Plagiatsvorwurf gegen Guttenberg Wenn es wieder schnell gehen muss

Manche Akademiker zahlen dafür, dass andere ihre Doktorarbeit schreiben. Fragt man solche Ghostwriter zur Causa Guttenberg, heißt es: "Hätte er sich bei uns gemeldet, wäre ihm das nicht passiert."

Von Lisa Sonnabend

Viel Zeit kann Karl-Theodor zu Guttenberg nicht gehabt haben für seine Doktorarbeit. Während der heutige Verteidigungsminister die 475-seitige Arbeit verfasste, saß er im Bundestag, wurde zum Obmann im Auswärtigen Ausschuss gewählt, war rüstungspolitischer Sprecher der Fraktion, Vorsitzender des CSU-Ortsverbands Guttenberg und Kreisrat im Kreistag Kulmbach, er leitete den Fachausschuss Außenpolitik der CSU und hatte mehrere Ehrenämter inne. Zudem hatte er zwei Töchter daheim, sie waren noch nicht einmal in der Schule. Wie kann jemand sich bei so viel Stress auf die Dissertation konzentrieren?

Dass Guttenberg sich für seine Arbeit offenbar bei mehreren Autoren bedient hat, ohne dies angemessen kenntlich zu machen, überrascht Thomas Nemet deswegen nicht. Und er muss es wissen. Der Akademiker aus Halle an der Saale hat so viele wissenschaftliche Texte verfasst wie kaum ein anderer in Deutschland. Nemet leitet seit sieben Jahren die Ghostwriting-Agentur Acad Write. "Plagiate können schon einmal vorkommen, wenn es schnell gehen muss", sagt Nemet. "Das darf jedoch nicht passieren, da es kein wissenschaftlicher Standard ist." Erwischt Nemet einen seiner Mitarbeiter, der Textbausteine kopiert, fliege dieser selbstverständlich sofort aus dem Unternehmen.

Auch andere Ghostwriter in Deutschland zeigen wenig Verständnis für das, was Guttenberg vorgeworfen wird. "Das ist haarig", sagt Markus Maier (Name geändert), Geschäftsführer einer der größten Ghostwriting-Agenturen in Deutschland. "Das darf man auf keinen Fall." Er habe die Berichterstattung über die Doktorarbeit des Verteidigungsministers in den Medien verfolgt. Wortwahl und Inhalt seien identisch geblieben. "Nur ab und zu wurde einmal ein Punkt dazwischengesetzt", kritisiert Maier. "Hätte Guttenberg sich bei uns gemeldet, wäre das nicht passiert."

Hätte der Verteidigungsminister sich jedoch tatsächlich bei ihm gemeldet, dann hätte er jetzt ganz andere Probleme. Während in der Politik oder Wirtschaft Redenschreiber dazugehören, müssen Akademiker ihre Werke selbst verfassen. Beauftragen sie einen Ghostwriter und geben trotzdem die eidesstattliche Erklärung ab, dass sie die wissenschaftliche Arbeit eigenständig und ohne fremde Hilfe verfasst haben, machen sie sich strafbar. Nemets Unternehmen Acad Write weist extra auf diese Gefahr hin - und bietet trotzdem seine Dienste an. Geht dann ein Auftrag ein, sucht Nemet aus seinem Pool einen geeigneten Mitarbeiter mit dem nötigen Fachwissen. Zunächst wird ein Exposé angefertigt. Gefällt dies dem Kunden, schreibt der Mitarbeiter weiter.

Das Motto des Unternehmens: "Du musst nicht alles wissen, um erfolgreich zu sein. Du musst nur wissen, wo du die Hilfe bekommst, die dich deinen Zielen näher bringt."

Für die Ghostwriter steht fest: Sollte Guttenberg die Hilfe anderer in Anspruch genommen haben - aber das hat bisher niemand ausdrücklich behauptet -, hätten diese ganz schön geschlampt. In der Ghostwriterszene gebe es viele schwarze Schafe, die für wenig Geld grandiose Abschlussarbeiten versprechen, meint Maier. Diese würden nur 20 Euro pro Seite verlangen - dementsprechend oft fänden sich in den Arbeiten Stellen mit Plagiaten: "Die können das ja sonst gar nicht anders leisten." Dieser Meinung ist auch Nemet: "Wenn Autoren wenig Geld bekommen, ist die Motivation natürlich gering." Bei Guttenberg war das Problem nicht das fehlende Geld, sondern möglicherweise wenig Zeit.

Für eine Arbeit von 60 Seiten Länge benötige ein Mitarbeiter je nach Komplexität der Materie eineinhalb bis zwei Monate - oder noch länger, sagt Nemet. Acad Write verdiene dafür zwischen 3000 und 10.000 Euro. Für Guttenbergs 475-seitige Arbeit zum Thema "Verfassung und Verfassungsvertrag: konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU" hätte ein Ghostwriter demnach länger als ein Jahr gesessen.

Ein 52-jähriger Ghostwriter aus Berlin, der schon mehr als 100 wissenschaftliche Arbeiten verfasst hat und lieber anonym bleiben will, sagt, für eine gute Dissertation brauche es eines: viel Zeit. "Ich würde deswegen gerne die Doktorarbeit von Angela Merkel oder Helmut Kohl genauer untersuchen", meint der 52-Jährige. Doch nun müsse er auflegen, er sei sehr beschäftigt: Der Berliner schreibt gerade an einer Doktorarbeit, seiner eigenen.

Seins oder nicht seins?

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