Friedensnobelpreis für Barack Obama "Krieg ist manchmal notwendig"

Das Ideal der Gewaltlosigkeit taugt nicht für ein Staatsoberhaupt: In einer wegweisenden Rede bei der Vergabe des Friedensnobelpreises erklärt US-Präsident Barack Obama, wie Krieg auch Frieden schaffen kann.

Von Barbara Vorsamer

Vor der Verleihung des Friedensnobelpreises an den US-Präsidenten Barack Obama hängt die Frage in der Luft: Darf ein Friedenspreis an einen Politiker gehen, der Krieg führt? Ein Preis, der zuvor an Ikonen der Gewaltlosigkeit gegangen war wie den Mediziner Albert Schweitzer, den Bürgerrechtler Martin Luther King und den Anti-Apartheid-Kämpfer Nelson Mandela?

Der Vorsitzende des Komitees, Thorbjörn Jagland, antwortet darauf: Der Krieg in Afghanistan sei nicht Obamas Krieg.

Obama selbst macht es sich nicht ganz so leicht und redet nicht lange um den heißen Brei herum. Schon im dritten Satz seiner Rede zur Preisverleihung spricht er die heftige Kontroverse an, die sich an seiner Ehrung entzündet hat. "Im Vergleich mit früheren Preisträgern sind meine Errungenschaften sehr gering", gibt er zu. Er könne denjenigen nichts erwidern, die darauf verwiesen, das viele Menschen "die Ehre sehr viel mehr verdient haben als ich".

Und dann ist er schon am Punkt angelangt - die Einsätze im Irak und in Afghanistan. Vor einer Woche hat Obama das Kontingent für Afghanistan um 30.000 zusätzliche Soldaten aufgestockt. "Ich bin der Oberbefehlshaber einer Armee, die zwei Kriege führt", sagt Obama. "Ich bin verantwortlich für die Entsendung von Tausenden in den Krieg. Einige werden töten. Einige werden getötet werden."

Der US-Präsident versteckt sich nicht vor der internationalen Kritik, sondern antwortet dieser geradeheraus. Er sehe sich in der Tradition von Friedensaktivisten wie Martin Luther King und schätze dessen Ansicht, das Gewalt nie zum Frieden führe. Doch "als Staatsoberhaupt, das geschworen hat, sein Land zu schützen und zu verteidigen, kann ich mich nicht allein an ihrem Vorbild orientieren". Eine gewaltlose Bewegung hätte weder Adolf Hitler bezwungen, noch könne sie Al-Qaida-Anführer zur Aufgabe bewegen.

"Ich habe keine Lösung für das Problem des Krieges anzubieten", bedauert Obama, denn: "Das Böse existiert in der Welt." Was er aber wisse, sei, dass "diese Herausforderung nur mit der gleichen Vision, harten Arbeit und Hartnäckigkeit" zu bewältigen sei, wie sie früher Friedenskämpfer an den Tag gelegt hätten. "Wir müssen der harten Wahrheit ins Gesicht sehen, dass die Dauer eines Menschenlebens nicht ausreicht, um gewaltsame Konflikte auszumerzen", sagte der Präsident.

Im Video: US-Präsident Obama reagiert auf Kritik, der Friedensnobelpreis komme zu früh für ihn. Weitere Videos finden Sie hier

Das Beispiel des Zweiten Weltkriegs bemüht er mehrmals, um zu verdeutlichen, dass militärische Interventionen manchmal notwenig seien. Auch damals hätten sich die USA in eine bewaffnete Auseinandersetzung begeben, um sich für den Frieden einzusetzen.

Um jedoch Konflikte in der Größenordnung eines Weltkrieges auch weiterhin zu vermeiden, führt der Präsident die internationale Zusammenarbeit ins Feld. In der Tradition John F. Kennedys will Obama sich auf einen "machbaren Frieden" konzentrieren. An dieser Stelle ruft er die anderen Nationen der Welt zur Mitarbeit auf: "Amerika kann nicht allein den Frieden sichern." Als Beispiele führt er Afghanistan und Somalia an.

Doch er betont, dass die USA sich im Unterschied zu den Staaten, die es bekämpfe, an die Regeln halte und nennt als Beispiel das Verbot von Folter und die Schließung von Guantanamo. "Wir verlieren uns, wenn wir die Ideale, für die wir kämpfen, nicht selbst achten", sagt Obama. Damit macht er auch einen Unterschied zu seinem Amtsvorgänger George W. Bush deutlich.

Einige Kommentatoren hatten im Vorfeld gelästert, Obama habe den Preis deswegen bekommen, weil er nicht George W. Bush sei. Das Nobelkomitee hat den Präsidenten gegen solche Kritik verteidigt. Der Komitee-Vorsitzende Jagland sagt bei der Nobel-Zeremonie in Oslo, Obama habe den Preis als einen "Aufruf zum Handeln" bezeichnet. Damit habe er das norwegische Nobelkomitee perfekt verstanden.

Viele hätten eingewandt, der Preis für Obama sei zu früh gekommen, räumt Jagland ein. "Aber die Geschichte erzählt uns viel von verpassten Gelegenheiten." Obama habe bereits viel erreicht. Und Jagland zählt auf: Die Rolle der Vereinten Nationen und anderer internationaler Organisationen sei gestärkt worden. "Folter ist verboten. Der Präsident tut, was er kann, um Guantanamo zu schließen." Der Kampf gegen den gewalttätigen Extremismus in Afghanistan basiere auf einer breiten internationalen Grundlage. Allerdings könnten die Probleme nur durch die Afghanen selbst gelöst werden. "Das ist die fundamentale Logik hinter der neuen Strategie des Präsidenten."

Weiter hebt Jagland Obamas Engagement für die Abschaffung von Atomwaffen und für den Klimaschutz hervor. Der Präsident habe konkrete Vorschläge zur Reduzierung der Treibhausgase auf den Tisch gelegt. Die Wahl Obamas sei deshalb keine schwierige Entscheidung gewesen, sagt Jagland. "Nur selten hat eine Person die internationale Politik im selben Ausmaß wie Obama dominiert oder in so kurzer Zeit so viele große Veränderungen angestoßen." Es müsse möglich sein, den Friedensnobelpreis einem politischen Führer zu verleihen. Diese müssten aber in der Lage sein, über die engen Grenzen der Realpolitik hinaus zu denken. "Ansonsten wird Politik zum puren Zynismus."

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