Obamas Klimapolitik Kentuckys Kumpel und der Klimawandel

Bergarbeiter kehren im Oktober 2014 von einer Schicht in der Perkins Branch Coal Mine zurück. Sie befindet sich in Cumberland, Kentucky.

(Foto: AP)

Die Kohle hat den Osten Kentuckys reich gemacht, nun hat sie keine Zukunft. Zurück bleiben die Alten, Frustrierten, die vom Sozialstaat leben und Obama hassen. Unterwegs im ärmsten Wahlbezirk der USA.

Von Matthias Kolb, Harlan County

Nichts hilft besser als einige Zahlen, um den Alltag in Ost-Kentucky zu verstehen: Im Wahlbezirk "Kentucky 05" liegt das mittlere Einkommen bei weniger als 30 000 Dollar und die Lebenserwartung bei 71 Jahren. Einer Gallup-Studie zufolge ist die Lebensqualität in keinem anderen der 434 US-Kongresswahlbezirke niedriger. Zum Vergleich: In einigen Regionen Kaliforniens liegt das mittlere Einkommen hingegen bei knapp 78 000 Dollar und viele feiern hier ihren 85. Geburtstag.

Gerade mal jeder zehnte Einwohner im östlichen Kentucky hat einen College-Abschluss; als fettleibig gelten mehr als 40 Prozent. In Harlan County gilt fast jeder Dritte als arm - und sieben Prozent der Einwohner erhalten Behinderten-Unterstützung. Seit 1981 vertritt Hal Rogers den Bezirk im Repräsentantenhaus - und der Republikaner hat den Niedergang nicht stoppen können. 2014 erhielt er trotzdem mehr als drei Mal so viele Stimmen wie sein Gegner. Seine Wähler glauben: Obama verachtet die Hinterwäldler aus den Appalachen und führt einen "Krieg gegen die Kohle". Schuld sind also nicht die Preise auf den Weltmärkten, sondern der US-Präsident.

Ein Besuch in Harlan County ist eine Reise in ein Amerika, wo viele Klimawandel für ein Hirngespinst halten und Waffenbesitz als Menschenrecht gilt. Es ist jener Teil Amerikas, in dem es keine Frappuccinos und Bio-Lebensmittel gibt und den nicht nur Ausländer, sondern auch viele urbane US-Bürger nie sehen. Die Armut mag hier extremer sein, doch die Überzeugungen sind im ländlichen Amerika überall verbreitet und sie beeinflussen das Selbstverständnis der Republikaner.

Die junge Mutter

Kimberly Shepherd liebt ihre Heimat über alles: "Die Berge geben mir Sicherheit." Seit fünf Generationen lebt ihre Familie in Harlan County und lange verdienten ihre Verwandten in den Bergwerken gutes Geld. Doch seit den Siebziger Jahren geht die Produktion von Kohle zurück, die Jobs werden weniger. Die Folgen des Bergbaus spüren die Menschen unmittelbar: "Mein Opa ist an seiner Staublunge gestorben, ich habe ihm mein ganzes Leben lang beim Sterben zusehen müssen. Oma kämpft noch immer mit der Bergwerksfirma um Entschädigung. Die denken nur an ihre Gewinne."

Kimberly Shepherd ist in Harlan County geboren. Die junge Mutter möchte gern in Kentucky bleiben.

(Foto: Matthias Kolb)

Dieses Profitstreben widert Shepherd an. Sie macht eine Ausbildung zur Schweißerin und arbeitet nebenher am College: "Die Leute verstehen nicht, was es bedeutet, von einem Stundenlohn von 7,25 Dollar zu leben. 2014 habe ich 7900 Dollar verdient, das ist so verdammt wenig." Viele ihrer Highschool-Freunde haben Harlan County längst verlassen, doch sie bleibt: "Ich könnte woanders mehr verdienen, aber dann müsste ich meine Familie zurücklassen - und das ist doch nicht fair."

Kein stabiles Internet, kaum gesunde Lebensmittel

Selbst ein Uni-Abschluss hilft wenig: Der Vater ihrer sechsjährigen Tochter findet trotz Bachelor keinen Job in der Gegend. Auch wenn die Straßen okay sind: Welche Firma siedelt sich in einer Bergregion an, in der es kein stabiles Handynetz gibt? Wenig zeige mehr, wie abgeschnitten Harlan County sei, meint sie: "Für mein Online-Studium brauche ich stabiles Internet. Ich zahle für 3G, aber ich bin schon durch Prüfungen gefallen, weil das Internet zusammenbrach."

Weil es in der Gegend kein Café gibt, findet das Interview im Fast-Food-Restaurant Dairy Queen statt. Dort gibt es ein Fünf-Dollar-Angebot mit Burger, Pommes, Eis mit Schokosauce und so viel Cola, wie man trinken kann. Shepherd ernährt sich anders: Sie ist Veganerin und würde gern frische Lebensmittel kaufen. Doch die sind wegen der geringen Nachfrage kaum verfügbar oder sehr teuer. Experten bezeichnen Harlan County als food desert, als Essenswüste.

Trotz alledem will sich Kimberly Shepherd nicht unterkriegen lassen. Die 30-Jährige ist frustriert, dass viele in der Gegend Obama zum alleinigen Sündenbock erklären, doch aus der Politik hält sie sich heraus. Sie engagiert sich bei der Nichtregierungsorganisation "Kentuckians for the Commonwealth" für Umweltschutz, damit die wunderschöne Natur erhalten bleibt - und damit vielleicht irgendwann doch Touristen in den Osten von Kentucky kommen.