Automobilindustrie "Deutschland hatte Benzin im Blut"

Ein Autofahrer betankt im Jahr 1976 seinen VW-Golf an einer Diesel-Zapfsäule in Wolfsburg

(Foto: Imago Stock & People)

Diesel, Stickoxide, Tierversuche: Der Autoexperte Stefan Bratzel beklagt die Abgehobenheit der Branche, kritisiert das jahrzehntelange Nichtstun der Politik - und erklärt, warum Autos für jüngere Menschen immer unwichtiger werden.

Interview von Michael Bauchmüller und Stefan Braun, Berlin

Kriege, Klima, Flüchtlinge, kaputte Schulen - die nächste Bundesregierung wird vor großen Herausforderungen stehen. Die SZ befragt Experten, was diese von der Politik in dieser Welt voller Großaufgaben erwarten. Den Anfang machten der Politikwissenschaftler Herfried Münkler; ihm folgten unter anderem die Sozialexpertin Jutta Allmendinger und die Integrationsforscherin Naika Foroutan. Nun spricht Stefan Bratzel, Professor an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach, über den dramatischen Glaubwürdigkeitsverlust der Autobranche.

Versuche an Affen und Menschen, finanziert von großen Autokonzernen - überrascht Sie so was noch?

Bratzel: Ja. Von derartigen Tierversuchen der Autoindustrie hatte ich noch nie etwas gehört. Noch schlimmer ist aber etwas anderes: Wenn ich in diesen Wochen Gespräche führe, gerade mit sogenannten ganz normalen Leuten, dann sind die nicht mehr überrascht, sondern sagen: Na klar, so was machen die. Das ist das Tragischste und das Gefährlichste an der Geschichte: Die Menschen scheinen der Autoindustrie mittlerweile fast alles zuzutrauen.

Kommunen fürchten Chaos durch Diesel-Fahrverbote

Auch die Polizei hält wenig von lokalen Fahrverboten: Es gebe gar nicht genug Polizisten, um solche Gesetze überhaupt durchzusetzen. Von Markus Balser mehr ...

Welche Konsequenzen wird das haben?

Das lässt sich noch nicht sagen. Aber es ist schon sehr sehr traurig, weil wir alle wissen, welch große Bedeutung die Autoindustrie für dieses Land hat. Allein mit mehr als 800 000 direkten Arbeitsplätzen, gut bezahlten Arbeitsplätzen. Doch für mich zeigt sich darin vor allem, dass wichtige Vertreter der Autoindustrie ein Stück weit den Kontakt zur Gesellschaft und zum Anstand in der Gesellschaft verloren haben.

Wie konnte das passieren?

Der Ursprung liegt wahrscheinlich darin, dass die Autoindustrie über Jahrzehnte in ihrem eigenen Universum gelebt hat. Sie konnte das, weil sie sehr erfolgreich war und kaum gestört wurde. Die Automobilhersteller waren es, die die Spielregeln bestimmt haben. Sie saßen im Mittelpunkt des Universums und haben insbesondere in Deutschland eine große Macht entfaltet. Volkswagen, Mercedes & Co. standen symbolhaft für höchste Qualität und Innovationskraft "Made in Germany". Gerade weil sie so vielen Menschen Arbeit gegeben haben, war ihr Einfluss enorm groß. Dann geschah, was in solchen Situationen gerne mal passiert: Wenn man weder von der Politik noch von der Gesellschaft klare Grenzen gesetzt bekommt, glaubt man irgendwann, dass alles möglich ist. Dabei stellt sich eine Kultur ein, bei der man sich nicht mehr als Teil der Gesellschaft versteht, sondern sich teilweise über die Gesellschaft stellt.

Der Industrie muss das gefallen haben.

Als "Master of the Universe" zu gelten und hofiert zu werden, mag vielen gefallen haben. Aber es macht bequem. Und Bequemlichkeit ist gefährlich. Die Autobranche konnte vor Kraft und vor Macht kaum laufen. Und also hat sie sich in einer Zeit, in der sich wahnsinnig viel verändert hat, in der Gesellschaft, aber auch technologisch, in manchen Feldern nicht oder nur widerwillig bewegt. Sie wollte lange Zeit einfach nicht wahrhaben, dass sich die Welt weiterdreht. Schnell weiterdreht.

