Integration Wir sind alle Immigranten

Gastarbeiter und Ostdeutsche habe eine Gemeinsamkeit: Beides sind Zugezogene.

(Foto: dpa)

Ostdeutsche und Einwanderer teilen ein Schicksal: Sie haben beide ihre Heimat verloren. Dennoch werden gerade im Osten Feindbilder gepflegt.

Gastbeitrag von Jagoda Marinić

Zugegeben, es brauchte einen Witz, damit ich verstand, wie viel Einwanderer und Ostdeutsche gemeinsam haben. Beide sind Zugezogene, geografisch wie geistig. Der Witz ist schnell erzählt: Am Tag, als die Berliner Mauer fiel und der erste Ossi den Westen betrat, stand ein Berliner Gastarbeiter schon vor ihm und sagte: "Willkommen in Deutschland! Wir waren zuerst da."

Die Ostdeutschen bekamen den deutschen Pass natürlich schneller als die neuen Deutschen, die zuerst da waren, schließlich waren die Ostdeutschen verlorene Söhne. Dafür, dass sie wieder in die Familie aufgenommen wurden, verloren sie ihr Schulsystem, ihr politisches System, ihre Wirtschaftsordnung. Sie hätten diese Zeit als Gewinn erleben können, doch das vereinte Deutschland versäumte es, einen gemeinsamen Neubeginn zu wagen. So trat der Osten einfach der Bundesrepublik bei. Die Ossis kamen zu Wessi-Konditionen zur Einheit, sie wurden eingegliedert. Man erwartete von ihnen eine Integrationsleistung wie von jedem Ausländer auch.

Die erste Ostdeutsche, die ich kennenlernte, war ein Mädchen, das in der zehnten Klasse zu uns aufs Gymnasium kam. Ich mochte sie auf Anhieb. Wir trafen uns anfangs heimlich, erst später wurde mir klar, dass so ein Klub der Andersgearteten nichts war, was man als Teenager selbstbewusst zur Schau tragen wollte. Doch etwas in der Art, wie ihre Familie den Alltag lebte, war mir vertrauter als bei den meisten Wessis, mit denen ich groß geworden war. Die Natürlichkeit im Umgang mit Nachbarschaft, die Offenheit, die Freiheit, auch an öden bundesrepublikanischen Sonntagen das Familienleben der anderen stören zu dürfen, das weniger Durchorganisierte und allem voran die Tatsache, auch spätabends noch spontan klingeln zu dürfen, ohne sich anhören zu müssen, man komme aus schlechtem Hause.

Später, nach meinem Studium, war dem Thema Ostdeutschland öffentlich nicht mehr zu entkommen. Es war die Zeit, in der am Maxim Gorki Theater in Berlin der Osten mit seinen Geschichten auf der Bühne stand und nicht das postmigrantische Theater. Ostdeutsche Künstler beschäftigten sich immer wieder mit dem Motiv des "untergegangenen Landes". Stundenlang sprachen sie von ihrer Kindheit in einem Land, das es nicht mehr gab.

Erst Monate später, nachdem ich viel über den Heimatverlust der Ostdeutschen verstanden zu haben glaubte, fiel mir auf, dass auch ich und die damals zweitgrößte Minderheit Deutschlands, die Jugoslawen, aus einem Land kamen, das es nicht mehr gab. Die Geschichten, die Einwanderer beschäftigten, waren damals noch nicht Teil des öffentlichen Diskurses, ihre Bücher noch nicht gehypt. Ostdeutsche hatten inmitten ihres Heimatverlustes immerhin noch einander und die Aufmerksamkeit der Westdeutschen. Das Kollektiv war zwar kleiner, aber ihr Diskurs zählte in diesem Land, selbst wenn er oft verspottet wurde.

Wäre der Osten so offen für rechte Parolen, wenn der Westen sich solidarischer zeigen würde?

Es wäre zu einfach, jetzt wieder das Klischee der Jammer-Ossis zu bedienen. Viele im Osten, auch Autoren, machen jetzt die Einwanderer für ihren Heimatverlust verantwortlich. Spätestens seit Pegida ist die Enttäuschung groß und viele Westdeutsche beschreiben ihre Entfremdung von diesem rechten Osten. Als wäre das Rechte eine Erfindung auf der anderen Seite der einstigen Mauer. So wie Antisemitismus schlimmer zu sein scheint, wenn er von Migranten ausgeübt wird, lässt sich rechtes Denken aus dem Osten leichter verurteilen.

Auch in diesem Fall werden wir Immigranten gleich behandelt: Wenn wir die Wessis enttäuschen, dann fragen sie sich, was mit unserer Integration falsch gelaufen ist. Wenn man zurückfragt, weshalb die Integration erschwert wurde, zum Beispiel dadurch, dass im Osten wichtige Führungspositionen in allen gesellschaftlichen Bereichen mit Westdeutschen besetzt werden - und insgesamt zu wenig mit Einwanderern und deren Nachfahren, wird abgewinkt: Wie langweilig! Als wären diese keine Frage der Integration.

Wäre der Osten so offen für rechte Parolen, wenn der Westens sich solidarischer zeigen würde? Als der Solidaritätszuschlag eingeführt wurden, zahlten Westdeutsche sowie Einwanderer mit und ohne deutschen Pass selbstverständlich den Aufbau Ost mit. Dennoch sind letztere jetzt das Feindbild, schließlich geht es um den zweiten Platz in diesem Land. Alle kämpfen um ihre Stellung. Wie wäre es, würden auch die Westdeutschen und die Einwanderer Fragen stellen darüber, weshalb der Osten, trotz des Solis, so strukturschwach ist, dass nun eine - wie auch immer geartete - Heimatpolitik radikale Tendenzen eindämmen soll? Warum wurde gerade bei diesem Thema so viel Intransparenz geduldet? Heimat hätte sich die deutsche Bevölkerung auch selbst bieten können, indem sie zusammensteht. Es ist noch nicht zu spät.

Die Einheit zwischen den drei großen Teilen der gesamtdeutschen Gesellschaft muss auch als europäisches Projekt verstanden werden: Nur wenn die Solidarität zwischen West- und Ostdeutschen und Eingewanderten funktioniert, kann sie auf die europäische Ebene übertragen werden. Oft hört man derzeit: Die da drüben sollen nicht jammern, dem Ruhrpott gehe es auch nicht besser. Dabei wäre genau das ein Grund, auf gemeinsame Forderungen zu setzen statt auf spaltende Neiddebatten. Nicht gegen die schwachen Regionen und Teile der Gesellschaft zu reden, sondern mit ihnen. Manchmal sogar für sie. Bis sie ihren eigenen Weg zur Repräsentation gefunden haben.

Kolumne von Jagoda Marinić

Jagoda Marinić, Jahrgang 1977, ist Schriftstellerin, Kulturmanagerin und Journalistin. Sie studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Anglistik an der Universität Heidelberg. In ihrem aktuellen Debattenbuch "Made in Germany" befasst sie sich mit der Identität Deutschlands als Einwanderungsland. Alle Texte von ihr finden Sie hier.