Süddeutsche Zeitung

Oberrabbiner in Berlin:Rabbi Metzger zieht die Grenzen der Beschneidung

Lesezeit: 4 min

Kompromisse? Schwierig, schwierig. Der israelische Oberrabiner Metzger ist nach Berlin gekommen, um die jüdische Beschneidung vor der deutschen Justiz zu retten. Von einer Körperverletzung, wie sie ein Kölner Gericht sah, will er nichts wissen. Stattdessen hat er dem Gesetzgeber einen Vorschlag zur Güte mitgebracht.

Thorsten Denkler, Berlin

Der Mann mit dem großen schwarzen Hut und dem langen weißen Bart ist nicht für Kompromisse nach Berlin gekommen. Wie könnte er auch. Yona Metzger ist seit 2003 Oberrabbiner der Juden in Israel und als eines von zwei Oberhäuptern des jüdischen Glaubens eine weltweit anerkannte Instanz. Religionsführer tun sich schwer mit Kompromissen, wenn es um Fragen des Glaubens geht. Und die Beschneidung von Jungen ist eine elementare Frage seines Glaubens.

Zwei Tage ist er in Berlin. Er hat mit Vertretern der Regierung gesprochen, mit Abgeordneten des Bundestages. Jetzt sitzt er in der Bundespressekonferenz und erklärt den Journalisten, was das Ziel seiner Mission ist: Dass ein jeder seine Religion ohne Beschränkung leben darf. Und dazu zählt für ihn momentan vor allem die Beschneidung von acht Tage alten Jungen.

Seit ein Kölner Gericht vor einigen Wochen in der Beschneidung eine Körperverletzung erkannt und sie als unzulässig gewertet hat, ist eine Debatte um die männliche Vorhaut entbrannt. Geistliche aller Religionen haben sich zu Wort gemeldet, Ärzte, Psychologen, Theologen, Politiker.

Körperliche Unversehrtheit versus freie Religionsausübung

Zuletzt haben die Abgeordneten des Bundestags mit großer Mehrheit entschieden, dass es eine gesetzliche Regelung geben soll, die Beschneidungen grundsätzlich möglich macht. Im Bundesjustizministerium wird derzeit an einem Entwurf gearbeitet. Noch ist offen, wann das Gesetz im Bundestag behandelt werden kann.

Es ist ein juristisch kompliziertes Unterfangen, steht doch das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit dem Recht der Eltern auf freie Ausübung ihrer Religion gegenüber.

Rabbi Metzger kann darauf wenig Rücksicht nehmen. Als religiöser Richter, der er in Israel ist, kann er jüdischen Eltern nur empfehlen, sich an das jüdische Recht zu halten. Und das ist zunächst mal eindeutig, wie Metzger referiert: Ein Junge muss acht Tage nach der Geburt von einem ausgewiesenen Beschneider auf natürliche Weise beschnitten werden.

Das umfasst auch das Verbot einer lokalen oder totalen Betäubung des Neugeborenen. Lediglich "ein Tropfen süßer Wein" sei erlaubt, um das Kind zu beruhigen. Manche Beschneider nutzen auch Puder oder Spray um den Schmerz zu lindern. Mehr aber sei eben nicht zulässig. Der Beschneider dürfe dabei zwar Arzt sein, aber ein Arzt, der kein Beschneider sei, sei für die Prozedur nicht zugelassen.

In der Bundestags-Debatte über ein Gesetz, das Beschneidungen ermöglichen soll, legten viele Abgeordnete Wert darauf, dass dem Kind bei der Prozedur keine Schmerzen zugefügt werden dürften. Ohne ärztliche Anästhesie wäre das aber kaum machbar.

