Oskar Lafontaine behält für sich, wie schwer seine Krebserkrankung ist - und muss seine politische Zukunft offenlassen. Die Linke, die ihn dringend braucht, rätselt, wie viele Ämter sie neu besetzen muss.
Es sind nur drei Sätze. Zwei davon klipp und klar, einer lang und kompliziert. "Ich werde mich am Donnerstag zu einem seit längerem geplanten chirurgischen Eingriff in eine Klinik begeben. Es handelt sich um eine Krebserkrankung", teilt Oskar Lafontaine in einer Pressemitteilung mit.
"Nach überstandener Operation werde ich darüber entscheiden, in welcher Form ich meine politische Arbeit weiterführe" - Oskar Lafontaine. (© Foto: ddp)
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Der Mann, der ein Attentat auf sein Leben überstanden hat. Der Mann, der wie kein Zweiter für politischen Abstieg und Wiederaufstieg in Deutschland steht. Der als Einziger Chef zweier Parteien in diesem Land geworden ist. Ein paar in der Führung der Linkspartei wussten davon, dass die Erklärung kommen würde. Sie hatten sie aber erst für Donnerstag erwartet.
Es ist dann ziemlich viel telefoniert worden an diesem Dienstag. Schließlich einigte man sich auf die Devise: Nichts mehr rauszögern. Keine neuen Spekulationen keimen lassen. Die Woche hatte ja nicht gut begonnen. Der Spiegel hatte das "Ende der Ära Lafontaine" verkündet und dies umständlich mit einer angeblichen Liebesgeschichte des 66-jährigen Politikers in Verbindung gebracht.
Das Ende einer Ära? Handelt davon der dritte, der komplizierte Satz in der Erklärung Lafontaines?
"Nach überstandener Operation werde ich zu Beginn des neuen Jahres unter Berücksichtigung meines Gesundheitszustandes und der ärztlichen Prognosen darüber entscheiden, in welcher Form ich meine politische Arbeit weiterführe." Man kann das einmal, zweimal lesen, und auch dann lässt der Satz immer noch sehr viele Fragen offen.
Vor ein paar Monaten noch schien alles ganz klar. Die Linkspartei hatte mit den Spitzenkandidaten Oskar Lafontaine und Gregor Gysi bei der Bundestagswahl triumphiert. 11,9 Prozent, das war das bislang beste Ergebnis. Gysi und Lafontaine, dachte man, würden wieder die Fraktionsführung übernehmen und im Mai dann würde Lafontaine erneut zum Parteivorsitzenden gewählt werden. Diesmal zum alleinigen. Dachte man.
Spätestens am 9. Oktober wird dann klar, dass vieles anders kommen muss. Die neue, auf 76 Abgeordnete angewachsene Fraktion wird in ein Hotel ins schöne Rheinsberg geladen, Bootsfahrt inklusive. Aber aus der ruhigen Landpartie wird nichts. Lafontaine verkündet seinen Verzicht auf den Fraktionsvorsitz, versichert, das sei kein "Rückzug in irgendeiner Weise", und reist vor dem Abendessen wieder ab. Während des Wahlkampfs im Saarland und im Bund hatte Lafontaine mit einer angegriffenen Gesundheit zu kämpfen gehabt und über eine langanhaltende Angina geklagt. Richtig ernst genommen hatten das nur diejenigen, die ihm näher standen.
Vor 19 Jahren war der SPD-Spitzenkandidat Lafontaine bei einem Attentat lebensgefährlich verletzt worden. Bei einem Wahlkampfauftritt in Köln-Mülheim hatte ihm eine geistesgestörte Frau eine Stichwunde am Hals zugefügt. Damals hatte er sich scheinbar rasch erholt, verändert aber hat das Lafontaines Leben natürlich doch. Die politische Figur Lafontaine weiß seither, dass sie Rücksicht nehmen muss auf die Gesundheit des Menschen Lafontaine.
Vor dieser Abwägung steht der Saarländer nun wieder. Schließlich ist er Inhaber nicht nur eines, sondern gleich zweier Parlamentsmandate. Er ist zugleich Abgeordneter des saarländischen Landtags in Saarbrücken und des Bundestages in Berlin und nebenbei noch Parteivorsitzender. Auch für einen Gesunden wäre das zu viel.
Wie schwer seine Krebserkrankung ist, behält Lafontaine für sich. Er sagt auch nicht, um welchen Krebs es sich handelt. Ein kleiner Eingriff jedenfalls ist es nicht, denn Lafontaine bittet um Zeit, will erst Anfang Januar verkünden, wie es politisch weitergeht.
Die Linkspartei darf nun rätseln, ob ihr Gründungsvater ein, zwei oder alle Ämter aufgibt. Er werde doch immer noch gebraucht für den Zusammenhalt des komplizierten Ost-West-Vereins, sagen nun viele aus der Führung. Es klingt ein wenig wie ein Abgesang.
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(SZ vom 17. November 2009/segi)
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Ich bin kein Anhänger Lafontaines - habe aber stets seinen Intellekt bewundert, den die meisten Politiker/innen Deutschlands vermissen lassen - einschließlich Merkel -.
