Sinti und Roma: Zoni Weisz Erinnern an den "vergessenen Holocaust"

Zoni Weisz floh als Siebenjähriger auf dem Weg nach Auschwitz. Hunderttausende anderer Sinti und Roma wurden Nazis ermordet. Im Bundestag erinnerte er sich.

"Ratten, Wanzen und Flöhe", so zitierte Zoni Weisz im Deutschen Bundestag aus der Zeitschrift des Nationalsozialistischen Ärztebundes 1938, "sind auch Naturerscheinungen, ebenso wie die Juden und Zigeuner. Alles Leben ist Kampf. Wir müssen deshalb alle diese Schädlinge ausmerzen."

Der 73-Jährige Zoni Weisz spricht im Bundestag in Berlin. Weisz überlebte die NS-Zeit als Kind in einem Versteck in den Niederlanden, während Eltern und Geschwister nach Auschwitz deportiert wurden.

(Foto: dpa)

Und dann stellte er fest, was heute jedem Menschen klar sein müsste: "Das ist Irrsinn in höchster Form."

Der 73-jährige Zoni Weisz stand als Vertreter der Sinti und Roma vor den Abgeordneten, um am "Tag des Gedenkens and die Opfer des Nationalsozialismus" an diesen Irrsinn zu erinnern. Ein Irrsinn, den er am eigenen Leibe zu spüren bekam. Weisz überlebte die NS-Zeit als Kind in einem Versteck in den Niederlanden, während Eltern und Geschwister nach Auschwitz deportiert wurden.

Schätzungen zufolge wurden bis zu 500.000 Sinti und Roma in Konzentrationslagern ermordet. Sie gehören zu den Opfern, an die in Deutschland seit 1996 am 27. Januar erinnert wird - jenem Datum, an dem im Jahre 1945 sowjetische Soldaten die Insassen des Lagers Auschwitz befreiten.

"Wir wurden unserem Schicksal überlassen"

Der Irrsinn in dieser massenmörderischen Form war mit dem Ende des Dritten Reiches vorüber, doch wie Sinti und Roma in manchen europäischen, insbesonderen ost- und südosteuropäischen Ländern bis heute behandelt werden, sei noch immer "menschenunwürdig", erklärte Weisz.

Nichts oder fast nichts habe die Gesellschaft daraus gelernt, dass im Holocaust eine halbe Million Sinti und Roma ausgerottet worden seien, sonst würde sie heute verantwortungsvoller mit ihnen umgehen. "Wir wurden unserem Schicksal überlassen."

Und heute, so warnte Weisz, "ziehen in Ungarn Rechtsextremisten wieder in schwarzer Kluft umher und schikanieren und überfallen Juden, Sinti und Roma. Neonazis haben Roma ermordet, darunter einen fünfjährigen Jungen. Es gibt in Gaststätten und Restaurants wieder Schilder mit der Aufschrift 'Für Zigeuner verboten'. Die Geschichte wiederholt sich."

Mit rund zwölf Millionen Menschen seien die Sinti und Roma heute die wahrscheinlich größte ethnische Minderheit in Europa, erklärte Weisz. "Es kann nicht sein", forderte er, "dass ein Volk, das durch die Jahrhunderte hindurch diskriminiert und verfolgt worden ist, heute, im einundzwanzigsten Jahrhundert, immer noch ausgeschlossen und jeder ehrlichen Chance auf eine bessere Zukunft beraubt wird." Die EU müsse die betreffenden Regierungen weiterhin darauf ansprechen. (Die Rede im Wortlaut)

Das Ende des Holocaust

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