Süddeutsche Zeitung

Obamas Klimapolitik:Kentuckys Kumpel und der Klimawandel

Die Kohle hat den Osten Kentuckys reich gemacht, nun hat sie keine Zukunft. Zurück bleiben die Alten, Frustrierten, die vom Sozialstaat leben und Obama hassen. Unterwegs im ärmsten Wahlbezirk der USA.

Von Matthias Kolb, Harlan County

Nichts hilft besser als einige Zahlen, um den Alltag in Ost-Kentucky zu verstehen: Im Wahlbezirk "Kentucky 05" liegt das mittlere Einkommen bei weniger als 30 000 Dollar und die Lebenserwartung bei 71 Jahren. Einer Gallup-Studie zufolge ist die Lebensqualität in keinem anderen der 434 US-Kongresswahlbezirke niedriger. Zum Vergleich: In einigen Regionen Kaliforniens liegt das mittlere Einkommen hingegen bei knapp 78 000 Dollar und viele feiern hier ihren 85. Geburtstag.

Gerade mal jeder zehnte Einwohner im östlichen Kentucky hat einen College-Abschluss; als fettleibig gelten mehr als 40 Prozent. In Harlan County gilt fast jeder Dritte als arm - und sieben Prozent der Einwohner erhalten Behinderten-Unterstützung. Seit 1981 vertritt Hal Rogers den Bezirk im Repräsentantenhaus - und der Republikaner hat den Niedergang nicht stoppen können. 2014 erhielt er trotzdem mehr als drei Mal so viele Stimmen wie sein Gegner. Seine Wähler glauben: Obama verachtet die Hinterwäldler aus den Appalachen und führt einen "Krieg gegen die Kohle". Schuld sind also nicht die Preise auf den Weltmärkten, sondern der US-Präsident.

Ein Besuch in Harlan County ist eine Reise in ein Amerika, wo viele Klimawandel für ein Hirngespinst halten und Waffenbesitz als Menschenrecht gilt. Es ist jener Teil Amerikas, in dem es keine Frappuccinos und Bio-Lebensmittel gibt und den nicht nur Ausländer, sondern auch viele urbane US-Bürger nie sehen. Die Armut mag hier extremer sein, doch die Überzeugungen sind im ländlichen Amerika überall verbreitet und sie beeinflussen das Selbstverständnis der Republikaner.

Die junge Mutter

Kimberly Shepherd liebt ihre Heimat über alles: "Die Berge geben mir Sicherheit." Seit fünf Generationen lebt ihre Familie in Harlan County und lange verdienten ihre Verwandten in den Bergwerken gutes Geld. Doch seit den Siebziger Jahren geht die Produktion von Kohle zurück, die Jobs werden weniger. Die Folgen des Bergbaus spüren die Menschen unmittelbar: "Mein Opa ist an seiner Staublunge gestorben, ich habe ihm mein ganzes Leben lang beim Sterben zusehen müssen. Oma kämpft noch immer mit der Bergwerksfirma um Entschädigung. Die denken nur an ihre Gewinne."

Dieses Profitstreben widert Shepherd an. Sie macht eine Ausbildung zur Schweißerin und arbeitet nebenher am College: "Die Leute verstehen nicht, was es bedeutet, von einem Stundenlohn von 7,25 Dollar zu leben. 2014 habe ich 7900 Dollar verdient, das ist so verdammt wenig." Viele ihrer Highschool-Freunde haben Harlan County längst verlassen, doch sie bleibt: "Ich könnte woanders mehr verdienen, aber dann müsste ich meine Familie zurücklassen - und das ist doch nicht fair."

Kein stabiles Internet, kaum gesunde Lebensmittel

Selbst ein Uni-Abschluss hilft wenig: Der Vater ihrer sechsjährigen Tochter findet trotz Bachelor keinen Job in der Gegend. Auch wenn die Straßen okay sind: Welche Firma siedelt sich in einer Bergregion an, in der es kein stabiles Handynetz gibt? Wenig zeige mehr, wie abgeschnitten Harlan County sei, meint sie: "Für mein Online-Studium brauche ich stabiles Internet. Ich zahle für 3G, aber ich bin schon durch Prüfungen gefallen, weil das Internet zusammenbrach."

Weil es in der Gegend kein Café gibt, findet das Interview im Fast-Food-Restaurant Dairy Queen statt. Dort gibt es ein Fünf-Dollar-Angebot mit Burger, Pommes, Eis mit Schokosauce und so viel Cola, wie man trinken kann. Shepherd ernährt sich anders: Sie ist Veganerin und würde gern frische Lebensmittel kaufen. Doch die sind wegen der geringen Nachfrage kaum verfügbar oder sehr teuer. Experten bezeichnen Harlan County als food desert, als Essenswüste.

