Neuer Skandal um NSU-Akten Geheimdienst wollte Neonazi Mundlos anwerben

Seit März soll dem Militärischen Abschirmdienst bekannt gewesen sein, dass er in den Neunzigern eine Akte über den NSU-Terroristen Uwe Mundlos geführt hatte. Dem Untersuchungsausschuss des Bundestages verriet man davon nichts. Nach SZ-Informationen wollte der Militärgeheimdienst Mundlos sogar als Informanten anwerben - erfolglos. Die Abgeordneten sind entsetzt.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Es scheint wieder einer der Fälle nach dem Motto zu sein: Was wir nicht sagen, können die nicht wissen und darum auch nicht gegen uns verwenden. Diesmal betrifft es die Geheimen der Bundeswehr vom Militärischen Abschirmdienst (MAD).

Erst jetzt wird bekannt, dass der MAD im Jahre 1995 offenbar erfolglos versuchte, den späteren NSU-Terroristen Uwe Mundlos als Informanten anzuwerben. Er wurde damals gefragt, ob er den Behörden geplante Angriffe auf Asylbewerberheime melden könnte. Mundlos lehnte ab. Er könne sich "nicht vorstellen, mit den Behörden zu kooperieren", heißt es in einer alten Akte.

Das Verteidigungsministeriums erklärte, der MAD habe Mundlos nicht als bezahlten V-Mann anheuern wollen. Ob Mundlos informell um Informationen über Aktivitäten der rechten Szene gebeten wurde, darüber sagte ein Ministeriumssprecher nichts.

Der wehrdienstleistende Soldat Mundlos war dem MAD zwischen dem 1. April 1994 und dem 31. März 1995 aufgefallen. Später wurde er einer von drei Mitgliedern der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU).

Zehn Menschen haben er und die beiden Mittäter Uwe Bönhardt und mutmaßlich Beate Zschäpe auf dem Gewissen, wie erst im vergangenen November bekannt wurde. Bevor sie festgenommen werden konnten, töteten sich Mundlos und Böhnhardt selbst.

Mundlos hat von 1994 und 1995 seinen Grundwehrdienst abgeleistet. In der Zeit fiel er als Teil einer sechsköpfigen Gruppe auf, die gemeinsam "Skin-Musik" gehört und sich mit "rechtextremistisch zu wertendem Verhalten" hervorgetan habe. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung an den Grünen-Abgeordneten Hans-Christian Ströbele hervor, die ihm seit dem 31. August vorliegt (pdf-Dokument).

Der Inhalt der daraufhin angelegten Akte schien derart interessant zu sein, dass der MAD sie in Kopie an die Landesämter für Verfassungsschutz in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen übermittelte.

Im MAD selbst existiert die Akte heute nicht mehr - der MAD habe die Verpflichtung, "die personenbezogenen Daten zu löschen, die er nicht mehr für seine Aufgabenerfüllung benötigt", heißt es in dem Schreiben.

Allerdings ist der Behörde seit dem 8. März diesen Jahres der "geschilderte Sachverhalt (wieder) bekannt", heißt es lapidar in der Antwort der Bundesregierung. Der Grund dafür ist eine Anfrage des Landesamtes für Verfassungsschutz Sachsen beim MAD.

Fraktionsübergreifendes Entsetzen

Erneut sind also Akten rund um die Terrorgruppe NSU verschwunden oder vernichtet worden. Erneut scheinen die Behörden wenig Interesse daran gehabt zu haben, die Abgeordneten über diese Vorgänge zu unterrichten.

Urlaubsfotos der NSU-Terroristen

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