Nato-Einsatz in Libyen Mit Gewalt zum Erfolg

Offiziell war es nie das Ziel des Nato-Einsatzes in Libyen, Muammar Gaddafi auszuschalten. Doch hinter den Kulissen wussten die Verantwortlichen: Erst wenn der Diktator tot oder verhaftet ist, würden seine Anhänger aufgeben. Nun könnte die Nato - unbewusst - zur Festnahme und Tötung des Diktators beigetragen haben.

Von Martin Winter, Brüssel

Am Tag, als Muammar Gaddafi im Kampf um seine Hochburg Sirte den Tod fand, schickte die Nato Kampfflugzeuge in den Luftraum Libyens. So wie jeden Tag seit fünf Monaten. Und - ohne sich dessen bewusst zu sein - haben diese den Konvoi des ehemaligen libyschen Machthabers unter Beschuss genommen und so zu dessen Festnahme beigetragen.

Dies geht aus einer Mitteilung der Nato vor. Die gepanzerten Fahrzeuge seien mit "einer erheblichen Menge von Waffen und Munition beladen" gewesen. Zunächst habe man nur ein einziges Fahrzeug beschossen, "um die Bedrohung zu verringern". Daraufhin habe sich der Konvoi aufgeteilt. Eine Gruppe von 20 Fahrzeugen sei mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Süden gefahren. Nato-Flugzeuge hätten daraufhin diese Fahrzeuge bombardiert und etwa 10 davon zerstört.

Zur Zeit des Angriffs habe die Nato nicht gewusst, dass sich Gaddafi in dem Konvoi befand, heißt es in der Mitteilung der Nato. Und weiter: "Das Eingreifen der Nato war ausschließlich durch die Verringerung der Bedrohung für die Bevölkerung begründet."

Diese Formulierung in der Darstellung der Nato überrascht nicht, denn über all die Monate hatte sie peinlich genau darauf geachtet, den Auftrag der Vereinten Nationen zu erfüllen und die Zivilisten vor der Gewalt des alten Regimes zu schützen. Immer wieder hat die Allianz offiziell von sich gewiesen, dass das Ende Gaddafis - ob nun gefallen oder vor Gericht gestellt - Ziel ihres Einsatzes sei. Aber hinter den Kulissen wurde kein Zweifel daran gelassen, dass die nach wie vor gut bewaffneten und kampferfahrenen Anhänger Gaddafis wohl erst dann zur Aufgabe bereit sein werden, wenn ihr Anführer ausgeschaltet ist.

Nach den Meldungen über den Tod Gaddafis dürfte sich deshalb im Brüssler Nato-Hauptquartier in der politischen wie militärischen Führung Erleichterung breit gemacht haben. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hatte zwar immer wieder betont, dass man so lange in Libyen eingreifen werde, bis der Job erledigt ist. Doch die große Angst der Militärs war es, dass sich in Libyen ein langwieriger Bürgerkrieg entwickeln könnte, solange Gaddafi lebt.

Rasmussen kündigte am Donnerstagabend bereits an, dass die Nato den Einsatz in Abstimmung mit den Vereinten Nationen und dem Nationalen Übergangsrat Libyens beenden werde. "Mit dem Fall von Bani Walid und Sirte ist dieser Moment jetzt sehr viel nähergerückt", heißt es in seiner Erklärung. Die Nato habe das "historische Mandat des UN-Sicherheitsrates zum Schutz der libyschen Bevölkerung erfolgreich umgesetzt".

Schon am heutigen Freitag tritt der Nordatlantikrat zusammen und wird möglicherweise das Ende des Krieges offiziell verkünden. Und wenn die Nato Ende sagt, dann meint sie auch Ende. Denn eines will sie nicht: sich auf Dauer in Libyen engagieren.

Wenige Waffenreserven

Die Partner dürften auch deswegen über das Ende Gaddafis erleichtert sein, weil dieser Krieg - den die Nato ja neben dem in Afghanistan führt - zunehmend ihre Reserven auffraß. Im Sommer musste sogar Deutschland, das sich ja ausdrücklich nicht an diesem Krieg beteiligte, Hülsen für Präzisionsbomben liefern. Denn den in Libyen engagierten Franzosen, Briten und Kanadiern waren sie ausgegangen.

Seit Beginn ihres Einsatzes am 31. März hat die Nato massiv Material eingesetzt, um die Truppen der Rebellen aus der Luft zu unterstützen. Kampfflugzeuge der Nato sind zu mehr als 26.000 Einsätzen gestartet, alleine rund 10.000 mal, um Ziele am Boden anzugreifen. Gaddafis Luftabwehr, seine Raketenstellungen, seine Kommandoeinrichtungen und seine Bunker waren ebenso Ziele wie seine Panzerkolonnen.

Ohne diesen Einsatz der Nato hätten die Aufständischen den Kampf gegen Gaddafi und seine Truppen nie gewinnen können. Sie hatten den Vorteil, dass die Nato modernste Methoden der Kriegsführung einsetzte, von Drohnen über Aufklärungstechniken bis hin zu punktgenauer Zielbestimmung. Außerdem waren vor allem in der Frühphase der Kämpfe Spezialeinheiten der Briten und Amerikaner verdeckt in Libyen unterwegs, um Ziele auszukundschaften und zu markieren.

Zum Aufmarsch der Nato gehörte auch eine Seeblockade, an der zwölf Kriegsschiffe des Westens beteiligt waren. Aber das Bündnis handelte nicht allein, sondern legte von vornherein Wert darauf, dass auch Einheiten aus arabischen Ländern teilnehmen. So schickte Katar mehrere F16-Kampfflugzeuge in den Einsatz.

Die Nato hat nicht nur einen Krieg erfolgreich zum Abschluss gebracht. Durch die Einbindung arabischer Staaten hat sie auch eines ihrer wichtigsten Ziele erreicht: Nicht in den Verdacht zu geraten, einen imperialistischen Krieg in der arabischen Welt zu führen.