Nach dem Amoklauf von Newtown Waffen für das Klassenzimmer

Amerika diskutiert über schärfere Waffengesetze, Einschränkungen bei Sturmgewehren gelten als wahrscheinlich. Doch es gibt auch eine Gegenbewegung: Republikaner fordern, Lehrer und Hausmeister zu bewaffnen, um Schulkinder zu verteidigen.

Von Charlotte Theile

Prominentester Fürsprecher für Waffen an Schulen: Rick Perry, Gouverneur von Texas. Bild von 2010.

(Foto: AFP)

270 Millionen Waffen gibt es in den USA, das sind fast 90 je 100 Einwohner. Wohl kein anderes Land ist so vernarrt in Pistolen und Gewehre wie die USA. Am Recht eines Amerikaners, eine Waffe zu tragen, hat lange kein Politiker zu zweifeln gewagt. Doch nun, nach dem Massaker von Newtown, kommt zum ersten Mal Bewegung in die Debatte.

US-Präsident Barack Obama will sich mit den Wurzeln der Gewalt auseinandersetzen und wird zum ersten Mal mal konkret. Zumindest schwere Sturmwaffen sollen nicht mehr so leicht zu beschaffen sein. Eine Mehrheit der demokratischen Abgeordneten sieht das genauso und auch in der Bevölkerung ist die Bereitschaft, strengere Waffengesetze zu akzeptieren, größer denn je. Selbst die mächtige Waffenlobby NRA und ein Teil der oppositionellen Republikaner sind zu Gesprächen über das konservative Reizthema "Gun Control" bereit.

Doch es gibt auch eine Gegenbewegung. Einige Republikaner fordern angesichts der Tragödie von Newtown nicht weniger, sondern mehr Waffen. Ihre Logik: Nur mit Waffen lassen sich Amokläufer stoppen.

So argumentiert zum Beispiel Louie Gohmert, Abgeordneter im US-Repräsentantenhaus, die ermordete Direktorin Dawn Hochsprung hätte ihre Schüler mit einem Sturmgewehr verteidigen können - wäre sie nur entsprechend ausgerüstet gewesen: "Bei Gott, ich wünsche mir nichts mehr, als dass sie eine M4 in ihrem Büro gehabt und ihn erschossen hätte, bevor er all diese wunderschönen Kinder töten konnte", erklärte er im TV-Sender Fox News.

Nicht nur Lehrer, auch Schüler sollen Waffen tragen dürfen

Der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat Rick Perry hat sich an die Spitze der "Teacher-with-gun"-Bewegung gestellt. Geht es nach ihm, sollen künftig Lehrer, Hausmeister, vielleicht sogar Abiturienten im Schulalltag Waffen tragen dürfen. Jeder, der eine Lizenz zum verdeckten Tragen einer Schusswaffe hat, solle diese überall mit sich führen können - also auch in Schulen und Kindergärten. Diese Idee könnte sogar umgesetzt werden: als Gouverneur von Texas ist Perry für die Gesetzgebung im zweitgrößten Bundesstaat der USA richtunggebend.

Auch in anderen Bundesstaaten könnte es in den kommenden Monaten tatsächlich zur Bewaffnung von Lehrer-Kollegien kommen. Die republikanische Politikerin Michele Fiore hat für ihren Bundesstaat Nevada einen Gesetzentwurf angekündigt, der es nicht nur Lehrern und Verwaltungsmitarbeitern, sondern auch Schülern erlaubt, sich zu bewaffnen. Einzige Bedingung: Eine gültige Waffenlizenz.

Die Reaktionen, die Fiores Vorstoß auf dem liberalen Blog ThinkProgress hervorruft, sind vernichtend: "Als Schuldirektor muss ich sagen, dass das der dümmste Vorschlag ist, den ein Gesetzgeber überhaupt einbringen kann" schreibt einer. Ein anderer pflichtet bei: "Genau, wann war denn das letzte Mal, dass ein bewaffneter Zivilist eine Schießerei gestoppt hat?" "Wer Menschen dazu ermutigt, in der Gegenwart von Kindern Waffen zu tragen, sollte keine politische Verantwortung tragen" schreibt ein Dritter.

Doch überall im Land gibt es Politiker, die ähnlich denken. Auch in Oklahoma, South Dakota, Tennessee und Arizona haben Abgeordnete die Idee von Louie Gohmert aufgegriffen. Amokläufer würden sich gezielt Orte aussuchen, an denen sie auf komplett schutzlose, unbewaffnete Opfer treffen, so die Argumentation. Ein bewaffneter Lehrer hätte Lanza zumindest etwas entgegensetzen können.

In Texas gibt es bereits Schulen, die es ihren Mitarbeitern erlauben, sich zu bewaffnen - ein Bezirk hat sich schon 2008 dafür entschieden. Als Perry den Bezirk bei einer Rede vor Tea-Party-Anhängern erwähnte, konnte er minutenlang nicht mehr weitersprechen. Er wurde er von begeistertem Beifall unterbrochen.

In einer früheren Fassung des Textes wurde Texas als der größte Bundesstaat der USA bezeichnet. Dies ist jedoch Alaska (bzgl. der Fläche) bzw. Kalifornien (bzgl. der Einwohnerzahl.