Fünf Jahre Bürgerkrieg So gezielt ging Russland gegen syrische Rebellen vor

  • Präsident Putin hält die militärische Mission Russlands in Syrien für erfüllt; er zieht den Großteil seiner Truppen ab.
  • Zuvor flogen die russischen Kampfjets in manchen Monaten fast viermal so viele Angriffe wie die Anti-IS-Koalition.
  • Die Luftangriffe richteten sich vor allem gegen die Rebellengruppen - und weniger gegen den Islamischen Staat.
Von Katharina Brunner, Pia Ratzesberger und Antonie Rietzschel

Die Kampfjets donnern über den Norden von Homs, die Luft ist voller Rauch, der Boden voller Staub. Es ist der 30. September 2015, nur wenige Stunden ist es her, dass das russische Parlament Präsident Wladimir Putin den Einsatz in Syrien genehmigt hat. Die russischen Jets zerbomben Häuser und Straßen, sie zerbomben Ruinen und Schutt; sie zerbomben, was schon kaputt ist, und sie zerbomben, was bis eben noch bestand. Im Norden vom Homs, im Nordwesten von Hama, im Nordosten von Latakia. Mehr als 3000 solcher Luftangriffe haben die russischen Kampfjets seit dem Herbst vergangenen Jahres geflogen - offiziell hieß es, sie dienten der Bekämpfung der Terrororganisation Islamischer Staat. Nun zieht Präsident Putin den Großteil seiner Truppen ab, denn die Mission sei "erfüllt". Der Islamische Staat allerdings existiert in Syrien nach wie vor. Welche Bilanz lässt sich nach fünfeinhalb Monaten Bombardement ziehen?

1. Russland bombardierte stärker als die westliche Koalition

In manchen Monaten hat Russland fast viermal so viele Luftangriffe geflogen wie die USA und ihre Verbündeten. Im Februar dieses Jahres etwa attackierte Russland 833-mal Stellungen in Syrien - so oft wie nie zuvor. Die Luftwaffe der Koalition dagegen griff im gleichen Zeitraum 210-mal an. Kurz vor Beginn der Friedengespräche zwischen dem Regime in Damaskus und der Opposition wollte Moskau mit Hunderten Angriffen wohl noch einmal den Druck auf die Regierungsgegner erhöhen. Dass die russischen Jets gerade im Februar so viele Bomben abwarfen, hat zudem damit zu tun, dass die Truppen des syrischen Diktators Baschar al-Assad in diesen Wochen versuchten, die Großstadt Aleppo einzukesseln. Die Metropole im Norden des Landes war für die Aufständischen lange Zeit ein Symbol ihrer Macht, noch immer kontrollieren sie Teile der Stadt.

Die Daten über die russischen Luftangriffe, die allen SZ-Grafiken zugrunde liegen, stammen vom IHS (Information Handling Service), einer amerikanischen Beratungsfirma, die den Krieg in Syrien anhand von Informationen aus lokalen Medien, sozialen Netzwerken und Satellitenbildern analysiert. Die Daten über die Luftschläge der Koalition unter Führung der USA stammen von Airwars - einem Zusammenschluss von britischen Journalisten, die unter anderem ehrenamtlich Angaben von Zivilisten und örtlichen Organisationen zusammentragen. Zwar ist nicht ausgeschlossen, dass es in den Daten Abweichungen gibt. Doch die Tendenz ist eindeutig.

2. Russland bombardierte vor allem gezielt Rebellengebiete

Schon von Beginn an gab es Zweifel an der Darstellung Russlands, vor allem den IS schwächen zu wollen. Die Rebellen im Land meldeten, sie seien Ziel der Attacken gewesen; das amerikanische Verteidigungsministerium bestätigte die Berichte. Von Seiten der russischen Regierung hieß es schließlich: Ja, man kämpfe neben dem IS natürlich auch gegen die restlichen Terroristen im Land - Terrorist ist für Moskau jeder, der sich gegen Diktator Assad auflehnt.

Ein russischer Tu-22M3-Bomber wirft seine Fracht über Syrien ab.

