Linkspartei Sahra Wagenknecht, die Buhfrau

Wagenknechts Rede ruft Zustimmung aber auch viel Ärger hervor.

(Foto: dpa)
  • Sahra Wagenknecht wehrt sich auf dem Parteitag der Linken gegen Angriffe und Unterstellungen ihrer Partei.
  • Sie wird parteiintern für ihre flüchtlingspolitischen Vorstellungen kritisiert.
  • Hoch emotional debattieren die Abgeordneten schließlich spontan über die Parteiposition zu Wagenknechts Flüchtlingskurs.
Von Jens Schneider, Leipzig

Es ist einige Minuten nach zwölf Uhr mittags an diesem Sonntag, als der Parteitag der Linken aus den Fugen gerät. Gerade hat Sahra Wagenknecht ihre Rede als Fraktionsvorsitzende gehalten. Es ist ihre erste Wortmeldung auf dieser Tagung. Seit dem Freitag hat sie zumeist reglos in der ersten Reihe gesessen. Sie hat den Parteichefs nach deren Reden so müde applaudiert, dass gar kein Applaus freundlicher gewesen wäre. Nun steht sie da im zitronengelben Kostüm und macht erst mal das, was sie am besten kann.

Die Ikone der Linken empört sich über "nackte ausbeuterische Gewalt" im hiesigen Wirtschaftssystem: "Der Papst hat doch recht: diese Wirtschaft tötet." Scharf warnt sie vor den Folgen eines Rechtsrucks im Land. Die Linke solle "lieber darum kämpfen, dass Gaulands AfD zu einem Vogelschiss in der deutschen Geschichte wird", ruft sie aus. Im Saal werden rote Fahnen geschwenkt. Einige Genossen springen auf und johlen, aber wenn man an den Reihen entlang geht, fällt auf, wie viele starr dasitzen, keine Hand rühren, und dass einige voller Zorn zu den Saalmikros streben.

"Man darf nie übersehen, was Sahra wirklich kann"

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Bei einer spontan angesetzten Debatte zur Flüchtlingspolitik gibt es hundert Redeanträge

Es ist der Moment, in dem der Parteitag nach zwei Tagen endlich anfängt offen über das zu streiten, was die Linke seit Monaten lähmt: den internen Streit über die Flüchtlingspolitik. Denn Wagenknecht hat in ihrer Rede, wenn auch in wenigen Sätzen, erstmals vor der Parteibasis das gesagt, was ihre Genossen sonst nur aus Interviews erfuhren - und was viele verstörte. Sie hat sich zwar dazu bekannt, dass Verfolgte in Deutschland Asyl erhalten müssen, aber dann in Frage gestellt, "ob es für Arbeitsmigration Grenzen geben sollte, und wenn ja: wo sie liegen?" Und machte deutlich, dass sie die Forderung "offene Grenzen für alle" für falsch hält.

Genau diese Formel drückt für viele Linke ihr Selbstverständnis in der Flüchtlingspolitik aus. Die Tagesordnung sieht nach Wagenknechts Rede keine Debatte vor, aber drei Nachfragen. Diese drei Nachfragen aber wirken wie eine Entladung, und Wagenknecht heizt die Stimmung mit ihren Antworten weiter an.

Am Saalmikrofon steht Elke Breitenbach, sie ist Sozialsenatorin in Berlin. Sie kann vor Wut kaum an sich halten, sie will es auch nicht. "Sahra, du zerlegst gerade die Partei", wirft sie der Fraktionschefin vor. "Du ignorierst die Position der Mehrheit dieser Partei. Ich bin nicht mehr bereit, das hinzunehmen." Wagenknecht antwortet, dass "den Hungernden in Afrika offene Grenzen nichts nützen", weil die meisten gar nicht nach Europa kommen könnten, man solle ihnen vor Ort helfen. Sie wird von einigen laut ausgebuht - in dieser Heftigkeit ein Novum auf einem Parteitag der Linken.

Derart aufgewühlt beschließt die Basis, die Tagesordnung umzuwerfen und für eine Stunde über die Flüchtlingspolitik der Linken zu reden. Es gibt, das zeigt den großen Redebedarf der Partei, hundert Wortmeldungen. Man könnte leicht bis zum Montagmittag weiter streiten, mindestens.