Nordkorea Kim Jong-un hat einen Plan

Donald Trump und Kim Jong-un - zwei Männer die nicht nachgeben wollen.

(Foto: dpa)

Das Regime in Nordkorea will das eigene Überleben sichern. Aber es geht Pjöngjang noch um mehr: die Wiedervereinigung mit Südkorea.

Kommentar von Christoph Neidhart, Tokio

Nordkorea gibt nicht klein bei: Nun erläutert die Armee Details zu ihrem Plan, Mittelstreckenraketen Richtung Guam zu schießen. Die Raketen sollen Japan überfliegen und vor Guams Küste im Meer landen, die Insel sozusagen einkreisen. Das wäre mehr als eine symbolische Tat, verbunden mit Gegenschlagsrisiko. Warum pokert Diktator Kim Jong-un so hoch? Er selbst lässt seine Propagandamaschine doch behaupten, dass Präsident Donald Trump "jede Vernunft fehlt". US-Verteidigungsminister James Mattis sagt, Kim riskiere die Zerstörung seines Landes. Der Diktator müsste also wissen, dass die Gefahr für einen ungewollt ausgelösten Krieg gewachsen ist.

Mehr noch: Die Provokationen bräuchte es gar nicht. Außenminister Rex Tillerson hat Nordkorea versichert, Washington strebe keinen Regimewechsel an. Trotzdem eskaliert Kim weiter. Für die billige Erklärung, er sei verrückt, gibt es keine Belege. Im Gegenteil: Nordkorea-Experten bescheinigen Kim Jong-un, ein besserer Politiker als sein Vater Kim Jong-il zu sein. In Nordkorea haben sie das Ende autoritärer Regime studiert und daraus Lehren gezogen. Kim selber sprach schon über Muammar al-Gaddafi. Der Westen habe Libyens Diktator überzeugt, auf Atomwaffen zu verzichten und ihn später gestürzt. Pjöngjang deutet die Manöver der USA mit Südkorea als Invasionsübungen, es fühlt sich umzingelt. Kim meine, so der japanische Korea-Forscher Atsuhito Isozaki, nur eine glaubwürdige Abschreckung garantiere das Überleben seines Regimes. Damit ist das Atomprogramm, anders als unter dem Vater, keine Verhandlungsmasse mehr.

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Im Dezember 1941 überfiel Japan die amerikanische Pazifikflotte in Hawaii. Tokio hatte unter einem Öl-Embargo der USA gelitten und sich bedroht gefühlt. Japans Macht damals war, verglichen mit jener Nordkoreas heute, unvergleichlich größer. Doch auch Tokio hatte keine Chance, einen Krieg gegen die USA zu gewinnen. Die Verbaleskalation zwischen Nordkorea und den USA weckt düstere Erinnerungen an den Sommer vor Pearl Harbor.

Das oberste Ziel von Kims Politik ist zweifellos das Überleben des Regimes. Doch damit allein lässt sich seine atomare Aufrüstung nicht erklären, zumal die Sanktionen Unruhe in der Bevölkerung schüren könnten. Zur Abschreckung eines Angriffs der USA würde seine Artillerie genügen. Sie wäre in der Lage, Seoul in kürzester Zeit zu zerstören. Das zu provozieren, kann sich ein US-Präsident eigentlich nicht erlauben. Dennoch legt sich Kim, wie schon sein Vater und Großvater, fast obsessiv mit Washington an.

Manche Beobachter erklären das psychologisch und historisch: Er wolle vom Feind im Koreakrieg wahr- und ernstgenommen werden. Ein Blick in die Verfassung Nordkoreas gibt noch einen zusätzlichen Grund: Sie verpflichtet zur Überwindung der Teilung Koreas, die eine Folge der Einmischung "imperialistischer Mächte" sei, also der USA. Ein vereinigtes Korea ist nach Lesart des Nordens erst möglich, wenn der Süden vollkommen frei, das heißt: ohne US-Truppen ist. Im Norden ist man der Meinung, dass der Abzug kommt, wenn die Leben amerikanischer Soldaten und sogar Zivilisten bedroht wären. Zum Beispiel, weil Nordkoreas Raketen das US-Festland erreichen könnten.

Kim rasselt also auch mit dem Säbel, um den Abzug der USA aus Südkorea zu erzwingen. Ob sich das Land dann tatsächlich nach den Vorstellungen des Nordens vereinigen ließe, ist eine andere Frage. In Seoul ist aber eine neue, tendenziell amerikakritische Regierung im Amt. Pjöngjang dürfte darin eine Gelegenheit erkennen, jetzt einen Keil zwischen Seoul und Washington zu treiben. Kims stille Sympathisanten (falls er, etwa in Moskau, noch welche hat) hätten wohl nichts dagegen.

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