Trotz alledem will sich Kimberly Shepherd nicht unterkriegen lassen. Die 30-Jährige ist frustriert, dass viele in der Gegend Obama zum alleinigen Sündenbock erklären, doch aus der Politik hält sie sich heraus. Sie engagiert sich bei der Nichtregierungsorganisation "Kentuckians for the Commonwealth" für Umweltschutz, damit die wunderschöne Natur erhalten bleibt - und damit vielleicht irgendwann doch Touristen in den Osten von Kentucky kommen.

Die konservativen Politiker

In Whitesburg, auf der anderen Seite der Berge in Letcher County, leitet Dee Davis das "Center for Rural Strategies". "Ost-Kentucky wird kein Touristen-Mekka werden", sagt der 64-Jährige. Die Konkurrenz sei viel zu groß. Die Menschen müssten eines akzeptieren: "Die Kohle ist Teil unserer Geschichte, sie gehört zu unserem Erbe. Sie hat viele aus der Armut in die Mittelschicht befördert. Sie war unser Freund - aber sie ist ganz sicher nicht unsere Zukunft."

Davis möchte alle Vorschläge genau prüfen, die den Osten Kentuckys voranbringen können: In den verlassenen Bergwerken ließen sich Serverfarmen unterbringen, die Gegend könnte auf erneuerbare Energien oder Hightech setzen. Alles müsse getan werden, um die Abwanderung zu stoppen. Mit besserer Infrastruktur, schnellem Internet und guter Gesundheitsversorgung könnten neue Leute nach Ost-Kentucky gelockt werden. "Wir dürfen uns nicht auf Kohle reduzieren lassen", fordert er kämpferisch.

Ost-Kentucky auf die Kohle zu reduzieren - damit haben vor allem die Republikaner im fernen Washington kein Problem. Mitch McConnell, der mächtigste aller konservativen Senatoren, stammt aus Kentucky und er spricht ständig vom "War on Coal" der Demokraten. In diesem "Krieg gegen die Kohle" kämpfe er stets an vorderster Front - für die Interessen der Bergleute.

Als Obama im Sommer seinen Plan vorstellte, die CO₂-Emissionen der Kohlekraftwerke bis 2030 deutlich zu senken, fordert McConnell die 50 Gouverneure auf, die Anweisungen der verhassten EPA-Behörde schlicht zu ignorieren. Zum Beginn der Pariser Klimakonferenz spricht McConnell per Zeitungsbeitrag dem US-Präsidenten das Recht ab, ein internationales Abkommen zu unterzeichnen. Sollte Obama das doch tun, dann werde er, McConnell, ein "Ja" im Kongress verhindern - um Amerikas Arbeiter zu schützen.

In Kentucky malen Lobbyisten unter #Coalkeepsthelighton ein Schreckensszenario an die Wand, wonach Amerika im Dunkeln versinke, wenn die Umweltschutz-Auflagen umgesetzt würden. Auf den vorderen inoffiziellen Nummernschildern vieler Autos steht der Slogan "Friends of Coal" - so heißt eine Lobbygruppe.

Besonders groß ist die Wut auf die Demokraten unter jenen, die einst gutes Geld in den Minen verdienten - und jetzt auf der Straße stehen. Es sind Leute wie der ehemalige Bergarbeiter James Walker, der sagt: "Natürlich ist Obama schuld. Bevor er auftauchte, ging es der Kohleindustrie noch gut. Obama hat die Kohleindustrie gekillt." Walker scheut sich nicht, vor laufenden Kameras Verwünschungen auszustoßen: "Ich hätte nichts dagegen, wenn er nicht mehr auf dieser Erde wandeln würde. Das würde mich überhaupt nicht stören." Und auch diejenigen, die noch einen Job in den Bergwerken haben, sagen zu Fox News: "Mister President, lassen Sie uns einfach in Ruhe und unsere Familien ernähren."

Wieso das Bild des Bergarbeiters so starke Emotionen auslöst

Der Einfluss der Kohleindustrie sei in Staaten wie Kentucky oder West Virginia viel größer als es ihre Wirtschaftsleistung rechtfertige, sagt Dee Davis. Die Demokraten hätten nicht erkannt, dass das Bild des Bergarbeiters große Emotionen auslöse. "Er ist ein mutiger Mann, der unter die Erde geht, um seine Familie zu ernähren. Viele betrachten die Kumpel als Helden", sagt Davis. Denkmäler zu Ehren der Minen-Arbeiter stehen überall in Harlan County und den angrenzenden Bezirken - und viele Amerikaner, deren Großväter, Väter oder Onkel in Minen arbeiteten, sympathisieren mit den Bergleuten, auch wenn sie längst in Städten wohnen.

