Papst Benedikt XVI. kommt nach Berlin und soll im Bundestag sprechen. Die Grünen Ströbele und Beck stören sich daran - Ströbele will sogar demonstrativ das Parlament verlassen.
Die Materie ist sensibel, das Terrain unwegsam, die Einhaltung des Protokolls von größter Bedeutung. Der Papst soll im Bundestag sprechen, wenn er im Herbst 2011 Deutschland besucht. Und Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) gab bekannt, der Heilige Vater habe damit eine vor längerer Zeit ausgesprochene Einladung angenommen. Zufrieden soll das klingen, vier Jahre nach Lammerts Visite in Rom. Er selbst hatte den Papst damals eingeladen.
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Hinter den Mauern des Reichstags muss er keine Trillerpfeifen befürchten: Papst Benedikt XVI. will im September 2010 nach Berlin kommen. (© dpa)
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Doch nicht alle sehen der Rede Benedikts XVI. so freudig entgegen wie Lammert. Der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele kündigte an, er werde während der Rede das Parlament verlassen. Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, der sich für Schwule und Lesben einsetzt, meldete im Ältestenrat Bedenken an: Wenn der Papst im Bundestag spreche, müsse das anderen Religionsführern auch gestattet werden.
Weil die Grünen aber nicht als Kirchenfeinde gelten wollen, bemühte sich die Fraktionschefin Renate Künast, die Wogen zu glätten. "Vielen Berlinerinnen und Berlinern bedeutet dieser Besuch sehr viel. Viele von uns erwarten, dass Benedikt XVI. seinen Besuch mit einer Botschaft verbindet - gerade in unserer Stadt, in der so viele Kulturen und Religionen zusammenleben", sagte sie. "Ich freue mich, wenn wichtige Persönlichkeiten wie der Papst unsere Stadt besuchen."
Künasts Worte sind für das Erzbistum Berlin eine frohe Kunde. Dort hat man nach wie vor die Sorge, dass eine große Messe des Papstes unter dem freien Himmel der Hauptstadt für Pfeifkonzerte sorgen könnte, so wie 1996, als Johannes Paul II. am Brandenburger Tor von Demonstranten ausgebuht wurde. Berlin mit seiner schwul-lesbischen und kirchenkritischen Szene ist, vorsichtig ausgedrückt, kein Heimspiel für Katholiken. Umso größer war gerade im Erzbistum die Hoffnung, man möge einen ungefährlicheren Ort für den Papst-Auftritt finden. Eine Rede im Bundestag kommt da wie gerufen. Hinter den Mauern des Reichstags muss man keine Trillerpfeifen befürchten.
Mit der Entscheidung geht aber auch eine Serie diplomatischer Missgeschicke zu Ende. Lammert lud im Jahr 2006 den Papst während einer Feier der Römischen Verträge spontan ein, prompt reagierten in Berlin einige verstimmt, weil er sich zuvor nicht mit den Fraktionen abgestimmt hatte.
Kaum besser machte es der Berliner Erzbischof Georg Sterzinsky diesen November, als er nach Rom reiste. Auf die Frage eines Reporters, was er Benedikt XVI. in Berlin gerne zeigen würde, sagte er: "Ich würde ihm wünschen, dass er vor dem Bundestag reden darf." Wieder gab es Irritationen an der Spree, denn in den Bundestag lädt der Bundestag ein, nicht der Erzbischof. Entsprechend kühl antwortete Lammerts Sprecher damals auf entsprechende Nachfrage. Er sagte, derlei Pläne des Papstes seien ihm nicht bekannt geworden.
Immerhin, mittlerweile scheint das Hin und Her trotz der Bedenken einiger Grüner beendet. Nur eines ist noch nicht sicher: Ob der Papst am 22. September 2011 redet - oder doch einen Tag später.
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(SZ vom 18.12.2010/jab)
Szene München
"Berlin (RP). Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast hat Bedenken in ihrer Partei gegen eine Papst-Rede im Bundestag zurückgewiesen. "Der Papst ist eingeladen, das ist in Ordnung so", sagte sie dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". "Da gehen wir hin, und zwar respektvoll." Damit korrigierte Künast den Parlamentarischen Geschäftsführer Volker Beck, der sich am Freitag im Namen der grünen Bundestagsfraktion skeptisch zu einer Papst-Rede geäußert hatte."
... nicht das Maß aller Dinge, sondern ein ziemlich arroganter und wie man sieht auch voreingenommener Zeitgenosse. Bei ihm zählt nicht das gesprochene Wort, sondern da wird sofort dagegen protestiert, dass der Papst überhaupt Gelegenheit bekommen soll, im Parlament zu sprechen. Wie immer bei solchen Ankündigungen - sagt nichts über den Papst, aber viel über den Herrn Ströbele aus. Dass ihm speziell in diesem Forum manche beipflichten bzw. auf den Papst einprügeln werden, bevor dieser auch nur ein einziges Wort gesagt hat, steht bereits fest. Gleichwohl täte Herr Ströbele gut daran, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen.
disqualifiziert sich selbst. Er könnte auch gleich zuhause bleiben. Niemand wird ihn vermissen.