(Foto: AP)

Tatsächlich zeigen die Daten der vergangenen Monate, dass das russische Militär auch den Islamischen Staat angegriffen hat. Doch das Hauptziel waren die Rebellen. Zudem bombardierten die russischen Kampfflugzeuge nicht nur punktuell wie die Anti-IS-Koalition, sondern breite Landstriche. Moskau wollte in erster Linie also die syrische Regierung unter Baschar al-Assad vor einem Sturz bewahren. "Russland will in Syrien und im Nahen Osten präsent bleiben. Der einzige Partner, der das erlaubt, ist die syrische Regierung. Russland will deshalb unbedingt erreichen, dass die syrische Regierung den Krieg nicht verliert", sagt Professor Michael Brozska, Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.

3. Russlands Luftwaffe hat die syrische Armee gestärkt

Die russischen Kampfjets warfen vor allem über den Städten des Landes ihre Bomben ab, die strategisch wichtig für die Rebellengruppen waren, etwa wegen Depots mit Munition und Lebensmitteln. Die Luftanschläge erfolgten häufig in der Nähe von Damaskus, Homs, Hama - jüngstes Beispiel ist die Bombardierung von Aleppo. Im Norden grenzt das von Rebellen kontrollierte Gebiet an die Türkei, die Aufständischen können hier Waffen, Nahrung und Medizin über die Grenze schaffen.

Die Angriffe Russlands auf den Großraum Aleppo in der Zeit vom 8. bis zum 14. Februar 2016.

(Foto: SZ.de)

Die Grafik zeigt die Angriffe auf die Stadt in der Woche vom 8. bis zum 14. Februar dieses Jahres. Die russische Luftwaffe bombardierte strategisch wichtige Straßenkreuzungen, um die syrischen Soldaten am Boden zu unterstützen. "Wenn man die zentralen Straßen Aleppos in die anderen Provinzen beherrscht, braucht man keine riesigen Gebiete mehr einzunehmen", sagt der Forscher Khaled Oweis von der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP). Würden Assads Truppen die Straßen gen Norden blockieren, könnten sie die Rebellen weit über die Grenzen Aleppos hinaus schwächen. Wer die Straßen beherrscht, der beherrscht auch die Versorgung der Truppen.

So hat Russlands Luftwaffe Assads Truppen in den vergangenen fünfeinhalb Monaten sichtbar gestärkt, in den Provinzen Aleppo und Latakia eroberte die syrische Armee Gebiete von den Rebellen zurück, genau wie nahe Damaskus und nahe Dara'a. Die russischen Bombardements haben Grenzen verschoben (mehr dazu hier).

4. Trotz vereinbarten Waffenstillstands fielen weiter Bomben

Nach dem 27. Februar sollten in Syrien die Waffen ruhen, vor den weiteren Friedensverhandlungen in Genf hatten sich Russland und die USA auf solch eine Kampfpause geeinigt. Zwar fielen in den Tagen nach dem 27. deutlich weniger Bomben als zuvor, sowohl von russischer als auch von westlicher Seite. Doch die Luftschläge haben nie ganz aufgehört.

Zum Vergrößern auf die Grafik klicken (SZ-Karte; Quelle: IHS Conflict Monitor)

(Foto: SZ-Karte)

"Eine absolute Waffenruhe gab es nicht, da der IS und die Al-Nusra-Front grundsätzlich davon ausgeschlossen wurden. Da die Al-Nusra-Front über verschiedene Dachorganisationen eng mit weiteren Rebellengruppen verbunden ist, bleibt der Waffenstillstand auch für diese brüchig", sagt David Arn vom Institut für Nahen und Mittleren Osten an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Die Karte zeigt, dass die westliche Koalition den IS etwa noch immer nahe Raqqa attackierte, die russischen Jets nahe Al-Bab - aber auch in Rebellengebieten nahe Aleppo und Latakia bombardierte Moskau trotz Waffenruhe weiter.

Mittlerweile sind die ersten Flugzeuge bereits nach Russland zurückgekehrt, doch eine Lufttruppe wird bleiben. Sie soll weiter "terroristische Einrichtungen" angreifen, heißt es aus dem russischen Verteidigungsministerium. Der "Terror" sei noch lange nicht "besiegt".

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