Friedensnobelpreis: Sinologie in Deutschland Das Schweigen der China-Kenner

Der Dissident Liu Xiaobo bekommt als erster Chinese den Friedensnobelpreis. Dass Peking den Schriftsteller einsperrt und dessen Ehrung mit aller Macht zu boykottieren sucht, empört viele. Keine Kritik kommt von den deutschen Sinologen - unter anderem, weil China gewogene Akademiker mit Geld und Doktorwürden lockt.

Von Kai Strittmatter

Vielleicht, meint der Schriftsteller und Sinologe Tilman Spengler an einer Stelle, dürfe man für das Schweigen der Zunft ja auch dankbar sein. Schließlich habe das akademische Milieu einst für den damals noch quicklebendigen Maoismus eine Begeisterung von "exemplarischer Bescheuertheit" gezeigt. Und überhaupt bedeute Meinungsfreiheit immer auch "die Freiheit, das Maul zu halten".

Ehrung ohne Geehrten

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Also: Der Chinese Liu Xiaobo erhält heute den Friedensnobelpreis. Der erste chinesische Staatsbürger, dem jemals ein Friedensnobelpreis verliehen wurde. Er sitzt im Gefängnis, wegen seiner Schriften. Auf der ganzen Welt wollen Autoren Lesungen für ihn abhalten, Dissidenten innerhalb und außerhalb Chinas applaudieren dem Preisträger oder kriegen sich über ihn in die Haare, Chinas Regierung wütet.

Und die deutsche Chinawissenschaft? Schweigt. Warum? Nachfrage unter den Sinologen: Der eine hat mit dem modernen China nichts am Hut, der andere erklärt, die Universitätsbürokratie ersticke einen mittlerweile und lasse kaum Zeit, der dritte meint: "Uns fragt ja keiner", und der vierte sagt, er habe keine Lust, sich vor den Karren einer der aggressiv auftretenden exilchinesischen Gruppen spannen zu lassen.

Jede dieser Begründungen hat ihre Berechtigung. Aber erklären sie alle zusammen ein Schweigen auf solch breiter Front? Es gibt kluge, und es gibt kritische Sinologen, man hört sie bloß kaum. Dabei sei es "so schwierig ja nicht, sich zu äußern", meint der Bochumer Sinologe Heiner Roetz. Er veranstaltete am Mittwoch eine Podiumsdiskussion zu Liu Xiaobo, die einzige von der deutschen Sinologie abgehaltene öffentliche Veranstaltung zum Thema (Spengler hielt die Laudation auf Liu Xiaobo, als der vom PEN-Zentrum kürzlich den Hermann-Kesten-Preis bekam, aber Spengler ist Nebenerwerbssinologe).

Freunde im Ausland

Der Münchner Professor Hans van Ess hat Kluges und Nachdenkliches geschrieben zur Instrumentalisierung des Konfuzius als neuem Schutzheiligen von Chinas KP. Wenn er sagt, er habe den Eindruck, dass Peking mittlerweile meine, "Sinologen im Ausland seien per se Freunde", dann ist die Sinologie selbst an diesem Eindruck vielleicht nicht unschuldig. Wenn es in den vergangenen Jahren Wortmeldungen der deutschen Chinawissenschaften gab - zum Streit um die China-Berichterstattung der Deutschen Welle oder zum Eklat auf der Frankfurter Buchmesse - dann hatten sie vor allem ein Ziel: Um Verständnis für Chinas Regierung zu werben, die sich "missverstanden" fühle und "tiefe Kränkung" empfinde (so Helwig Schmidt-Glintzer, der Vorsitzende der deutschen Vereinigung für Chinastudien, 2009 in Frankfurt).

Typisch ist der Beitrag des Sinologen und Ökonomen Carsten Herrmann-Pillath in dieser Woche in der FAZ, der mehrere Topoi der professionellen Chinaversteher wiederholt: Die Mahnung an die Europäer, "kulturelle Differenzen" zu berücksichtigen und dem anderen "nicht einseitig Standards" vorzugeben. Die Eröffnung, China sei "keine totalitäre Macht" mehr (was seit 25 Jahren schon keiner mehr behauptet). Die unvermeidliche Warnung vor dem "Gesichtsverlust", den man dem Gegenüber nicht zufügen dürfe (während Chinas Regierung ihrerseits in dieser Übung noch nie Skrupel kannte). Und die Hinweise auf die Fortschritte des Landes, wobei sich Herrmann-Pillath zu der These versteigt: "Wer Chinesisch spricht und die Fülle des in China zugänglichen westlichen Gedankenguts sieht, wird kaum einen Unterschied zu westlichen Demokratien erkennen." Der Autor leitet das "East-West Centre for Business Studies und Cultural Science" in Frankfurt. Gleich vier chinesische Universitäten haben ihm eine lebenslange Gastprofessur verliehen.

Was wurde aus bisherigen Preisträgern?

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