Golfstaaten Nehmen statt geben

Supermarkt in Riad: Limonaden und Tabak werden bereits seit dem Sommer 2017 besteuert.

(Foto: Thomas Koehler/photothek.net)

Kurswechsel in Riad und Abu Dhabi: Statt die Bürger mit Geld zu verwöhnen, fordern die Regierungen neuerdings eine Mehrwertsteuer. Das könnte einen Kulturwandel in den wohlhabenden Gesellschaften auslösen.

Kommentar von Dunja Ramadan

Für die Golfaraber war Steuern zahlen bislang ein Fremdwort. Der Staat versorgte seine Bürger, ob mit zinsfreien Krediten, Bonuszahlungen oder Zuschüssen für den Hausbau - das "schwarze Gold" machte es möglich. Doch mittlerweile weht ein anderer Wind. Das Ölgeschäft bringt nicht mehr so viel ein wie noch vor Jahren, die Volkswirtschaften stehen vor gewaltigen Umbrüchen. Ein Plan B musste her. Seit dem 1. Januar dieses Jahres verlangen die Regierungen in Riad und Abu Dhabi eine fünfprozentige Mehrwertsteuer. Sie gilt für Nahrungsmittel, Kleidung, Benzin und Elektronikartikel ebenso wie für die Wasser-, Strom- und Telefongebühren. Auch wenn die Belastung sich im Rahmen hält - in Deutschland liegt die Mehrwertsteuer bei 19 Prozent - könnte das einen Kulturwandel in den wohlhabenden Gesellschaften auslösen.

Denn die Regierungen in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) senden mit der Steuer auch ein Signal an die eigene Bevölkerung: Wir nehmen statt immer nur zu geben. Zwar bleibt das Einkommen weiterhin steuerfrei, mittlere und geringere Einkommensschichten erhalten Zuschüsse. Dennoch wird das grundlegende Konzept von Geben und Nehmen nun infrage gestellt. Das könnte auch die Loyalität der Bürger zu ihrem Staat verändern. Bislang hielt sich die Kritik an den oft autokratisch geführten Regierungen in Grenzen - man lebte ja von ihnen.

Wie sich Saudi-Arabien vom Öl unabhängig machen will

Der Rohstoff bringt nicht mehr so viel ein wie noch vor Jahren. Daher führt die Regierung eine Mehrwertsteuer ein. In der Bevölkerung formiert sich Widerstand. Von Dunja Ramadan mehr ...

Wer in Saudi-Arabien in einen Supermarkt geht, der kauft dort kein Netz Zwiebeln - eher einen zehn Kilo schweren Karton voller Zwiebeln. Die Frage, ob man das alles braucht, stellen sich viele gar nicht. Es gehört in den Golfstaaten zum guten Ton, viel zu viel Essen aufzutischen. Nichts wäre eine größere Schmach als vor den Gästen geizig zu wirken. In einer Gesellschaft, in der das Essen oft der Höhepunkt einer Zusammenkunft ist, gelten andere Maßstäbe. Vor allem in muslimischen Ländern ist das Essen eine Art Alkohol-Ersatz. Was für Europäer ein Glas Rotwein am Abend ist, ist in Saudi-Arabien ein Lamm mit Unmengen an gewürztem Reis. Saudi-Arabien und die VAE gelten weltweit als Spitzenreiter in der Lebensmittelverschwendung.

Die neue Mehrwertsteuer könnte zu einem bewussteren Konsumverhalten führen

Was also macht eine Steuerpflicht mit einer Gesellschaft, die sich den Wohlstand nicht erarbeiten musste, sondern ihn einfach ausgeben durfte? Das Bewusstsein für den eigenen Reichtum fehlt. Reichtum ist eine Selbstverständlichkeit, Werte werden wertlos. Wenn die Preise steigen und die Subventionen für Lebensmittel wegfallen, könnte das in einigen Haushalten zu einer Bewusstseinsänderung führen. Führt es damit auch zu einem verantwortungsvolleren Konsumverhalten? Viele Experten sehen in der Mehrwertsteuer den Beginn einer neuen Ära aufdämmern. Weitere Steuerprogramme könnten in den nächsten Jahren folgen. Der Staat wird seine Bürger umerziehen müssen. Eine Mammutaufgabe, angesichts der Konsumverliebtheit und Arglosigkeit vieler Golfaraber.

Gleichzeitig setzt Riad auf eine "Saudisierung" der Wirtschaft, man versucht, die jungen Leute nicht mehr nur im überfüllten Staatsdienst unterzubringen, sondern ihnen auch Jobs für geringer Qualifizierte zu vermitteln, die bislang Millionen von Arbeitsmigranten übernehmen. Spätestens, wenn Saudis als Lieferboten, Klempner oder Kassierer arbeiten, wird sich ihr Bewusstsein verändern.

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