Piratenparteitag Verschleiß bei voller Fahrt

Erstaunlich konventionell verlief der Parteitag der Piraten: Sie behielten ihren alten Vorstand mit vertauschten Rollen bei. Doch es stehen arbeitsreiche Monate bevor, denn ohne Geld und mit völlig überarbeitetem Personal wird die Partei nicht lange durchhalten.

Eine Analyse von Hannah Beitzer und Claudia Henzler, Neumünster

Die Welle der Euphorie wird das kleine Boot der Piraten in wenigen Tagen wohl bis in die Landtage von Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen spülen. Es wäre ein schlechter Zeitpunkt gewesen, die Führungsmannschaft auszuwechseln. Deshalb ist das Ergebnis des Bundesparteitags der Piraten keine Überraschung: Der bisherige Vorsitzende Sebastian Nerz und sein Stellvertreter Bernd Schlömer bleiben an der Spitze, sie tauschen auf Wunsch der Basis lediglich die Ämter. Ihre Bereitschaft dazu hatten sie schon vor Monaten signalisiert.

Dennoch, mit dem Wechsel zu Bernd Schlömer werden die Piraten an Kante gewinnen: Er machte klar, dass seiner Ansicht nach ein Politiker nicht meinungslos sein darf - auch wenn er Vorsitzender der Piraten ist, die bekanntlich Führungskult ablehnen und ihren Chefs am liebsten nur Verwaltungstätigkeiten anvertrauen würden.

Dass das auf Dauer nicht gutgehen kann, musste der degradierte Ex-Vorstand Sebastian Nerz in den vergangenen Monaten auf bittere Weise erfahren: Am Schluss kritisierten ihn nicht nur mehr die Medien für seine Standardantwort "Dazu haben wir noch keine Position" - sondern auch die eigenen Parteifreunde fanden, er repräsentiere die Piraten zu zögerlich.

Auf Bernd Schlömer kommt nun keine leichte Aufgabe zu: Es wird nicht ausbleiben, dass er bei dem Versuch, die Prozesse der Piraten nach außen zu tragen, dem einen oder anderen Basismitglied auf die Füße tritt. Und die Basis ist misstrauisch: Einen Antrag, die Amtszeit des Vorstands auf zwei Jahre zu verlängern, lehnte sie ab. Die kurzen Amtszeiten sind für die misstrauischen Basispiraten die Garantie dafür, dass dem Vorstand die Macht nicht zu Kopfe steigt.

Noch im Dezember voller Euphorie

Was auf dem Parteitag in Neumünster nicht gelöst, sondern nur angedeutet wurde, sind die Probleme, die Schlömer, Nerz und ihre Mannschaft werden bewältigen müssen. Das Piratenboot, mit dem sich einst eine kleine Gruppe Netz-Lobbyisten vor die Harpunen der Zensur werfen wollte, muss bei voller Fahrt umgebaut werden. Bisher gibt es bei den Piraten keine Delegierten, jedes Mitglied soll über alles mitentscheiden dürfen. Doch gerade einmal 1450 Piraten waren nach Neumünster gereist, um die neuen Vorsitzenden zu legitimieren.

Von der euphorischen Stimmung, die noch im Dezember in Offenbach in der Luft gelegen hatte, war in Neumünster nicht mehr viel zu spüren. Den dortigen Parteitag eröffneten in Rauchschwaden gehüllte Fahnenschwenker, eine vor Energie sprühende Marina Weisband hielt die beste Rede ihrer Laufbahn, die Mitglieder feierten sich, den Wahlerfolg in Berlin, die neue Aufmerksamkeit - und fühlten sich sichtlich als Avantgarde, als Vorreiter einer neuen Bewegung.