Die Lage in Afghanistan ist noch weitaus vertrackter. Anders als der Irak ist Afghanistan eine Nation ohne Staat. Separatismus war niemals eine Bedrohung für diese Nation, aber seit dem Einmarsch der Roten Armee an Weihnachten 1979 ist dieses Land der Kriegsschauplatz für globale und regionale Konflikte, ausgetragen auf afghanischem Boden.

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In Afghanistan findet nicht nur ein Bürgerkrieg statt, sondern mittels afghanischer Verbündeter kämpfen dort vor allem Pakistan, aber auch Saudi-Arabien, Iran, Indien und die nördlichen Nachbarn um Einfluss und Vorherrschaft. Zuerst war der afghanische Krieg ein Befreiungskrieg gegen die Rote Armee, dann ein Bürgerkrieg und von Mitte der neunziger Jahre an erfüllte er eine Funktion im indisch-pakistanischen Konflikt, denn Pakistan suchte dort mittels der von seinem Geheimdienst ISI geschaffenen Taliban strategische Tiefe und regionalen Einfluss. Mit dem 11. September wurde Afghanistan schließlich wieder zum Schauplatz eines globalen Krieges. Wird jetzt der Rückfall in einen regionalen Krieg mit einem neuen Anlauf des islamistischen Terrors erfolgen? Oder eine völlig neue, bisher unbekannte Entwicklung?

Die USA und auch die Nato befinden sich in Afghanistan in einer Zwickmühle. Sie können in diesem Land nicht dauerhaft bleiben, sie können aber auch nicht einfach abziehen. Es wird gegenwärtig nur allzu oft vergessen, dass mit dem Abzug der Sowjettruppen im Februar 1989 auch die USA faktisch schon einmal aus diesem Land abgezogen waren. Zwölf Jahre später, nach dem Terroranschlag vom 11. September, mussten die USA und ihre westlichen Verbündeten dann zurückkehren, weil sich der globale islamistische Terrorismus eines bin Laden dort festgesetzt hatte, als Teil des Bürgerkriegs und der regionalen Auseinandersetzung um die Vorherrschaft über Afghanistan.

Die Lektion von damals ist recht einfach zu begreifen: Afghanistan ist als Schlachtfeld der regionalen Interessen und Brutstätte des islamistischen Terrorismus viel zu gefährlich, um vom Westen ignoriert werden zu können. Offensichtlich scheint man diese Lektion der neunziger Jahre aber gegenwärtig in den westlichen Hauptstädten verdrängen zu wollen. Denn die Europäer würden lieber gestern als heute abziehen, und die USA werden dies morgen wohl tun. Es erweist sich jetzt als großer Fehler, dass die USA über keine wirkliche politische Strategie in Afghanistan verfügen, sondern nach wie vor fast ausschließlich auf eine militärische setzen.

Und auch die zu Jahresbeginn auf einer Konferenz in London verabschiedete Strategie, die auf die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte setzt und so auf die "Afghanisierung" des Konflikts zielt, orientiert sich vor allem an den Abzugsbedürfnissen in den USA und Europa und nicht an der Lage in dem Land und in der Region. Wenn die USA und die Nato aber Afghanistan sich selbst überlassen, ohne zuvor ein Minimum an regionaler Stabilität geschaffen zu haben, dann spricht alles dafür, dass nach relativ kurzer Zeit die islamistische Gefahr noch größer werden wird, als dies in den neunziger Jahren der Fall war.

Regionale Stabilität bedarf aber vor allem der Klärung der Rolle Pakistans in Afghanistan. Und dieselbe Herausforderung versteckt sich hinter der Formel "Einbindung der Taliban", denn diese haben ohne Pakistan keine Verhandlungsmacht. Der US-Sondergesandte Richard Holbrooke wäre daher jetzt wichtiger als General Petraeus, der Kommandeur der internationalen Schutztruppe - denn der Schlüssel für Afghanistan liegt in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad und nicht in Kabul. In Islamabad wird man eine regionale Lösung verhandeln müssen, und dafür sind gegenwärtig die Bedingungen keineswegs aussichtslos. Allerdings hängt unausgesprochen an dieser Frage die weitaus kompliziertere des indisch-pakistanischen Verhältnisses, und diese ist ein extrem dickes Brett.

Der Westen will abziehen und wird dies auch tun. Die Ironie der Geschichte allerdings könnte zu einem neuen, sehr viel gefährlicheren Krieg des Westens in dieser Region führen, wenn Iran an die Grenze der Nuklearwaffenfähigkeit kommt oder diese gar überschreitet. Alle Abzugspläne wären dann Makulatur.

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(SZ vom 02.09.2010/wolf)