Aber was die meisten Medien - auch die Süddeutsche - sich vorwerfen sollten, ist ihre mehr als fahrlässig zu bezeichnende Gleichgültigkeit gegenüber den Recherchen betreffs Lafontaines.
Sämtliche Kommentare und Artikel beruhten nur auf medienwirksamen Spekulationen. Viel schlimmer noch: auch eine "angebliche private Liaison wurde von Medien gemeinsam mit politisch gewogenen ausgebeutet, obwohl die beteiligten Medien leicht deren Wahrheitsgehalt hätten recherchieren können. Das haben sie aber wie üblich nicht getan.
Auch Sie schämen sich nicht einmal deswegen.
Einzig der STERN hat sein Bedauern und seine Scham auch für andere Medien kundgetan.
Lafontaine ist ein kritischer, unbequemer und streitbarer Demokrat, der seine eigene Meinung stets vertreten hat. Auch wenn mir seine Ziele - mitunter auch seine Methoden nicht immer gefallen haben, geachtet habe ich diesen Manntrotzdem. Das der SPIEGEL blitzeilig diesem Politiker "eins auswischen wollte" mit dem HInweis auf Sarah Wagenknecht ist mehr als blamabel. An diesem Beispiel ist zu erkennen, auf welch tiefes Niveau dieses einst bedeutende Magazin gesunken ist. Das erklärt wohk auch die stets sinkende zahl von Lesern. Unsere Demokeratie braucht neben der Freiheit auch ein gerüttelt Maß an Fairnis, um den politischen Gegener attakieren zu können. Überhaupt ist häufig zu berobachten, wie herablassend, arrogant und fast feindselig über Personen geschrieben und gewertet wird, die keine "neoliberale", "christliche", "grüne" oder "sozialdemokratische" Färbung erkennen lassen.
Auch von meiner Seite gute Besserung.
Am Schluss sind wir alle irgendwie nur Menschen.
Ja, da haben Sie wohl recht. Vermutlich verortet er sich selbst aber immer noch in der Mitte. Ich plädiere da schon lange für mehr Ehrlichkeit mit sich selbst und guten Geschichtsunterricht. Dann setzt man sein Kreuzchen beim nächsten mal auch dort wo man steht, und nicht dort, wo man glaubt zu stehen.
Das Gebot zu parteiunabhängigem und ausgewogenem Journalismus bedeutet nicht, dass eine formale Ausgewogenheit zwischen "links" und "extrem rechts" zu beachten oder herzustellen sei. Wozu ich anmerke, dass das rechts-links Schema zwar ohnehin zu relativieren ist, dass es aber - lässt man sich darauf modellhaft ein - eine der NPD entsprechende schlagkräftig organisierte extreme linke Partei hier effektiv nicht gibt.
Statt einer formalen "Ausgewogenheit" geht es in der Presse um sachliche Vermittlung von Ereignissen, Inhalten und Zusammenhängen und um Engagement für eine humane Gesellschaft.
Und unter dieser Voraussetzung lässt sich ihr Rieger-Lafontaine-Modell leider nicht ausbalanzieren:
Rieger war nicht nur ein advocatus diaboli, was legitim ist - wie auch die Presse diese Funktion ausüben darf - sondern auch ein aktiver He.tzer gegen Minderheiten, "Andere", Schwache, der sich dabei des Mittels der Leugnung schrecklicher, historisch bezeugter und dokumentierter Wahrheiten und der Verhöhnung unschuldiger Opfer bediente. Friede seiner Seele - aber Mitleidsbekundungen einzufordern, ist da wohl unangebracht.
Demgegenüber ist Lafontaine weder ein extremer Politiker noch betreibt er die Ausgrenzung von Bürgern aus der menschlichen Gesellschaft. Im Gegenteil hat er sich stets für Humanität und gesellschaftlichen Konsens eingesetzt. Anteilnahme sollte daher über Kritik erhaben sein.
Dass die SZ sich genötigt sah, das Forum anlässlich ihrer Berichte über Rieger zu sperren, liegt wohl auch an ihrer ausschmückenden Berichterstattung. Hierzu erlaube ich mir, meinen damaligen Kommentar hervorzukramen:
Zum Artikel "Finanzier der Rechten erleidet Schlaganfall"
29.10.2009
"@ sueddeutsche.de/bica/mati/jja + Moderatoren:
Sie schrieben "Auf der Internetseite der NPD ist der Gesundheitszustand Riegers gleich die zweite Meldung - die Überschrift lautet: "Jürgen Rieger kämpft um sein Leben."" Ein Treppenwitz, dass die SZ mit diesem Bericht - Schlagzeile: "...ringt mit dem Tod" - sich einer munter schwatzenden Entsprechung der Naz*-Hofberichterstattung befleißigt: Zweite Meldung auf Seite 1! Eine nüchterne Meldung der wesentlichen Fakten hätte wohl gereicht. Und wozu diese Verweise auf die Naz*-Foren? Das da jetzt allerlei Rechtarmheber und Verschwörungstheoretiker sich ausleben, ist doch klar. Von diesen tummeln sich ja einige längst auch hier in den Foren. Dazu bedarf es hier keiner medialen Verstärkung seitens der SZ."
Paging