Popular Vote vs. Wahlmännerstimmen Hauchdünner Vorsprung wird zum klaren Sieg

303 zu 206 - das Ergebnis der Wahlmännerstimmen ist auch ohne die noch verbleibenden 29 "electoral votes" aus Florida eindeutig, Barack Obama fährt einen komfortablen Sieg ein. Doch die Zahlen täuschen: Die Demokraten konnten nicht die große Mehrheit der Amerikaner für sich gewinnen.

Von Charlotte Theile

Schon um 5 Uhr 18 rufen CNN, MSNBC und kurz darauf auch der konservative TV-Sender Fox News Barack Obama zum Sieger der Präsidentschaftswahl aus. Zu diesem Zeitpunkt geht Iowa, einer der entscheidenen Swing States, an die Demokraten. Später gewinnen sie auch in Colorado und Ohio - und werden vermutlich auch in Florida vornliegen. Nach dem "The Winner takes it all"-Prinzip, das im US-Wahlsystem entscheidet, bekommt Obama damit alle Wahlmännerstimmen dieser Staaten - und das, obwohl auch sein Herausforderer Mitt Romney hier mehr als vierzig Prozent der Wählerstimmen holen konnte.

Doch liegen zwischen dem Demokraten und dem Republikaner nur etwa 2.000.000 Wählerstimmen, ein Unterschied von gerade knapp zwei Prozent - ein knappes Ergebnis. Der Vorsprung von fast 100 Wahlmännern, den Obama gegenüber seinem Herausforderer hat, spiegelt dieses Unentschiedenheit in keiner Weise wider.

Hätte Mitt Romney nach Wahlmännerstimmen verloren, aber dennoch mehr als die Hälfte der Amerikaner auf seine Seite gebracht, hätte das die Legitimität Obamas erheblich beschädigt. Dieses sogenannte Popular Vote ist für viele Wähler eine wichtige Größe - auch wenn es nicht entscheidet, wer letztlich ins Weiße Haus einzieht.

Und so wird deutlich: Die Wahlkampfstrategie der Demokraten ist aufgegangen. In Staaten wie Ohio, Florida oder Pennsylviana gelang es, die eigene Stammwählerschaft zu mobilisieren. Mit Hilfe von Telefon-Aktionen, Großveranstaltungen und vielen jungen Wahlhelfern, die in den vergangenen Tagen noch einmal an jeder Tür klingelten, hinter der ein potenzieller Unterstützer des Präsidenten wohnen könnte, schafften es die Demokraten, auf den sogenannten Battlegrounds zu siegen.

Dass die Republikaner in Staaten wie Oklahoma, Texas oder Utah zum Teil mit 74 zu 24 Prozent vorne liegen, interessiert die Demokraten wenig: Da Wahlkampf hier ohnehin sinnlos gewesen wäre, konzentrierte man die Kräfte auf die Swing States. So gelang es den Demokraten, aus einem minimalen Vorsprung im Popular Vote einen maximalen Vorsprung im Electoral College zu machen - eine erfolgreiche Strategie.

Zweifel an der Legitimität

Unterstützer des Herausforderers Mitt Romney, allen voran Immobilien-Tycoon Donald Trump, nahmen das Popular Vote zum Anlass, die Legitimität von Obamas Sieg anzuzweifeln: Wer "the mandate", also den Willen des amerikanischen Volkes nicht sicher hinter sich wisse, sei nicht der wirkliche, gewählte Präsident der Vereinigten Staaten. Trump rief sogar über Twitter zur "Revolution" gegen dieses Wahlsystem auf, das strategische Siege wie den im Jahr 2000 ermögliche. Damals gewann der Republikaner George W. Bush die Wahl, obgleich sein Kontrahent Al Gore die Mehrheit der Wähler hinter sich versammeln konnte. Bezeichnenderweise hatten die, die jetzt den Untergang der Demokratie befürchten, damals keine größeren Bedenken, George W. Bush als Präsidenten zu akzeptieren.

Doch je mehr Stimmen ausgezählt werden, desto deutlicher wird, dass Obama auch bei einer Reform des Wahlrechts - die viele Initiativen anstreben - diese Wahl gewonnen hätte: Momentan kommt der Präsident auf etwa 58 Millionen Stimmen, sein Herausforderer auf circa 56 Millionen.

Damit liegt Obama zwar auch beim Popular Vote vorne, doch eines zeigt sich deutlich: 48 bis 49 Prozent der Amerikaner lehnen Barack Obama ab, das Land bleibt trotz des klaren Wahlsiegs der Demokraten tief gespalten.