Öffentliche Wahrnehmung der EU Frustrierte Griechen, satte Dänen

Menschen genießen die Stimmung im Christianshavn-Viertel in Kopenhagen: Knapp 90 Prozent aller Bürger in Dänemark bezeichnen ihre finanzielle Lage als gut

(Foto: Bloomberg)

Geht es um die Zukunft der EU, dann ist niemand pessimistischer als die Griechen. Die Krise hat viele in die Armut getrieben und die Psyche des Volkes verändert. Die meisten Optimisten leben dagegen in Dänemark - trotzdem haben die Bürger dort viele Vorbehalte.

Von Silke Bigalke, Kopenhagen, und Matthias Kolb

Die Zahlen purzeln nur so aus Loukas Tsoukalis' Mund heraus. "In den vergangenen fünf Jahren ist Griechenlands Bruttosozialprodukt um ein Viertel geschrumpft, die Arbeitslosigkeit liegt bei 27 Prozent, und jeder zweite junge Grieche hat keinen Job", berichtet der Politikprofessor von der Uni Athen. Wen wundert es also, dass niemand die Zukunft der Europäischen Union pessimistischer sieht als die Griechen?

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Im März 2014 beschrieben 60 Prozent der für das Eurobarometer befragten Griechen die Zukunft der EU als düster - ein halbes Jahr zuvor hatte der Wert sogar bei 69 Prozent gelegen. Auch wenn sich die wirtschaftliche Lage seit dem Frühjahr 2012 verbessert hat, drückten Armut und die zahllosen sozialen Probleme auf die kollektive Psyche, erklärt Tsoukalis. "Die Griechen wissen, dass sie und ihre Politiker für die Krise verantwortlich sind", betont er. Allerdings seien viele überzeugt, dass die EU-Partner nicht genügend Solidarität gezeigt hätten und "Brüssel" die griechische Situation durch sein Krisenmanagement eher verschlechtert habe. Noch immer sind nur fünf Prozent der Griechen mit der wirtschaftlichen Lage ihres Landes zufrieden.

2800 Kilometer nordwestlich herrscht eine andere Stimmung. In Dänemark bezeichnen knapp 90 Prozent aller Bürger ihre finanzielle Lage als gut (in Griechenland nur 29). Also scheint es nur folgerichtig, dass die Dänen die Zukunft der EU ganz anders sehen als die Griechen: Drei von vier Befragten zeigten sich im Herbst 2013 zuversichtlich. Ganz vorne stehen die Skandinavier auch in einer anderen Kategorie: 57 Prozent der Dänen sind demnach der Überzeugung, dass ihre Stimme in der EU zählt.

Allerdings wäre es zu einfach, die vorliegenden Daten auf die Gleichungen "mehr Wohlstand = mehr EU-Euphorie", beziehungsweise "mehr Armut = mehr EU-Skepsis" zu reduzieren. Denn gerade das Verhältnis der Dänen zur EU ist speziell: Viele sind Brüssel gegenüber äußerst skeptisch und wollen dorthin nicht mehr Entscheidungsmacht abgeben als unbedingt nötig. Kopenhagens EU-Mitgliedschaft ist durchlöchert von "Opt-outs", also von Ausnahmen vom EU-Vertrag. So ist Dänemark neben Großbritannien als einziges Mitglied nicht dazu verpflichtet, den Euro einzuführen, wenn alle Kriterien dafür erfüllt sind.

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Dänemarks EU-Beitritt war Frage wirtschaftlicher Notwendigkeit

Darüber hinaus nimmt Dänemark nicht an Militäreinsätzen unter EU-Flagge teil und kooperiert in Polizei- und Justizfragen nicht automatisch mit Brüssel. Zu ändern ist das nur über eine Fünf-Sechstel-Mehrheit im Parlament oder durch Referenden. Doch vor Volksbefragungen in EU-Angelegenheiten schrecken dänische Regierungen seit Jahren zurück, weil immer ein Nein der Bevölkerung droht.

Woher kommt diese scheinbar widersprüchliche Beziehung zu Europa? Als die Dänen der Gemeinschaft 1973 gemeinsam mit Großbritannien und Irland beitraten, war es für sie schlicht eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Als kleines Land ist Dänemark darauf angewiesen zu exportieren, und für die Dänen ist es normal, sich auch im Ausland nach Jobs umzusehen. Mit der EU als politischer Instanz wurden sie zwar nie richtig warm. Doch dass es durch den gemeinsamen Markt einfacher für sie wurde, über die Grenze nach Deutschland zu fahren, um Bier einzukaufen oder in Großbritannien einen Job anzunehmen, kam gut an. "Sie sahen, wie gut die EU wirtschaftlich für Dänemark war", sagt Derek Beach, Politologe an der Universität Aarhus. "Es drehte sich alles um den Binnenmarkt, und so ist es bis heute."

In Griechenland hingegen wurde die Zugehörigkeit zur Europäischen Union anders wahrgenommen, erläutert Janis Emmanouilidis vom Brüsseler European Policy Centre. "Für viele war Brüssel immer ein Korrektiv zur eigenen politischen Kaste in Athen. Als Griechenland 1981 der EG beitrat, lag das Ende der Diktatur nur sieben Jahre zurück. Die Mitgliedschaft war sehr wichtig für den demokratischen Stabilisierungsprozess", sagt der EU-Experte.

Zudem hätten die europäischen Fördergelder das Land verändert, so Emmanouilidis: "Überall sah man Schilder an neuen Gebäuden oder bei Baustellen, die auf die finanzielle Unterstützung aus Brüssel hinwiesen." Und Loukas Tsoukalis, der auch der Eliamep-Stiftung für europäische und internationale Politik vorsteht ergänzt: "Die Griechen waren früher sehr europhil, die Zustimmungswerte für mehr Integration auf EU-Ebene waren hier immer hoch."

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(Video: Süddeutsche.de)