Ideen gegen die Wohnungsnot Studentenbude statt Büro

Blick aus einem leeren Bürogebäude in Berlin (Symbolbild)

(Foto: Bloomberg)

Horrende Mieten und endlose Warteschlangen bei der Wohnungsbesichtigung plagen die Menschen in den Ballungsräumen. Dabei gäbe es Platz. Denn in vielen Großstädten stehen Büros leer. Einer Nutzung steht meist nur die Bürokratie entgegen - befreit uns endlich davon!

Von Gerhard Matzig

Wie man alte Bauwerke nutzen kann, um daraus neuen Wohnraum zu gewinnen, dafür gibt es genug Beispiele in Deutschland. Es gibt sogar einen Wettbewerb utopischer Vorschläge. Mut zur Lücke (wenn nicht gar zur Brücke) beweist zum Beispiel das so spektakuläre wie umstrittene Limburger Projekt "Living Bridge" der Egenolf Entwicklungs- und Beteiligungsgesellschaft.

An der Autobahn A3 könnte demzufolge zwischen Frankfurt und Köln eine mittlerweile marode Autobahnbrücke aus den 1960er-Jahren durch einen Neubau unmittelbar daneben ersetzt werden. Die Sanierung wäre deutlich teurer als ein Neubau der Brücke. Allein der Abriss des alten Bauwerks würde zehn Millionen Euro kosten. "Warum aber die Brücke für viel Geld abreißen", fragt sich der Investor, "warum nicht Geld damit verdienen?" Etwa, indem man das vorhandene Tragwerk nutzt, um daraus eine an Bienenwaben erinnernde Wohn-Brücke zu machen.

Wohnungsnot - Umwandlung von Büroräumen als mögliche Lösung?

In vielen Städten Deutschlands suchen Menschen Wohnraum. Gleichzeitig stehen unzählige, teils gewerbliche Flächen leer. Siemens bietet nun Büroräume an, die als Flüchtlingsunterkünfte genutzt werden könnten: eine längst fällige Maßnahme gegen Wohnungsnot? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Braucht Deutschland noch mehr Luxuswohnungen?

Das wäre so etwas wie ein futuristischer Nachfahre des berühmten, im 14. Jahrhundert von Gerbern und Schlachtern genutzten Ponte Vecchio in Florenz. In Limburg allerdings entstünde in sechzig Metern Höhe über der Lahn kein Schlachter-Dorado am Arno, sondern "exklusiver Wohnraum" plus "Wellnessareal und Medical Care". Wobei sich die Frage stellt, ob man in Deutschland noch ein weiteres Blödnessareal braucht? Oder exklusiven Wohnraum mit Blick auf die A3?

So groß ist die Wohnungsnot in deutschen Uni-Städten

mehr...

Bräuchte man nicht eher - und zwar schnell und unbürokratisch - Wohnraum für Flüchtlinge, Studenten oder Leute, die sich in den Ballungsgebieten angesichts der heraufziehenden, zum Teil (wie etwa in Hamburg oder München) schon real spürbaren neuen Wohnungsnot exklusiven Wohnraum nun mal nicht leisten können? Die aber dennoch menschenwürdig behaust sein wollen, ja müssen. Fehlt es hier an Ideen zur Umnutzung? Zur Umgestaltung von Büro-Leerstand, der Millionen von ungenutzten Quadratmetern umfasst? Eher nicht. Es fehlt eher am Blick für das sozial Gebotene, es fehlt am politischen Willen.

Mit Karl Lagerfeld gegen den Denkmalschutz

Vorhanden war dieser Wille zur Umwidmung von Büro- in Wohnraum jedoch, als man jüngst das teuerste Wohnen der Stadt Hamburg realisierte. Auf einem 50 000 Quadratmeter umfassenden, parkähnlichen Areal zwischen Harvestehuder Weg und Außenalster wurde im Segment "Premium-Immobilien" ein neues Edler-Wohnen-Habitat in kürzester Zeit errichtet. Samt "Alstervillen", "Townhouses" und "Parkvillen". Eine kleine, dunkle Ein-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss war schon für eine schlappe halbe Million Euro im Angebot. Der Stellplatz dafür kostet 59 500 Euro.

Der inmitten des Areals gelegene, eigentlich denkmalgeschützte Nazi-Koloss des ehemaligen Generalkommandos der Wehrmacht, der zuletzt als Musterungsbehörde der Bundeswehr, letztlich also als Büroraum genutzt wurde, durfte sogar nach Plänen von Karl Lagerfeld - und gegen den Einspruch der Denkmalschützer - umgebaut werden: Unter dem Säuselnamen "Sophienpalais" hat der Projektentwickler Frankonia aus einem alten Nazi-Büro-Monster Lebensraum für Besserwohnende geschaffen. Ganz unproblematisch.

Man fragt sich: Warum gelingt so ein Umbau auch ohne Lagerfelds Ästhetik-Expertise nicht auch dort, wo er dringender und viel bescheidener geboten wäre - nämlich in den Ballungsräumen der Städte, wo die Mieten explodieren, Studierende abgezockt, gedemütigt oder schlicht verraten werden und wo sich die Flüchtlingsströme an der Hartleibigkeit der Bürokraten brechen? Warum ist es so schwer, Wohnraum zu schaffen - angesichts des vorhandenen umbauten Raumes, der nicht genutzt wird und vor sich hinödet?

"Früher schwierig - jetzt noch schlimmer"

Horrende Miete, schlechte Lage, zu wenige freie Zimmer: In vielen Großstädten suchen Studenten zu lange nach einer günstigen Wohnung. Münchner berichten von ihren Erfahrungen. mehr ... Studentenatlas