Oberrabbiner in Berlin Die Sache mit den zwei Realitäten

Rabbi Metzger lächelt milde, als er berichtet, das auch er von der Trauma-Theorie gelesen habe. "Bis jetzt habe ich das Wort Trauma noch nie im Zusammenhang mit Beschneidungen gehört."

Die Beschneidung werde seit mehr als 4000 Jahren praktiziert. Juden hätten Großes vollbracht, Facebook sei von einem Juden gegründet worden, die klügsten Köpfe seien Juden. "Keiner von ihnen verspürt ein Trauma", sagt Metzger. Beschnittene Männer hätten über Jahrtausende hinweg ihre Jungen beschnitten, und die wiederum ihre Jungen. Die Beschneidung hätte die Zeit nicht überdauert, wenn die Beschnittenen Traumata erlitten oder das Gefühl gehabt hätten, ihnen sei Gewalt angetan worden.

Er sagt es nicht wortwörtlich, aber es wird doch deutlich, dass Metzger diese Debatten für kleingeistig hält angesichts der Bedeutung der Beschneidung für den jüdischen Glauben.

"Ein Siegel, von dem man sich nie verabschieden kann"

"Die Brit Mila, die Beschneidung, das ist ein Bund, ein Abkommen, das jeder Jude hat mit seinem Gott", sagt Metzger. Sie sei ein "Stempel, ein Siegel auf dem Körper eines Juden. Ein Siegel, von dem man sich nie verabschieden kann." Damit soll der jüdische Mann "selbst an dem verlorensten Ort der Welt daran erinnert werden, dass er Jude ist".

Darum könne es da auch keine Kompromisse geben.

Nun, einen kleinen Kompromiss hat Metzger doch mitgebracht. In Deutschland gibt nur etwa zehn Beschneider. Er will deshalb in Deutschland eine Beschneiderschule aufbauen. In Israel ist das ein eigenständiger Beruf. Neben der religiösen Ausbildung sollen die angehenden Beschneider - und das ist ebenfalls neu - eine medizinisch-chirurgische Unterweisung durch deutsche Ärzte bekommen. Die so in Deutschland ausgebildeten Beschneider sollen dann vom israelischen Oberrabbinat zertifiziert werden. "Das will ich auf mich nehmen", verspricht Rabbi Metzger. In Deutschland gibt es kein Oberrabbinat.

Fraglich, ob dieser Vorschlag dem deutschen Gesetzgeber helfen wird, einen verfassungsrechtlich wasserdichten Text zu verabschieden. Am Ende könnte schlicht gelten, was Rabbi Metzger die "direkte Realität und die indirekte Realität" im jüdischen Glauben nennt.

In der direkten Realität gilt zwar zwingend das Gebot, Jungen am achten Tag von einem Beschneider ohne Betäubung beschneiden zu lassen. Wenn es aber in Deutschland ein Gesetz gäbe, dass Beschneidung nur von einem Arzt und mit zumindest lokaler Anästhesie ausgeführt zuließe, dann lebten die Juden hier in einer Art "indirekten" oder auch "außerordentlichen Realität". So wie die vielen unbeschnitten Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Dort waren Beschneidungen verboten. Viele Russlandjuden haben sich erst nach ihrer Übersiedlung nach Israel beschneiden lassen - von Ärzten, im Krankenhaus, unter Narkose. Und das war dann auch wohl in Ordnung.

Rabbi Metzger kann das freilich als Argument nicht gelten lassen. "Wir leben in einem demokratischen Staat", gibt er zurück. "Ich glaube nicht, dass Sie möchten, dass es hier eine kommunistische Herrschaft gibt, die dazu führt, dass ein Jude ein Gebot nicht einhalten kann."