"March for Europe" in Berlin Aufstand der Europa-Fans

  • Zum 60. Jahrestag der Römischen Verträge finden zahlreiche proeuropäische Demonstrationen statt.
  • In Berlin feiern 6000 Menschen den Geburtstag der Europäischen Union.
  • Die Treffen sind Teil einer proeuropäischen Bewegung, die sich in den vergangenen Monaten gebildet hat.
Von Antonie Rietzschel, Berlin

Die Europäische Union feiert 60. Geburtstag. Während in Rom Staats- und Regierungschefs vor historischer Kulisse eine To-Do-Liste für die nächsten zehn Jahre unterschreiben, fliegt in Berlin Konfetti. Ein DJ spielt Elektromusik, im Rhythmus dazu vibriert auf einer Leinwand ein blaues Herz mit gelben Sternen. Unter dem Motto "March for Europe" treffen sich Tausende Menschen in mehreren europäischen Städten zur großen Sause, darunter Paris, Warschau, Lissabon und London.

In Berlin hatten mehrere Initiativen und Verbände zu einer Kundgebung vor dem Brandenburger Tor aufgerufen. 6000 Menschen sind gekommen. Sie reißen eine Mauer aus Pappkartons nieder, dann steigen blaue Luftballons in den strahlend blauen Himmel. Große politische Reden gibt es nicht, die Masse ist Statement genug. Sie ist ein Signal an jene Angstmacher, die lange die Debatte um Europa dominiert hatten.

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Kriegsüberlebende, Generation-Erasmus, Flüchtlinge

Beim "March for Europe" treffen Menschen aufeinander, die aus unterschiedlichen Gründen an die europäische Idee glauben und diese verteidigen. Da sind Rosi und Renate Heyer, zwei ältere Damen in blauen Steppjacken. Rosi Heyer, 81 Jahre alt, hat den Zweiten Weltkrieg erlebt. Sie war sieben Jahre alt, als das Haus ihrer Familie ausgebombt wurde. "Ich will in einem friedlichen Europa leben", sagt Rosi Heyer. Die aktuelle Aufrüstung mache ihr Angst.

Noemie Burel ist Französin und studiert eigentlich in Lille. Dank des europäischen Austauschprogramms Erasmus macht sie gerade ein Praktikum in Berlin. Die Europäische Union hat sie immer als einen Ort der Offenheit, Freiheit und Solidarität begriffen - bis zur Flüchtlingskrise im Sommer 2015. "Ich war so enttäuscht, dass es die Länder nicht geschafft haben, eine gemeinsame Position zu finden", sagt die 23-Jährige. Dass die Rechtspopulistin Marine Le Pen in Frankreich Chancen auf das Präsidentenamt hat, lässt Burel erschauern. An einen Sieg glaubt sie jedoch nicht.

"Jeden Tag ein Herz für Europa": Muhammad K. hat den Satz auf Deutsch und Arabisch auf ein Pappschild gemalt. Er ist vor zwei Jahren aus Syrien geflohen, mit einem Boot gelangte er aus der Türkei nach Italien. Heute lebt er in Berlin. Sich selbst sieht er als Araber und nicht als Europäer. Die Einigkeit der Europäischen Union ist ihm trotzdem ein wichtiges Anliegen. "Syrien war ein Vielvölkerstaat. Dass wir nicht zusammen gearbeitet haben, führte zur Diktatur. Das hat unser Land kaputtgemacht."

Eine Euphorie, die nichts mit Brüssel zu tun hat

Der Aufstand der Europa-Fans, er hat schon weit vor dem 60. Jubiläum zur Unterzeichnung der Römischen Verträge begonnen. Bereits im Sommer 2016 gingen Tausende Menschen in Großbritannien auf die Straße, um gegen das Brexit-Votum zu protestieren. Im Februar diesen Jahres protestierten in Rumänien Hunderttausende gegen die Regierung. Sie projizierten Slogans wie "We love you Europe" an Gebäude. Anfang des Jahres dann gründeten ein Frankfurter Anwalt und seine Frau die Initiative "Pulse of Europe". Über Facebook riefen sie jeden Sonntag zu Demonstrationen auf. Erst kamen Hunderte, mittlerweile sind es Tausende. "Pulse of Europe" gibt es in elf europäischen Ländern, auch in Großbritannien.

Mit der tagesaktuellen Politik der Europäischen Union hat diese Euphorie jedoch nichts zu tun. Angesichts der Zerstrittenheit einiger Mitgliedsländer und dem Scheitern in der Flüchtlingspolitik gibt Brüssel derzeit wenig Anlass, stolz zu sein. Es geht der Initiative um Ideale, um Freiheit und Gerechtigkeit. Und schlicht darum, dafür zu sein, wenn Rechtsextreme und Rechtspopulisten wie Marine Le Pen, Geert Wilders oder Viktor Orbán immer nur dagegen sind.

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