Frauenquote Halleluja, der Anfang ist gemacht!

Männer müssen jetzt tapfer sein. Lukrative Posten werden künftig knapper.

(Foto: imago stock&people)

Das Gesetz über die Frauenquote wird Deutschland leider nicht auf den Kopf stellen. Aber es wird Verklebtes auseinanderreißen und Deutschland verändern - langsam aber sicher.

Kommentar von Constanze von Bullion

Die Frauenquote kommt, endlich, das ist eine historische Zäsur. Diesen Freitag hat der Bundestag das "Gesetz für die gleiche Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen" verabschiedet. Und wer die Geburtswehen dieses Reformwerks erlebt hat, kann nur sagen: Halleluja. Ein Anfang ist gemacht.

Das Gesetz wird Deutschland zwar nicht auf den Kopf stellen, leider. Aber es wird nun ein Richtungswechsel eingeleitet, der so überfällig wie förderlich ist für die Gesellschaft. Sie steckt - vor allem im Westen des Landes - bei der Arbeitsteilung der Geschlechter in alten Denkkrusten fest, die aufgerissen werden müssen. Auch wenn's mal wehtut.

Wer sich jetzt fragt, was eigentlich historisch daran sein soll, dass gerade mal hundert Großunternehmen mehr Frauen in die Aufsichtsräte holen müssen und sich 3500 Firmen selbst eine Frauenquote geben, hat recht: Das Gleichstellungsgesetz hätte konsequenter ausfallen können. Es fehlt an Sanktionen für Quotenverweigerer. Auch im öffentlichen Dienst und in den Bundesministerien, wo die Zahl der Staatssekretärinnen zuletzt wieder auf inakzeptable 20 Prozent gefallen ist, wären wirkungsvollere Folterinstrumente nötig, um Vorgesetzte zu bekehren: ein Klagerecht für Gleichstellungsbeauftragte etwa, mit dem ein Mann, der einen Führungsjob bekommt, aus selbigem wieder herausgekegelt werden kann, wenn eine Frau trotz gleicher Qualifikation übergangen wurde.

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Die Männer müssen jetzt tapfer sein

Doch, das wäre heilsam und würde die Arbeitswelt sehr viel zügiger modernisieren, als es das Gesetz kann, das jetzt kommt. Es verzichtet auf harte Konfrontation, dank der Unionisten, die es bis zuletzt bekämpft haben. Aber auch sozialdemokratische Antreiberinnen wie Familienministerin Manuela Schwesig sind am Ende eben: Chefs. Also nicht daran interessiert, dass eine von ihnen getroffene Personalentscheidung von irgend so einer Gleichstellungsbeauftragten rückgängig gemacht werden kann.

Wer aber meint, in den Dämmerschlaf des Vor-Quoten-Zeitalters zurückfallen zu können, sei wachgerüttelt: Wirkungslos wird das neue Gesetz nicht, denn es zwingt Vorgesetzte wie Frauen zur anstrengendsten aller Tätigkeiten: dem Ausbruch aus vertrauten Denkbahnen.

Das Gesetz rührt ans Innerste der deutschen Gesellschaft

Was bevorsteht, ist eine Auseinandersetzung, die bisher bequem umschifft werden konnte, nun aber vom Gesetzgeber zur Pflicht gemacht wird. Strengt euch gefälligst an!, lautet sein Auftrag. Findet endlich Lösungen, wie Frauen und Männer sich Macht und Chancen gerechter teilen können, egal ob sie Kinder haben oder nicht. Das rührt ans Innerste der bundesdeutschen Gesellschaft, und wer im Geschichtsbuch nach Reformen sucht, die das Geschlechterverhältnis in ähnlicher Weise renoviert haben, landet bei 1976 und dem Prinzip Backpulver.

Im Jahr 1976 hat die alte Bundesrepublik ihr Ehe - und Scheidungsrecht neu geregelt. Was das mit der Arbeitswelt zu tun hat? Erstaunlich viel. Bis 1976 erlaubte das Bürgerliche Gesetzbuch es jedem Ehemann, seiner Frau die Berufstätigkeit zu verbieten und - wenn sie nicht parierte - ihren Job zu kündigen, auch gegen ihren Willen. Begründet wurde das mit der Pflicht der Frau, sich vorrangig um Mann und Kinder zu kümmern. Der Abschied vom Leitbild Hausfrauenehe war eine historische Entscheidung, und sie wirkte wie Backpulver in der Gesellschaft: Es treibt langsam, aber sicher Verklebtes auseinander und die Verhältnisse voran.

Die nächste Stufe im Gärprozess Gleichstellung

So geht es auch mit der Frauenquote, der nächsten Stufe im Gärprozess Gleichstellung. Wie 1976, als die Reform der Ehe vom Wohnzimmer in Büros und Hörsäle ausstrahlte, führt auch die Quote zur Kettenreaktion, nur eben vom Büro ins Wohnzimmer. Und ja, das gibt Streit.

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Anteilseigner und Betriebsräte müssen sich ab sofort den Kopf zerbrechen, wo sie gute Bewerberinnen für Aufsichtsratsposten finden. Vorgesetzte müssen Frauen Führungsjobs anvertrauen und große Budgets - und den weiblichen Nachwuchs systematisch vorbereiten auf mehr Verantwortung im Beruf. Frauen müssen endlich aufhören, sich kleiner zu machen als sie sind, und sich, es hilft nichts, früher losreißen von ihren Kindern. Sonst werden sie nie Entscheiderinnen.

Vor allem aber müssen Männer jetzt tapfer sein. Lukrative Posten werden künftig knapper werden. Vorbei die Zeit, in der Frauen klaglos Ambitionen zurückstellten und nach den Kindern noch den Schwiegervater pflegten, ohne dass ihnen das jemand vergolten hätte. Von jetzt an werden die Pflichten geteilt, und der Arbeitgeber muss dokumentieren, wer berufliche Nachteile erfährt, weil er familiäre Pflichten übernimmt. Zu viel Bürokratie, ein einziger Stress? Macht nichts. Jetzt sind die Frauen dran.