Proteste gegen AfD "Weg vom links-rot-grün verseuchten 68er-Deutschland"

Ein heikler Moment für die Polizei: Im Jahr 2010 war ein Polizeieinsatz gegen Kritiker des Tiefbahnhofs Stuttgart 21 aus dem Ruder gelaufen, die Lage eskalierte, Wasserwerfer begannen zu spritzen - und 160 Menschen wurden verletzt, mehrere davon schwer. Seitdem hat im Südwesten bei Demos kein Wasserwerfer mehr seine Pumpen angeworfen. Jetzt geht der Einsatz glimpflicher ab. Zwar erleiden nach Angaben des Demonstrationsbündnisses mehrere Menschen Augenreizungen durch Pfefferspray-Ladungen der Polizei, die wiederum drei Leichtverletzte beklagt. Aber schwere Verletzungen und das große Chaos bleiben offenbar aus, auch weil die Beamten schließlich mehrere hundert Demonstranten festsetzen.

Allerdings beginnt der Parteitag dann mit mehr als einer Stunde Verspätung - es dürfte den Blockaden geschuldet sein, aber auch den unerwartet vielen Teilnehmern: Um zehn Uhr sind die Anmeldestände immer noch von hunderten Teilnehmern belagert, an Nebentischen füllen Menschen Mitgliedsanträge aus. Am Ende ist die Halle beinahe zu klein, in der groß plakatiert ist: "Mut. Wahrheit. Deutschland." Als der stellvertretende AfD-Chef Jörg Meuthen schließlich seinen Anhängern zuruft, die AfD wolle "weg vom links-rot-grün verseuchten 68er-Deutschland", da tobt der Saal.

Drinnen Diskussionen - draußen Protest

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Polizisten werden mit Kot-Beuteln beworfen

Auch in der Stadt selbst, unten im Talkessel, formiert sich Widerstand: Am Mittag marschiert am Hauptbahnhof ein Demonstrationszug mit vielleicht 3000 oder 4000 Teilnehmern - die Polizei spricht von 1800 Menschen - aus verschiedenen Lagern los: IG Metall-Fahnen sind zu sehen, die Grüne Jugend ist da, die Linkspartei, ganz vorne marschiert der Schwarze Block, wie stets bei solchen Großveranstaltungen; ganz hinten, das ist ungewöhnlich, ein weißer Block: in Maleranzüge gewandete Demonstranten. Eine Rauchbombe wird gezündet, so wie in den Fußballstadien. Auf einem Transparent steht ein etwas abgewandeltes Bibelzitat: Nazis zu Pflugscharen. Nach dem Zug durch die Innenstadt stellt ein Polizeisprecher fest: Es sei nicht zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen, abgesehen von mit Kot gefüllten Beuteln, mit denen einige seiner Kollegen beworfen worden seien.

Im Neuen Schloss schließlich formiert sich an diesem Tag der, wenn man so will, ganz bürgerliche Protest gegen die AfD. Die Theodor-Heuss-Gesellschaft verleiht zum Gedenken an den ersten Bundespräsidenten Deutschlands wie jedes Frühjahr Medaillen an Vertreter der Zivilgesellschaft. Das Thema diesmal, wie passend zum Zeitgeschehen, wie passend als Gegenentwurf zur AfD-Veranstaltung: Flucht nach Europa. Ausgezeichnet werden verschiedene Vereine und auch die "stillen Helfer" in der Flüchtlingskrise, diejenigen, die kaum je in Erscheinung treten, die oft als "Gutmenschen" geschmäht werden von Leuten, die nicht anpacken. "Unser Land kann Solidarität", beschwört die grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer: "Ich sage das auch mit Blick auf die Ereignisse da draußen: Es muss uns wichtig sein, der Polarisierung entgegenzutreten!"

Twitter-Nutzer fordern unter #AfD mehr Aufmerksamkeit für Dackel

Mit der Zweckentfremdung des Hashtags wollen sie die Alternative für Deutschland bei ihrem Parteitag ärgern. mehr ... jetzt

"Der Islam gehört nicht nur zu Deutschland, er gehört zu Stuttgart"

In Stuttgart lebten Menschen aus 170 Nationen, erklärt Oberbürgermeister Fritz Kuhn; gerade seien auch 8500 Flüchtlinge in der Stadt: Um die kümmerten sich 3500 Menschen aus der Zivilgesellschaft, "denen gebührt mein und unser Dank". Viel Beifall gibt es da, von Grünen-Parteichef Cem Özdemir, von Daimler-Chef Dieter Zetsche, von FDP-Landeschef Michael Theurer und seiner Parteifreundin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, vom CDU-Bundestagsabgeordneten Stefan Kaufmann, der Politikprofessorin Gesine Schwan und all den anderen in Saal. Und diese Stadtgesellschaft, sagt Kuhn, werde es nicht akzeptieren, dass Stimmung gemacht werde, gegen den Islam: "Der Islam gehört nicht nur zu Deutschland, er gehört zu Stuttgart!" Das rufe er auch und gerade der AfD zu, der man allerdings nicht mit Gewalt begegnen dürfe, sondern mit Argumenten und mit Reden.

Ein Preisträger sind die "Clowns ohne Grenzen"; sie wollen Freude bringen, dort wo nur Elend ist. Was er sich wünsche für die Zukunft, wird einer aus der Truppe gefragt: Mehr Clowns, ruft er. "Denn Lachen ist die beste Medizin!" Oben auf der Messe diskutieren sie am Wochenende genau über die entgegengesetzte Aussage: Der Islam gehöre nicht zu Deutschland!