Murat Kurnaz im Interview (2011) "Ich bin froh und zufrieden"

Murat Kurnaz im Jahre 2011

(Foto: Oliver Das Gupta)

2006 Jahren kam Murat Kurnaz zurück aus dem Folterlager Guantanamo. Seitdem hat er mehr abgelegt als seinen roten Bart. Ein Gespräch über die Terroranschläge vom 11. September, die Schuld von Osama bin Laden - und das Leid gemästeter Schweine.

Interview: Oliver Das Gupta

Murat Kurnaz ist 1982 als Sohn türkischer Einwanderer in Bremen geboren. Kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 flog er nach Pakistan, angeblich um mehr über den Islam zu erfahren. Dort wurde er als mutmaßlicher Anhänger der radikalislamischen Taliban festgenommen und von den Amerikanern zuerst nach Afghanistan, dann ins US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba gebracht. Jahrelang wurde er in Drahtkäfigen gefangengehalten und auf unterschiedliche Weise gefoltert.

Kurnaz konnte keine Verwicklung in Terroraktivitäten nachgewiesen werden, die USA hielten ihn schon bald für harmlos. Schon 2002 bot die amerikanische Regierung Deutschland an, Kurnaz freizulassen. Das zuständige Gremium im Kanzleramt, dem unter anderem der heutige SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier angehörte, lehnte seine Rückkehr mehrfach ab - mit Hinweis auf die türkische Staatsbürgerschaft von Kurnaz.

Erst am 24. August 2006 flogen ihn die Amerikaner nach Deutschland aus. Sein Schicksal beschäftigte zwei Untersuchungsausschüsse. Kurnaz schrieb ein Buch, trat im Fernsehen auf und wurde so der wohl bekannteste Guantanamo-Häftling: der Zausel mit dem roten Bart. Schon längst stehen auf dem Kopf und am Kinn nur noch Stoppeln, Kurnaz wird auf der Straße nur noch selten erkannt. Inzwischen ist er Familienvater und arbeitet als sozialpädagogische Fachkraft mit kriminellen und drogenabhängigen Jugendlichen in Bremerhaven. Das Interview mit sueddeutsche.de entstand bei einem Spaziergang an der Weser in Bremen-Hemelingen, wo er aufgewachsen ist.

sueddeutsche.de: Herr Kurnaz, die meisten Menschen kennen Sie als den Mann mit dem roten Rauschebart, den Sie nicht mehr tragen....

Murat Kurnaz: ... und als den mysteriösen Menschen, von dem man nicht weiß, ob er unschuldig ist. Leider glauben noch viele, dass ich supergefährlich bin.

sueddeutsche.de: Vor fünf Jahren sind Sie freigekommen nach fünf Jahren Gefangenschaft. Sprechen noch viele Leute Sie auf der Straße an?

Kurnaz: Hier in Bremen schon, woanders nicht so oft. Vor einiger Zeit habe ich mich mit einer Frau unterhalten über Guantanamo. Sie erkannte mich nicht. Sie fragte mich sogar, ob ich die Geschichte von Murat Kurnaz kenne.

sueddeutsche.de: Ohne die Terroranschläge vom 11. September 2001 wären sie nicht in Gefangenschaft geraten. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Kurnaz: Ich war auf dem Weg von meiner Ausbildungsstätte nach Hause. Ein Freund sagte mir in der Bahn: "In den USA ist ein Flugzeug abgestürzt." Zuhause sagte mir meine Mutter etwas von einem Erdbeben in den USA. Der Fernseher lief schon und man sah das brennende World Trade Center. Als dann das zweite Flugzeug reingekracht ist, war mir klar, dass das kein Unfall sein kann.

sueddeutsche.de: Wenige Monate später wurden Sie in Deutschland berühmt, in den Boulevardmedien nannte man Sie "Bremer Taliban". Der Verdacht lautete: Sie seien im Oktober 2001 nach Pakistan gereist, um sich - inspiriert durch den 11. September - den Islamisten anzuschließen.

Kurnaz: Was nicht stimmt. Ich hatte meine Reise nach Pakistan lange vor dem 11. September geplant.

sueddeutsche.de: Aber die US-Angriffe auf Afghanistan begannen unmittelbar vor Ihrer Reise. Warum sind Sie trotzdem geflogen?

Kurnaz: Ich dachte: Was hat Pakistan damit zu tun? Das ist doch ein anderes Land. Ich war sicher, dass es keine Komplikationen geben würde.

sueddeutsche.de: Damals schien der deutschen Öffentlichkeit der Fall klar zu sein. Im Spiegel war zu lesen, auf ihrem Handydisplay sei beim Einschalten das Wort "Taliban" erschienen. Was war da dran?

Kurnaz: Das ist erfunden! Ich kannte bis zu meiner Haftzeit die Taliban nicht, ich wusste nicht, wo sie herkommen und für was die stehen, dieses Wort war mir fremd. Ich hatte auch keine Ahnung von al-Qaida und Osama bin Laden. Ich war 19 und politisch nicht interessiert.

sueddeutsche.de: Zehn Jahre liegt ihre Gefangennahme in Pakistan zurück. War es aus ihrer heutigen Sicht nicht völlig naiv, in solch eine Krisenregion zu fliegen?

Kurnaz: Als 19-Jähriger denkt man anders, als ein 29-Jähriger. Heute würde ich anders entscheiden. Damals hatte ich gerade geheiratet. Meine damalige Frau stammte aus einer religiösen Familie und sollte im Herbst von der Türkei nach Bremen kommen. Bis dahin wollte ich mehr über meinen Glauben erfahren, denn ich wusste nicht wirklich viel. Und außerdem wollte ich ein Abenteuer erleben. So wie andere mit 19 nach Amerika oder Indien fahren.

sueddeutsche.de: Ein Abenteuer wurde diese Reise, allerdings anders, als Sie sich das vorgestellt hatten: Sie wurden in Pakistan aufgegriffen, dann von den Amerikanern ins afghanische Kandahar gebracht und landeten schließlich im Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba. Haben Sie während dieser fünf Jahre Phasen, in denen Sie ans Aufgeben gedacht haben?

Kurnaz: Nein, aufgeben wollte ich nicht. Aber mir war nicht klar, ob ich das überleben werde. Oder ob ich als alter Mann wieder nach Hause darf.