Hinzu kommt, dass viele Menschen im östlichen Kentucky und anderen Appalachen-Regionen den Eindruck haben, vom Rest des Landes und vor allem von den Eliten der Ost- und Westküste vernachlässigt und ausgelacht zu werden. "Dieses Gefühl der Wut ist sehr kraftvoll und hat leider eine lange Tradition in der US-Politik", sagt Dee Davis. Es sei leichter, einen Gegner (Barack Obama) zu dämonisieren, als eigene Lösungsvorschläge zu präsentieren.

Es ist nicht ohne Ironie, dass heute die Republikaner im Harlan County ähnlich dominieren wie im Rest Kentuckys, obwohl mehr Bürger offiziell den Demokraten angehören. Der Landkreis war Schauplatz erbitterter Arbeitskämpfe: In den dreißiger Jahren ging die Nationalgarde so brutal gegen die streikenden Kumpel vor, dass vier Menschen starben. Seither ist der Begriff "Bloody Harlan" überall bekannt. Auch in den Siebzigern wurden Streiks brutal niedergeschlagen - die Vorgänge inspirierten den oscargekrönten Dokumentarfilm "Harlan County, USA" und den Country-Song "You'll Never Leave Harlan Alive". Heute gibt es in ganz Kentucky keinen einzigen Kumpel mehr, der einer Gewerkschaft angehört.

Dass die Arbeitsplätze in den Minen seit langem weniger werden und auch George W. Bush die Kohle-Jobs nicht retten konnte, werde verdrängt, sagt Davis. "Als Clinton 2001 das Weiße Haus verließ, gab es hier 33 000 Bergarbeiter. Ende 2008 war die Zahl auf 15 000 gesunken - und nun sind wir bei 7000 angelangt", doziert er. Allerdings wächst unter den lokalen Politikern die Einsicht, dass sich etwas ändern muss. "Die besten Geschäfte hat in den vergangenen Jahren der Vermieter von Umzugswagen gemacht, weil so viele Leute Harlan County verlassen haben", sagt Dan Mosley. Er ist seit November 2014 so etwas wie ein Landrat und fordert seine Mitbürger auf, "die Tränen wegzuwischen".

Mosley ist Demokrat und er will auch mit den Republikanern kooperieren, um das Leben in Harlan County zu verbessern. Staatliche Investitionsprogramme mit schönen Namen ("promise zone" oder "SOAR - Shaping Our Appalachian Region") gibt es zwar, doch viel ändern konnten sie nicht. Selbst Hal Rogers, der altgediente konservative Abgeordnete, gibt nun öffentlich zu, dass die Kohle nicht mehr allen in der Bergregion Jobs bringen könne. Als Walmart in Harlan einen Supermarkt eröffnete, gingen mehr als 1000 Bewerbungen ein. In Whitesburg erinnert ein riesiges Plakat die Jugendlichen daran, wie sie ihre Zukunftschancen verbessern können: "Be a winner - go to school!".

Die nostalgische Bürgermeisterin

Doch so sorgenfrei wie in den Zeiten des Kohlebooms wird es in Harlan County wohl nicht mehr werden. Wenn Wanda Humphrey über ihre Kindheit in Benham spricht, dann leuchten ihre Augen: "Jedes Kind sollte so aufwachsen wie ich. Es war wie im Paradies." Heute ist die alte Frau Bürgermeisterin des Ortes, der jahrzehntelang der Firma "International Harvester" gehört habe. Das Unternehmen habe sich um alles gekümmert, frische Lebensmittel für die örtlichen Geschäfte besorgt und mit hohen Gehältern die besten Lehrer und Ärzte angelockt.

Humphrey vergleicht ihre Kindheit mit einem Wort, das in den USA selten zu hören ist: "Es war wie im Kommunismus." Die Familien hätten in Häusern gewohnt, die der Firma gehörten und abgesehen von der Nutzung der Deckenlampen ("50 Cent monatlich pro Zimmer") sei alles umsonst gewesen, erinnert sie sich. In den Dreißiger und Vierziger Jahren, etwa bis 1949, lebten die Menschen ziemlich sorgenfrei, sagt die alte Dame.

Ständige Suche nach Perspektiven

Wanda Humphrey ist nach Jahrzehnten in Texas, wo ihr Mann in der Ölindustrie arbeitete, in ihren Geburtsort zurückgekehrt. Sie ist Bürgermeisterin, weil niemand anders das Amt übernehmen wollte und die Probleme unübersehbar sind.

Wo einst Tausende Arbeiterfamilien lebten, wohnen heute 490 Personen - fast alle jenseits der 50. Die Gemeinde ist verschuldet und die jungen Leute verlassen ihre Heimat. Mit Obama habe das wenig zu tun, sagt sie, sondern mit der fehlenden Perspektive.

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