Kryptopartys der Piratenpartei Rette sich, wer kann

Überwachung, Spionage, Datensammelei - seit Wochen gibt es kaum ein anderes Thema. Man könnte meinen, die Piraten müssten jetzt mit wehenden Fahnen in den Bundestag einziehen. Stattdessen kleben die Netzpolitiker solide unter der Fünf-Prozent-Hürde. Deshalb versucht es die Partei nun mit einer neuen Rolle: Sie gibt sich als Kümmerer. Zu Besuch auf einer Kryptoparty.

Von Pascal Paukner

Der Vortrag dauert schon eine ganze Weile, da erzählt Alexander Bock etwas unvermittelt die Anekdote des Nachmittags: Er habe Hans-Peter Friedrich kürzlich einen Brief geschrieben, sagt Bock, Bundestagskandidat der Piraten, Wahlkreis München-Nord. Darin habe er dem Innenminister vorgeschlagen, die Piraten finanziell zu unterstützen. Schließlich förderten sie, was der Minister im Umgang mit der Überwachungsaffäre zur Leitlinie erklärt hat: die digitale Selbstverteidigung der Bürger.

Natürlich war der Brief nicht ernst gemeint. Natürlich hat der Minister nicht geantwortet. Natürlich erzählt Bock seinen 100 Zuhörern die Geschichte nur, weil sie ganz gut das Dilemma beschreibt, in welchem die Piraten jetzt stecken. Sie, die Computernerds, wissen was los ist. So eine gigantische Überwachungsaffäre wenige Monate vor der Bundestagswahl ist eigentlich ihr Thema. Das Problem ist nur: Kaum jemanden interessiert das. In Umfragen klebt die Partei solide unter der Fünf-Prozent-Hürde. Der Medienzirkus hat als neue Attraktion eine Anti-Euro-Partei entdeckt. Obwohl die Partei ständig neue Pressemitteilungen veröffentlicht, muss sie sich den Vorwurf gefallen lassen, in der Spionageaffäre zu ruhig zu sein.

Damit sich das ändert, haben die Piraten ihre Strategie geändert. Sie präsentieren sich jetzt als Kümmerer. In der ganzen Republik laden Ortsverbände zu Kryptopartys ein. Dort lehren sie Bürger, was selbst laut Innenminister Friedrich nun oberste Bürgerpflicht ist: Kryptografie. Sie zeigen wie man digitale Kommunikation verschlüsselt, wie man sich dem Kontrollwahn des Staates entzieht, wie man sich schützt vor staatlichen und nicht-staatlichen Mitlesern. Der Erfolg der neuen Strategie ist durchwachsen.

Auch der Star der Partei kommt zur Party

In die Backsteinfabrik im Münchner Westen sind an diesem schwül-heißen Nachmittag 100 Menschen gekommen. 250 laut Parteiangaben. Ist aber auch egal, es ist jedenfalls die bislang größte Veranstaltung. Sämtliche Fenster sind mit großen schwarzen Tüchern verhängt. Zwischen den dicken, alten Mauern fühlt man sich schon abgeschirmt, da haben die Piraten noch nicht einmal mit Vorträgen und Workshops begonnen. Eine bemerkbare Außenwirkung ist von so einer Veranstaltung also schon mal nicht zu erwarten. Auch wenn einer draußen eine Parteiflagge gehisst hat. Auch wenn das Event wochenlang mit Plakaten beworben wurde. Auch wenn der Star der Partei in München zu Gast ist: Katharina Nocun, die politische Geschäftsführerin der Piraten.

