Irak gegen IS Einigkeit im Zweistromland

Kurdische Peschmerga-Kämpfer im Irak. Sie haben sich mit der Regierung in Bagdad zusammengetan.

(Foto: REUTERS)

Unter dem Druck der IS-Terrormiliz schließt die Regierung in Bagdad mit den Kurden einen Deal. Doch ob das hält? Entscheidend wird die Einbindung der Sunniten sein.

Kommentar von Paul-Anton Krüger, Kairo, Kairo

Es geht nur um Ölexporte aus dem Irak, auf den ersten Blick. Doch der Deal, den die Zentralregierung in Bagdad mit jener der autonomen Kurdengebiete im Norden geschlossen hat, ist von kaum zu überschätzender politischer Tragweite. Er könnte den oft prophezeiten Zerfall des Zweistromlandes zumindest fürs Erste abwenden und die irakische Armee im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat mit den kurdischen Peschmerga einen.

War in der Kurdenhauptstadt Erbil noch jüngst von einem Unabhängigkeitsreferendum die Rede, wird jetzt die nationale Einheit beschworen im Kampf gegen die Dschihadisten des Kalifen.

Grundsätzliche Gegensätze sind nicht überbrückt

Damit ist aber auch schon der Faktor genannt, der im Nahen Osten zurzeit zusammenzwingt, was sich lange spinnefeind war. In diese Rubrik fallen nicht nur irakische Schiiten und Kurden, sondern auch Iraner und Amerikaner: Laut dem Pentagon hat die Luftwaffe der - ebenfalls schiitischen - Islamischen Republik Iran im Osten Iraks jene sunnitischen Ultra-Islamisten bombardiert, die andernorts von US-Jets attackiert werden.

Manche gemäßigten Rebellen in Syrien wähnen Washington wegen des Vorgehens gegen die auch ihnen verhassten Kopfabschneider schon an der Seite ihres Schlächters Baschar al-Assad, der - ungewollt, aber unvermeidlich - von den Luftschlägen profitiert. Fürs Erste kann es sich niemand leisten, wählerisch zu sein: Hauptsache die Expansion des Kalifats wird gestoppt.

Die grundlegenden Gegensätze in der Region sind damit allerdings nicht überbrückt. Das zeigte sich beim Gipfel der Anti-IS-Koalition am Mittwoch in Brüssel, wo die Amerikaner auf politische Hygiene pochten und Teheran außen vor ließen - obwohl die Revolutionsgarden ihren Anteil daran hatten, dass Abu Bakr al-Bagdadi nicht in die irakische Hauptstadt durchmarschieren konnte.

Pikiert dementiert Iran, dass seine Flieger im Irak unterwegs sind und stellt klar, dass Kooperation mit dem Erzfeind USA keinesfalls infrage kommt. Es ist mehr als fraglich, ob Ad-hoc-Allianzen, die nur unter dem Druck des gemeinsamen Gegners entstanden, fortbestehen, wenn der Kalif nicht mehr über große Gebiete zwischen Bagdad und Aleppo gebietet. In Syrien ist das sehr schwer vorstellbar, im Irak kann man nun wieder mehr Hoffnung hegen.

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Die Schlüsselfrage ist aber nicht, ob sich Kurden und Schiiten arrangieren, sondern ob es gelingt, die Sunniten einzubinden, sodass sie den Irak als ihre Heimat anerkennen. Die Jahre unter dem irakischen Premier Nuri al-Maliki haben die Sunniten so entfremdet, dass sie sich unter dem Joch des Islamischen Staats bislang kaum aufbäumten. Daher schwärt in der Mitte Arabiens nun eine Wunde, von der eine Infektionsgefahr für die ganze Region ausgeht.

Allerdings wäre es eine glückliche Ironie der Geschichte, wenn jetzt gerade das Kalifat mit seinem übernationalen Herrschaftsanspruch dazu beiträgt, dass der Nationalstaat Irak gerettet wird. Doch der Weg dahin ist - allen Erfolgsmeldungen aus Brüssel zum Trotz - noch ein weiter.