Guttenbergs Doktorarbeit Summa cum laude? - "Mehr als schmeichelhaft"

Alles begann mit einem Google-Treffer: Wie Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano den offenbar abgeschriebenen Passagen in Guttenbergs Doktorarbeit bei einem Glas Rotwein auf die Spur kam.

Von Roland Preuß

Es war spät am vergangenen Samstagabend, als Andreas Fischer-Lescano dem Google-Suchergebnis erst nicht glauben wollte. Der 38-jährige Jura-Professor hatte es sich in seiner Berliner Wohnung mit einem Glas argentinischen Rotwein vor dem Computer gemütlich gemacht, seine Kinder waren im Bett, seine Frau noch am Arbeiten. Nun hatte er etwas Zeit für die Doktorarbeit des Karl-Theodor zu Guttenberg. Fischer-Lescano hatte die 475 Seiten bereits hinter sich, jetzt wollte er eine Rezension schreiben.

Fischer-Lescano

Andreas Fischer-Lescano

(Foto: privat)

Bei solchen Arbeiten hat es sich Fischer-Lescano zur Gewohnheit gemacht, zu prüfen, ob sich der Autor für sein Werk bei anderen bedient hat. Reine Routine. Der Wissenschaftler gab Satzteile aus dem Text in die Google-Maske ein, mit der man nach Wortgruppen suchen kann - und landete einen Treffer. Die Suchmaschine warf einen Artikel der NZZ am Sonntag aus. Guttenberg hat ihn offenbar in großen Teilen wörtlich übernommen, ein Hinweis darauf aber fehlt. Davon überrascht, dehnte der Professor seine Suche aus. Das Ergebnis ließ keinen Zweifel zu: An acht Stellen offenbarten sich in Guttenbergs Doktorarbeit Textpassagen, denen ein sauberer wissenschaftlicher Nachweis fehlte.

Ursprünglich hatte Fischer-Lescano Guttenbergs Buch nach eigener Aussage aus wissenschaftlichem Interesse gelesen. Der Jurist forscht am Bremer Zentrum für europäische Rechtspolitik zu verfassungsrechtlichen Fragen. Auch Guttenbergs Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema. "Es hat mich interessiert", so Fischer-Lescano, "was ein konservativer Rechtspolitiker, der bei angesehenen Kollegen promoviert wurde und die Bestnote erhielt, zu dem Thema zu sagen hat."

Nicht allzu viel, findet der Rechtsprofessor jetzt. Auch inhaltlich biete die Dissertation wenig Neues. Das Gesamturteil "summa cum laude" erscheine auch deshalb "mehr als schmeichelhaft". Der heutige Minister "zermürbe" die Leser durch seitenlanges "Politsprech". Am späten Abend stellte er die Suche nach gleichlautenden Passagen ein - das Ergebnis reiche, um von einem "Plagiat" zu sprechen, sagt Fischer-Lescano. Am folgenden Tag, dem vergangenen Sonntag, trieb ihn sein Fund bereits um halb sechs Uhr aus dem Bett. Fischer-Lescano verfasste eine harsche Kritik der Doktorarbeit für die Fachzeitschrift Kritische Justiz, die in der neuen Ausgabe Ende Februar erscheinen soll. Der Professor ist Mitherausgeber des Fachblatts mit einer Auflage von 1800 Exemplaren, das politisch links zu verorten ist. Doch diese Plattform erschien ihm für seine Erkenntnisse etwas klein.

Um 7:27 Uhr alarmierte er per SMS seinen Freund und Kollegen Felix Hanschmann. Der hatte sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesverfassungsgericht mit Plagiatsfällen beschäftigt, er war daher ein guter Ratgeber. Auch für Hanschmann, 38, der sich derzeit an der Frankfurter Uni habilitiert, ist Guttenbergs Arbeit in Teilen ein Plagiat. Die Parallele zu einem Fall aus Tübingen, mit dem er sich in Karlsruhe befasste, sei "frappierend", sagt er. Damals war dem Betroffenen der Doktortitel aberkannt worden, eine Klage vor dem Verfassungsgericht blieb erfolglos. "Eine Dissertation ist eine höchstpersönliche Angelegenheit, es gibt bei Täuschung keine Möglichkeit zu Ausflüchten", sagt Hanschmann. Die beiden Juristen sind sich deshalb ziemlich sicher, dass man Guttenberg seinen Doktortitel entziehen kann.