen "Pussy Riot" spaltet Russland. Die Opposition hält ihn für politisch motiviert, Regimekritiker und Künstler sammeln Unterschriften für die Freilassung der drei Frauen. Doch sprachen sich in einer Umfrage des Lewada-Instituts 47 Prozent der Bevölkerung für eine Bestrafung aus.

Fejgin: Ich denke, die Stimmung ändert sich langsam. Wir erreichen zunehmend, dass Menschen, die die Aktion von "Pussy Riot" an sich nicht gut fanden, immer mehr die humanitäre Seite wahrnehmen. Wir müssen ihnen vermitteln: Die Punk-Andacht war vielleicht nicht unbedingt schön oder jedermanns Sache. Aber es handelte sich nicht um Rowdytum, sondern um eine Form des politischen Protests. Radikaler, extremer Protest, sicher. Dennoch sind die Mitglieder von "Pussy Riot" nicht einfach irgendwelche Hooligans.

Süddeutsche.de: In letzter Zeit gab es viele Protestaktionen - doch keine hatte derart gravierende Folgen für die Beteiligten wie der Auftritt von "Pussy Riot". Weshalb gehen die Behörden ausgerechnet gegen die drei Künstlerinnen vor?

Fejgin: Zunächst einmal sind sie natürlich nicht die einzigen Oppositionellen, gegen die Verfahren laufen. Aber dennoch: Die Punk-Andacht in der Kirche trifft das System in seinem Innersten. Das Verhältnis von Staat und Kirche ist in Russland geradezu archaisch. Religion spielt eine enorm wichtige Rolle für den Machterhalt, die Kirche dient dem Staat und umgekehrt. "Pussy Riot" greift diese traditionelle Gesellschaftsform an.

Süddeutsche.de: Welches Signal sendet der Prozess an die Opposition?

Fejgin: Ganz klar - Wladimir Putin will seine Macht demonstrieren. Wir haben in Russland ein autoritäres System. Putin sagt den Menschen: Ihr dürft reisen so viel ihr wollt, ihr dürft euren Geschäften nachgehen, ihr dürft Geld verdienen - aber wehe, ihr legt euch mit der Macht an. An "Pussy Riot" zeigt er jetzt, was mit Leuten geschieht, die gegen dieses Gebot verstoßen. Denn im Grunde haben wir keine unabhängigen Gerichte, unsere Gesetze werden nicht immer richtig ausgelegt. Da läuft viel über Korruption und Vetternwirtschaft.

Süddeutsche.de: Könnte der harte Umgang mit "Pussy Riot" die Protestbewegung zum Erlahmen bringen?

Fejgin: Nein, das glaube ich nicht. Wir alle verstehen, dass das Russland, wie es heute ist, keine Zukunft hat. Wir brauchen einen Wandel. Auch Putin merkt, dass der Wind sich dreht. Nach den Protesten im Dezember und im März hat die Regierung deswegen die Repression gegen die Opposition gesetzlich verschärft. "Pussy Riot" stehen für liberale Ideen, für Freiheit, für die Trennung von Kirche und Staat. Sie haben sich für diese Ideale geopfert.