Mordanschlag auf Ex-Spion in Großbritannien Ein schlimmer Verdacht, der Putin nutzt

Wladimir Putin hat kein Problem mit dem Verdacht, dass der Kreml hinter dem Attentat auf den Ex-Spion Sergej Skripal steckt.

(Foto: AFP)

Großbritannien verdächtigt Russland des Attentats auf den Ex-Doppelagenten Skripal. Für Putin kein Problem: Es verstärkt die Wagenburgmentalität, auf die er im Wahlkampf setzt.

Kommentar von Julian Hans, Moskau

Wer den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter im britischen Salisbury vergiftet hat, muss Scotland Yard herausfinden und eines Tages gerichtsfest beweisen. Das kann dauern.

Im Fall des 2006 ermordeten Alexander Litwinenko brauchte es zehn Jahre, bis ein Londoner Richter mit dem Finger nach Moskau zeigte - und erklärte, Wladimir Putin selbst und sein Geheimdienstchef hätten die Tat "wahrscheinlich" in Auftrag gegeben.

Möglicherweise wäre das Verfahren gar nicht zustande gekommen, hätte nicht die Witwe des Opfers die Justiz zum Jagen getragen. Die Premierminister Tony Blair, Gordon Brown und David Cameron hätten die Sache lieber auf sich beruhen lassen, statt die ohnehin schwierigen Beziehungen zu Russland zusätzlich zu belasten.

Diesmal soll es schneller gehen. Premierministerin Theresa May verlangt bis Dienstagabend eine Stellungnahme aus Moskau. Aber Wladimir Putin ist nicht der Mann, der sich Ultimaten setzen lässt. Als ein BBC-Reporter ihm am Montag die Frage stellte, ob sein Land hinter dem Gift-Anschlag stecke, hätte ein anderer Staatschef vielleicht die Gelegenheit genutzt, um seine Abscheu über die schreckliche Tat auszudrücken und die Bereitschaft zu bekunden, alles zu tun, was zur Aufklärung beitragen kann.

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Nicht so Putin. Er stritt den Vorwurf noch nicht einmal ab, sondern ging zum Gegenangriff über: "Bringen Sie erst einmal Ihren eigenen Laden in Ordnung, dann können wir darüber reden."

Das gleiche Lied spielen die russischen Staatssender schon seit vergangener Woche: Großbritannien müsse ein gefährliches Pflaster sein, wenn dort so viele Exilrussen ihr Leben lassen - von Litwinenko bis zu dem in seiner Dusche erhängt aufgefundenen Oligarchen Boris Beresowski. Mehr als ein Dutzend solcher ungewöhnlicher Todesfälle gab es in den vergangenen Jahren, bei denen Spuren nach Russland führten, wobei die Taten aber nicht aufgeklärt werden konnten.

"Ich wünsche keinem den Tod", sagte der Moderator der Abendnachrichten im staatlichen Ersten Kanal vergangene Woche. "Ausschließlich aus pädagogischen Gründen" warne er alle, die von einer vergleichbaren Karriere träumten: "Der Beruf des Verräters ist einer der gefährlichsten, die es gibt."

Die Verdächtigungen kommen dem Kreml gerade zupass

Die Zeiten, in denen Putin noch Wert auf internationales Ansehen legte, sind vorbei. Er selbst ist aus dem Club der ehrenwerten Staatsmänner längst ausgeschieden und hat für sich und für sein Land den Weg gewählt, stolz zu sein auf das Image des bösen Buben wie ein Gangsta-Rapper.

Vor den Wahlen wird dieses Image offensiv gepflegt, zum Beispiel indem Putin in seiner Rede an die Nation eine schreckliche Wunderwaffe vorstellte und seine Sender danach genüsslich die aufgeregten Reaktionen der Regierungen aus aller Welt ausbreiteten.

Möglich, dass Russland gar nicht hinter dem Anschlag auf Skripal steckt, aber die Verdächtigungen kommen dem Kreml paradoxerweise gerade zupass. Sie verstärken jene Wagenburg-Mentalität, auf der Putins ganze Wahlkampagne aufgebaut ist: Die Welt ist gegen uns, und nur einer ist in der Lage, ihr die Stirn zu bieten.

Neue Sanktionen wären in dieser Woche das größte Geschenk, das der Westen Putin vor der Wahl am Sonntag machen könnte. Sollte Theresa May ausreichende Hinweise haben, sollte sie diesmal schneller und klarer reagieren als im Fall Litwinenko. Aber mit Sanktionen sollte sie wenigstens bis Montag warten.

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