Wie kommt die SZ eigentlich dazu von einem "heiklen" Auftritt zu schreiben, noch bevor dieser stattgefunden hat?
Wenn Benedikt XVI. glaubt, den Holocaust auf „eine wahnwitzige, neuheidnische Rassenideologie“ zurückführen zu können, so wird er der verhängnisvollen und schuldbeladenen Rolle der christlichen Kirchen in den zurückliegenden Jahrhunderten, aber vor allem auch ihrer Rolle während der Nazizeit, nicht in ausreichendem Maße gerecht. Denn nicht nur der rassenideologisch begründete Völkermord der Nationalsozialisten ist für den einzigartigen Kulturbruch der Menschheit und die unvergleichbare Verletzung von Menschenrechten und Menschwürde verantwortlich, sondern auch der von den christlichen Kirchen seit Jahrhunderten gepredigte und praktizierte Antijudaismus hat in den Köpfen der Nazischergen eine unverwechselbare Spur der Verantwortungs- und Gewissenlosigkeit bei der Exekution des Völkermordes hinterlassen.
Ein Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der Deutschen Katholiken unter der Leitung von Werner Trutwin stellte 2002 zusammenfassend fest:
„Der kirchlicherseits oft gehörten Behauptung, der Antisemitismus habe seine Wurzeln nur außerhalb des Christentums, ist zu widersprechen : Zwar hat der Antisemitismus des Nazi-Regimes mit seiner Rassenlehre und seinem Vernichtungswillen gegenüber dem kirchlichen Antijudaismus eine neue Dimension erreicht, doch wäre der heidnische Antisemitismus ohne die Grundlegung des christlichen Antijudaismus nicht möglich gewesen. Die unheilige Allianz beider Überzeugungen führte zu Auschwitz.“
Paul Haverkamp, Lingen
Papst Benedikt muss zunächst sein defizitäres Geschichtsverständnis korrigieren
Das von Papst Benedikt formulierte Geschichtsverständnis hinsichtlich der Schuldverstrickungen der katholische Kirche während der NS-Zeit bleibt äußerst defizitär; besonders deutlich wurde diese Beobachtung bei seinem Aufenthalt in Auschwitz im Juni 2006.
„Es war und ist eine Pflicht der Wahrheit, dem Recht derer gegenüber, die gelitten haben, ein Pflicht vor Gott, als Nachfolger von Johannes Paul II. und als Kind des deutschen Volkes hier zu stehen – als Sohn des Volkes, über das eine Schar von Verbrechern (sic !!!) mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheißung der Größe, des Wiedererstehens der Ehre der Nation und ihrer Bedeutung, mit der Verheißung des Wohlergehens und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen hatte, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und der Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte…“ - Auszug aus einer Rede Benedikts bei seinem Auschwitz-Aufenthalt.
• War es wirklich nur eine (kleine?) Schar von Verbrechern? War nicht das deutsche Volk in erheblichem Maße involviert? Hat ein Großteil des deutschen Volkes z.B. in der Nacht vom 9./10. Nov. 1938 und in den folgenden Tagen nichts gesehen?
• Welche Rolle spielten eigentlich die Bischöfe und große Teile des Klerus?
Die Verharmlosung der deutschen Schuld (und der Schuld der Kirche!!!) bei seiner Rede in Auschwitz stellt für mich ein Hinderungsgrund dar, diesen Papst vor der deutschen Volksvertretung sprechen zu lassen. Der Papst hat mit seinem defizitären Geschichtsverständnis bezüglich der Rolle des deutschen Volkes und insbesondere der Rolle der Kirchen hinsichtlich der Verantwortung für die Shoa eine Grenzlinie überschritten, die sich keine frei und demokratisch gewählte deutsche Volksvertretung bieten lassen darf, weil dieser Papst mit seinen einer Geschichtsklitterung Nahrung gebenden Äußerungen genau den Parteien Wasser auf ihre Mühlen sein dürfte, die keine Demokrat im Reichstagsgebäude sehen möchte. Ich protestiere hiermit aufs Deutlichste gegen die Einladung durch Parlamentspräsident Lammert, Papst Benedikt vor der deutschen Volksvertretung sprechen lassen zu dürfen.
Dass der Papst im Zusammenhang mit der Aufhebung der Exkommunikation der Piusbrüder zudem einen Auschwitz-Leugner rehabilitierte, verleiht dem päpstlichen Desaster noch eine weitere tragische Dimension.
Teil 2 folgt