Rabbi Metzger sieht da jedoch kein Problem. "Eine Spritze fügt dem Kind mehr Schmerzen zu als die Beschneidung selbst", sagt er. Das sieht mancher Mediziner anders. Allerdings gilt die Frage, wie groß das Schmerzempfinden von Neugeborenen ist, als nicht hinreichend geklärt. Bis in die späten achtziger Jahre galt die Vermutung, ein Säugling verspüre keine Schmerzen. Das gilt inzwischen als widerlegt. Ob aber eine Beschneidung ein Schmerztrauma auslöst, wie manche vermuten, ist umstritten.

Rabbi Metzger lächelt milde, als er berichtet, das auch er von der Trauma-Theorie gelesen habe. "Bis jetzt habe ich das Wort Trauma noch nie im Zusammenhang mit Beschneidungen gehört."

Die Beschneidung werde seit mehr als 4000 Jahren praktiziert. Juden hätten Großes vollbracht, Facebook sei von einem Juden gegründet worden, die klügsten Köpfe seien Juden. "Keiner von ihnen verspürt ein Trauma", sagt Metzger. Beschnittene Männer hätten über Jahrtausende hinweg ihre Jungen beschnitten, und die wiederum ihre Jungen. Die Beschneidung hätte die Zeit nicht überdauert, wenn die Beschnittenen Traumata erlitten oder das Gefühl gehabt hätten, ihnen sei Gewalt angetan worden.

Er sagt es nicht wortwörtlich, aber es wird doch deutlich, dass Metzger diese Debatten für kleingeistig hält angesichts der Bedeutung der Beschneidung für den jüdischen Glauben.

"Ein Siegel, von dem man sich nie verabschieden kann"

"Die Brit Mila, die Beschneidung, das ist ein Bund, ein Abkommen, das jeder Jude hat mit seinem Gott", sagt Metzger. Sie sei ein "Stempel, ein Siegel auf dem Körper eines Juden. Ein Siegel, von dem man sich nie verabschieden kann." Damit soll der jüdische Mann "selbst an dem verlorensten Ort der Welt daran erinnert werden, dass er Jude ist".

Darum könne es da auch keine Kompromisse geben.

Nun, einen kleinen Kompromiss hat Metzger doch mitgebracht. In Deutschland gibt nur etwa zehn Beschneider. Er will deshalb in Deutschland eine Beschneiderschule aufbauen. In Israel ist das ein eigenständiger Beruf. Neben der religiösen Ausbildung sollen die angehenden Beschneider - und das ist ebenfalls neu - eine medizinisch-chirurgische Unterweisung durch deutsche Ärzte bekommen. Die so in Deutschland ausgebildeten Beschneider sollen dann vom israelischen Oberrabbinat zertifiziert werden. "Das will ich auf mich nehmen", verspricht Rabbi Metzger. In Deutschland gibt es kein Oberrabbinat.

Fraglich, ob dieser Vorschlag dem deutschen Gesetzgeber helfen wird, einen verfassungsrechtlich wasserdichten Text zu verabschieden. Am Ende könnte schlicht gelten, was Rabbi Metzger die "direkte Realität und die indirekte Realität" im jüdischen Glauben nennt.

In der direkten Realität gilt zwar zwingend das Gebot, Jungen am achten Tag von einem Beschneider ohne Betäubung beschneiden zu lassen. Wenn es aber in Deutschland ein Gesetz gäbe, dass Beschneidung nur von einem Arzt und mit zumindest lokaler Anästhesie ausgeführt zuließe, dann lebten die Juden hier in einer Art "indirekten" oder auch "außerordentlichen Realität". So wie die vielen unbeschnitten Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Dort waren Beschneidungen verboten. Viele Russlandjuden haben sich erst nach ihrer Übersiedlung nach Israel beschneiden lassen - von Ärzten, im Krankenhaus, unter Narkose. Und das war dann auch wohl in Ordnung.

Rabbi Metzger kann das freilich als Argument nicht gelten lassen. "Wir leben in einem demokratischen Staat", gibt er zurück. "Ich glaube nicht, dass Sie möchten, dass es hier eine kommunistische Herrschaft gibt, die dazu führt, dass ein Jude ein Gebot nicht einhalten kann."

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