Gilt das heute noch?

Zum Teil rede ich von einer Zeit, die gerade vorbeigeht. Wir sind in einem Übergang. Diese Tierversuche haben vor ein paar Jahren stattgefunden; das Institut ist abgewickelt worden. Ich glaube, in den vergangenen Jahren ist durch den Abgas-Skandal aber auch durch ein neues Wettbewerbsumfeld vieles in Bewegung gekommen. Auch ein Kulturwandel ist zumindest eingeleitet.

Kannten Sie die Lobbyorganisation, die bei den Tierversuchen eine Rolle spielte?

Vor dem Diesel-Skandal nicht. Die wurden ja mit dem Skandal an das Licht der Öffentlichkeit gespült. Allerdings zeigt mir die Tatsache, dass ein Geldgeber wie Bosch früher ausstieg, dass schon mancher merkte, in welche gefährliche Richtung der Kampf zur Rettung des Diesels da gehen sollte. Natürlich wussten die, was sie taten. Sie wussten, dass sie sich am Rande ethischer Grenzen bewegt haben. Und mancherorts haben sie die wissentlich überschritten. Deshalb passt der Testskandal sehr gut zum Diesel-Skandal. Man hat die Begrenzungen hierzulande gekannt und deshalb Orte gesucht, wo man es machen konnte. Versuche mit Affen macht man in Europa nicht mehr? Dann machen wir es halt in Amerika.

Ist das Hybris?

Absolut. Und man hat den Zeitpunkt verpasst, sich aus dieser Selbstverblendung wieder rauszuholen. Man ist auf dieser Spur immer weiter gefahren. Links und rechts haben sich andere Welten aufgemacht, aber die hat man lange ignoriert beziehungsweise erst sehr spät erkannt.

Die Tierversuche sollten auch helfen, den Diesel zu retten. Woher kam die Diesel-Fixierung der deutschen Industrie?

Der Diesel ist ein Kompetenz-Artefakt aus Deutschland. Beim Diesel haben Zulieferer wie Bosch, aber auch die Autofirmen sehr große Kompetenz; sie haben als Technologie sehr stark auf den Diesel gesetzt. Und sie sind in diesem Feld die Stärksten der Welt. Außerdem wollte man eine Antwort auf Toyota und den Hybrid. Die Deutschen dachten, dass der Diesel diese Antwort sei. Nach dem Motto: Das können wir, da haben wir was Besseres, damit können wir sie schlagen.

Es brauchte den Skandal?

Es kam, wie es oft kommt. Erst hat man Toyota ignoriert, dann belächelt, und dann kam 2005, 2006 die 180-Grad-Wendung mit der Botschaft: Wir haben es ja immer schon gesagt, auch der Hybrid macht unter bestimmten Umständen sogar Sinn. Aber das kam erst, als klar war, dass es anders gar nicht mehr geht. Dass der Diesel nicht reicht. Und dabei spielte es eine sehr große Rolle, dass die Amerikaner den Hybrid plötzlich mit Fortschritt gleichgesetzt haben. Und nicht den Diesel, wie die Deutschen gehofft hatten. Das war die erste große Wende - ein Ereignis, mit dem keiner so gerechnet hatte. Dahinter steht nicht nur Dummheit, sondern auch ein Machtkampf.

Ist das, was mit Dieselgate auf die Deutschen aus den USA zurollte, Teil einer amerikanischen Strategie, um die Vormacht der Deutschen zu brechen?

Man könnte es vielleicht so lesen. Ich glaube aber, man würde den Amerikanern Unrecht tun. Die Amerikaner haben keine Antriebstechnologie, bei der sie sagen würden oder könnten: Das ist unsere. Die USA sind Benziner-Land, aber mit einer Technik, die nicht sehr fortschrittlich ist. Weil es in dem Land ja auch keine Rolle spielte. Beim Thema E-Mobilität verändert es sich ein bisschen. Aber mit Ausnahme von Tesla haben sie auf dem Feld keine Vorreiter.