Merkel-Besuch bei Putin Diplomatisches Chaos um Beutekunst-Ausstellung

Erst der Eklat, dann plötzlich "kein Problem". Russlands Staatschef Putin und Kanzlerin Merkel gehen nach einer Absage am Morgen nun doch gemeinsam zur Beutekunst-Vernissage in Sankt Petersburg. Deutschland fordert dort ausgestelltes Gold zurück, Russland hält dagegen, man habe es mit Blut bezahlt.

Von Thorsten Denkler und Michael König, Berlin

Der Termin war nur eine Randnotiz, dann wurde daraus ein Politikum: Kanzlerin Angela Merkels Teilnahme an der Eröffnung der Ausstellung "Bronzezeit - Europa ohne Grenzen" in Sankt Petersburg wurde zunächst ab- und dann wieder angesagt. Der Streit um die Beutekunst ist damit allerdings nicht gelöst.

  • Deutsch-russisches Hin und Her: Merkel war zum Internationalen Wirtschaftsforum nach Sankt Petersburg gereist. Sie sollte am Rande dieses Termins gemeinsam mit Wladimir Putin dem berühmten Kunstmuseum Eremitage auftreten und die Ausstellung mit Grußworten eröffnen. Ein Teil der Ausstellung besteht aus Stücken, die Rotarmisten nach dem Zweiten Weltkrieg aus eroberten deutschen Gebieten in die damalige Sowjetunion brachten. Merkel wollte in ihrem Grußwort deren Rückgabe an Deutschland fordern, daraufhin sagte die russische Seite den Termin mit Putin ab. Aus "Termingründen", wie es seitens der Bundesregierung hieß. Stunden später verkündete Putin das Gegenteil.
  • Wende am Abend: Der russische Präsident wollte offenbar eine weitere Eskalation vermeiden und sprach direkt mit Merkel über den Eklat. Kurz vor einer gemeinsamen Pressekonferenz hieß es plötzlich, Präsident und Kanzlerin würden nun doch gemeinsam die Ausstellung besuchen. "Wir haben nichts abgesagt", sagte Putin. "Das Problem existiert nicht." Lediglich der Terminplan sei fraglich gewesen, "jetzt haben wir gesehen, dass wir genug Zeit haben". Merkel sagte, das "direkte Gespräch" mit Putin habe "sofort zu einem Verständnis geführt" und "das Problem gelöst". Der Russe bestritt allerdings bis zuletzt, dass die Ausstellungseröffnung abgesagt worden sei. Es sei nur um die Frage gegangen, ob die Zeit ausreiche für die Fahrt zur Eremitage.
  • Streitpunkt Beutekunst: In der Ausstellung in Sankt Petersburg wird unter anderem der "Goldschatz von Eberswalde" gezeigt, ein bedeutender Fund aus der Bronzezeit und der größte vorgeschichtliche Goldfund in Deutschland. Deutschland verlangt seit Jahrzehnten die Rückgabe dieser Museumsstücke. Russland lehnt das mit dem Argument ab, die Kunstschätze seien mit dem Blut sowjetischer Soldaten bezahlt worden. Mehr Informationen zu den Ausstellungsstücken in diesem Artikel von Welt.de.
  • Putin bleibt vage: Der russische Präsident beantwortete die Frage nach einer Rückgabe der Beutekunst ausweichend. "Wir müssen nach Lösungen suchen, nicht das Thema aufblasen. Wir dürfen nicht erlittene Schäden gegeneinander aufrechnen, sondern sollten den Weg der Kunstexperten gehen."
  • Die russische Position zur Beutekunst wird in einem Interview deutlich, dass Irina Antonowa, Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums, 2012 dem Spiegel gab: "Die Frage der Trophäenkunst ist vor allem ethischer Natur. Es geht um eine moralische, weniger um eine finanzielle Kompensation gegenüber Russland. Man darf nicht einfach ein Land überfallen, seine Museen zerstören und versuchen, die Wurzeln seiner Kultur auszumerzen, wie das die Deutschen taten. Das ist eine historische Lektion für die ganze Welt."
  • Positives Signal: Experten werten Merkels Teilnahme an der Eröffnung in Sankt Petersburg als gutes Zeichen. Nach "vielen Jahren nutzloser Debatte" um die Beutekunst sei die Zusammenarbeit ein "guter Schritt voran", sagte etwa der Osteuropa-Experte Wolfgang Eichwede im Deutschlandfunk. Deutsche und russische Experten hatten nach einer Regierungsvereinbarung seit 2010 an der Ausstellung in Sankt Petersburg gearbeitet. Der Termin gilt als krönender Abschluss des Deutschlandjahres in Russland.
  • Das deutsch-russische Verhältnis wäre im Falle einer Absage des Termins weiter belastet worden. Ohnehin ist es nicht gut darum bestellt, etwa aufgrund unterschiedlicher Positionen im Syrien-Konflikt. Auch das russische Vorgehen gegen ausländische Stiftungen wie der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung hatte für Verstimmung gesorgt.