Nocuns Aufenthalt in München ist ein Großeinsatz. Auf der Demonstration gegen den Überwachungswahn hält sie eine bemerkenswerte Rede. Mit dröhnender Stimme klagt sie in glühender Hitze die etablierten Parteien an, fordert die Abschaffung der Geheimdienste. Zwei Stunden später fordert Nocun noch einmal das gleiche. Nur eben ohne dröhnende Stimme und ohne glühende Hitze. "Wir müssen jetzt mit der Brechstange auch an die EU-Gesetze ran", sagt sie dann beispielsweise. Oder, dass es bei dem aufgedeckten Skandal nicht nur um Datenschutz gehe, sondern um "organisierte Kriminalität". Das alles sei ein "millionenfacher Einbruch in unsere Privatsphäre". Doch zum Glück könne man Daten schützen, deshalb mache man ja diese Veranstaltung.

Digitale Selbstverteidigung - davon ist in diesen Tagen viel die Rede. In der politisch interessierten Netzöffentlichkeit tobt seit Wochen eine Auseinandersetzung um die Frage, wie sehr der Einzelne in der Pflicht ist, sich vor der Überwachung der Geheimdienste in Sicherheit zu bringen. Es kommt dabei bisweilen zu eigenartigen Allianzen, bestehend aus Internetaktivisten und Law-and-Order-Politikern, die beiderseits fordern, den Bürger noch vor dem Staat in die Pflicht zu nehmen. Die Aktivisten tun dies, weil sie dem Staat in Internetfragen eh nicht vertrauen. Die Law-and-Order-Politiker tun es, weil sie - wie im Falle des Innenministers - die Macht des Staates im Netz nicht unnötig begrenzen wollen. Die Haltung der Piraten in der Frage? Ist so eine Art Faust-in-der-Tasche-Strategie.

Mails verschlüsseln - ist das die Antwort?

Man könne Mails verschlüsseln, klar, kein Problem. Aber man müsse sich schon mal fragen, ob das "so die tolle Antwort" sei, sagt Nocun zu denen, die gerade gekommen sind, um Verschlüsselung zu lernen: "Verschlüsselung hilft uns für den Moment, für uns als Individuum. Aber wir müssen auch bedenken: Für jeden von uns der hier sitzt, sitzen hundert andere draußen und die haben vielleicht nicht die technischen Skills oder das Wissen. Deshalb müssen wir auch politisch etwas bewegen."

Politisch etwas bewegen, das ist die große Herausforderung, vor der die Partei jetzt steht. Einerseits ist ihre parlamentarische Macht derzeit ebenso begrenzt wie ihr Einfluss auf die Netzöffentlichkeit. Das zeigen schon die mäßig besuchten Demonstrationen am Samstag, für die auch die Piraten massiv mobilisiert haben. Andererseits gibt es keine andere Partei, die so präzise Antworten auf die drängenden Fragen in diesen Tagen gibt. Das, was den Piraten seit langem vorgeworfen wird, ihre Politik sei zu abstrakt, zu wenig konkret, trifft zumindest in dieser Frage nicht zu. Die Piraten sagen klipp und klar, was jetzt politisch geschehen muss. Auch ihren Kryptopartys ist oft ein politischer Teil vorangestellt, erst dann geht es in die technischen Details.

Für Letztere ist in München nicht Kampfrednerin Nocun und auch nicht Anekdotenerzähler Bock zuständig. Es sind Menschen wie Nicole Britz und Michael Renner, die das Herz der Partei repräsentieren. Der Vortrag über Mailverschlüsselung hat den Charakter einer durchschnittlichen Physikvorlesung. Da ist viel Expertise, da sind auch nette Leute - aber ohne das nötige Vorwissen ist man hinterher auch nicht schlauer.

Man erfährt beispielsweise Folgendes: Wenn man eine Datei mit gpg -e verschlüsselt, kann man einfach die Datei mit vim geheim.gpg aufrufen, wenn man zuvor seine User-ID zum Einsatz gebracht hat. "Das ist sehr praktisch", findet Britz, während zwei Zuhörer den Saal verlassen. Das Versprechen, Mailverschlüsselung sei auch nicht komplizierter als einen Drucker zu bedienen, ist trotz guten Willens ein leeres.

Man hat es angesichts der Mächtigkeit der Geheimdienste leider schon geahnt.