Wahl in Frankreich Frankreich - die gespaltene Nation

Die erste Runde der Präsidentschaftswahl macht deutlich: Die Rechte wächst, die Linke zerstört sich selbst. Und in der Mitte triumphiert der 39-jährige Macron - wohl Frankreichs nächster Präsident.

Kommentar von Stefan Kornelius

Frankreichs Wähler sind eine bemerkenswerte Spezies. Ähnlich der Fahne des Landes haben sie die politische Landschaft der Nation dreifach durchpflügt: Blau für die starke Rechte unter Marine Le Pen; Rot für die zerstörte Linke - ja, unter wem eigentlich; und Weiß für das unbeschriebene Blatt, das sich nun anschickt, Präsident der Republik zu werden.

Emmanuel Macron ist eine außergewöhnliche Figur, fast ein Chamäleon. Manchmal wirkt er blass und bubenhaft. Wenn er redet, dann spürt man den Selbstzweifel, der diesem 39-Jährigen (glücklicherweise noch) aus den Poren dringt. Da steht er und heizt die Massen auf, obwohl er eigentlich ein bisschen ein Intellektueller sein möchte und bestimmt kein Volkstribun. Aber die Umstände haben ihm zu diesem Sieg verholfen.

Die Schwäche der politischen Klasse machte den Aufstieg eines Außenseiters möglich, der bislang noch nie in ein Amt gewählt worden war und bis vor kurzem noch nicht einmal über einen politischen Apparat verfügte. Nun hat er quasi aus dem Stand eine Anhängerschaft mit mehr Köpfen als die Sozialistische Partei auf die Beine gestellt. Macrons Erfolg in dieser ersten Runde der Präsidentschaftswahl ist ein Zeichen der Hoffnung. Er repräsentiert jene Franzosen, die an die Vernunft der Mitte glauben und den Versprechungen der Radikalen misstrauen.

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Die populistische Rechte lebt auch in Frankreich vom Gruseleffekt

Macron ist der Wahlsieg in zwei Wochen zuzutrauen. Zwar werden sich einige aus dem ganz linken Lager nach rechts, zu Le Pen schlagen. Und einige enttäuschte Konservative aus Fillons Lager werden ebenfalls ihr Heil rechts außen suchen. Aber alle Umfragen und Wählerbeobachtungen lassen kaum Zweifel, dass die eigentliche Völkerwanderung zugunsten Emmanuel Macrons stattfinden wird. Der wäre gut beraten, ein großes Angebot der Versöhnung nach links und rechts auszusenden - eine Geste, die ihm auch bei der Lösung seines eigentlichen Problems helfen würde: Eine gesetzgebende Mehrheit im Parlament zu schaffen, die ihm die Herkulesaufgabe der Neuerfindung Frankreichs erleichtern würde.

Über Marine Le Pen wurde viel, vielleicht zu viel spekuliert. Wie überall in Europa lebt die populistische Rechte auch in Frankreich sehr gut von dem Gruseleffekt, den sie bei Gegnern aller Couleur auslöst. Le Pen wurde immer ein Wählerpotenzial von maximal 28 Prozent zugebilligt. Nun hat sie im ersten Wahlgang bereits die 20-Prozent-Marke überschritten, das ist bemerkenswert. Ihr Erfolg spiegelt die unbändige Wut über die politische und gesellschaftliche Stagnation im Land, die viele Wähler erfasst hat. Sie bringen ihre Perspektivlosigkeit mit einer arroganten Elite und mit den Thema Ausländer in Verbindung - und schreiben dann eine Rechnung. Das kennt man schon aus den USA und aus Großbritannien, mit der gleichen Addition haben Donald Trump und der Brexit funktioniert. Die trostlosen Lebensumstände verlangen nach einer Erklärung, eine Populistin wie Le Pen liefert sie. Ändern könnte auch sie die Misere nicht, ganz gewiss nicht mit ihren Verheißungen.

Trotz Le Pens Ergebnis gilt: Die rechtspopulistische Welle in Europa ist gebrochen. Wie bei der Präsidentschaftswahl in Österreich und der Parlamentswahl in den Niederlanden bleiben auch die französischen Rechtspopulisten hinter den eigenen Erwartungen zurück. Europa bleibt, so denn sich alle Prognosen und Wahlerfahrungen der Vergangenheit in zwei Wochen bewahrheiten, der Kollaps Frankreichs und mithin gar der Europäischen Union erspart.

Die Partei der Linken könnte nun zerfallen

Erspart bleibt Frankreich auch ein Vertreter aus dem linken Lager, das mit allzu vielen Köpfen und allzu geringem Verstand angetreten war. Frankreichs Linke erlebt das eigentliche Desaster des ersten Wahlganges. Die Sozialisten haben sich quasi selbst vernichtet. Die Partei könnte nun zerfallen, wenigstens braucht sie eine neue Führung. Wer nach François Hollande mit linkspopulistischen Versprechungen antritt, der hat den Selbstzerstörungsmechanismus der vergangenen fünf Jahre nicht verstanden. Nicht Hollande allein hat seine Präsidentschaft vergeigt. Es war die Linke, die mit allzu rabiaten Kräften an einem viel zu schwachen Präsidenten zerrte.

Bei aller Sorge vor einem Rechtsrutsch in Frankreich hat Europa und vielleicht auch das Land selbst das eigentliche Wahlthema aus dem Auge verloren: Wie lässt sich die Republik wieder aufrichten? Wie lässt sich eine Jugendarbeitslosigkeit von 25 Prozent reduzieren, ein Staatsanteil von 57 Prozent bei den öffentlichen Ausgaben senken, eine darbende Fertigungsindustrie zum Leben erwecken?

Frankreichs Gesellschaftsmodell hat unter dem Druck des Terrors und in der Depression einer verzagten Nation schweren Schaden genommen. Der nächste Präsident braucht mehr als ein paar Wirtschaftsreformen und flexiblere Arbeitszeiten, um diese Lethargie aufzubrechen. Das Ergebnis des ersten Wahlgangs gibt zumindest Hoffnung, dass aus der Glut wieder ein Feuer zu entfachen ist.

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