Die Schulz-Story Eine Sekunde Hoffnung

Martin Schulz nach einem Fernsehinterview auf dem SPD-Sonderparteitag im Januar in Bonn. Wenig später trat er als Parteichef zurück.

(Foto: dpa)

Markus Feldenkirchen begleitete Martin Schulz im Wahlkampf und ist einem euphorischen, zornigen, frustrierten Politiker nahe gekommen. So nahe, dass es ein solches Experiment wohl nicht mehr geben wird.

Rezension von Stefan Braun

Es ist eine fantastische Szene. Im wahrsten Sinne. An einem Frühlingsabend sitzt der Kanzlerkandidat in einem Berliner Restaurant, haut mit der Faust auf den Tisch und jubelt mit einem lauten "Heijajajajei".

Martin Schulz ist euphorisiert, er ist bester Laune an diesem 22. März 2017. Seit Tagen reiht sich eine gute Nachricht an die nächste. Der Kandidat darf hoffen, Angela Merkel im Herbst des Jahres tatsächlich zu besiegen.

Schulz flachst und blödelt. Ausgelassen wie er ist, imitiert er sogar die Christdemokraten. Die "Schwarzen", wie er sie nennt, mache es fertig, dass ihre Gebete nicht erhört würden. Dazu faltet Schulz die Hände, richtet den Blick zur Decke und fleht wie ein Christdemokrat gen Himmel: "Lieber Gott, lass es ein Strohfeuer sein."

Dieser vergessene fast rauschhafte Augenblick

Von dieser Szene zu erfahren, ist das Verdienst eines in vielfacher Hinsicht außergewöhnlichen Buches. Der Spiegel-Redakteur Markus Feldenkirchen durfte an Schulz während des Wahlkampfs sehr nah heran.

Und das Ergebnis liefert Einblicke in eine Kampagne, wie sie so noch nie gewährt wurden: zahlreiche Szenen, Gespräche, Augenblicke, die einen euphorisierten, dann zornigen und schließlich frustrierten Martin Schulz zeigen.

Dazu gehört nicht nur, aber auch der Abend des 22. März, in dem sich vieles bündelt: Ausgerechnet Schulz spielt mit dem Wort Strohfeuer, ohne zu ahnen, wie dramatisch es auf ihn passen wird. Und da ist diese Sekunde der Hoffnung.

Über all den Abstürzen des Martin Schulz in jüngster Zeit hat man das fast schon vergessen: dass es diesen Moment gegeben hat, diesen fast rauschhaften Augenblick, in dem alles gutzugehen schien für den Sozialdemokraten. Er lag in Umfragen vor Angela Merkel; seine SPD hatte die Union überholt; die SPD durfte am Sieg schnuppern.

Markus Feldenkirchen: Die Schulz-Story. Ein Jahr zwischen Höhenflug und Absturz. DVA München 2018, 320 Seiten. 20 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

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Blick ins Buch

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Vielleicht erklärt die Hoffnung auf das große Glück am besten, warum sich Schulz auf das Wagnis dieses Buches einließ und einem Journalisten erlaubte, für den gesamten Wahlkampf in seinem Knopfloch Platz zu nehmen. Derartiges hatte es so noch nie gegeben. Und so schnell wird es sich auch nicht wiederholen.

Nicht etwa, weil Schulz es bereut hätte. Es sind die vielen Berater, Begleiter, Parteifreunde, die in dem Buch auftauchen und beim nächsten Mal kompromisslos Nein sagen werden.

Das nämlich ist ein zentraler Aspekt der 314 Seiten: Feldenkirchen, der sonst ein scharfzüngiger, bisweilen sogar verletzender Porträtschreiber sein kann, hält eine sanft schützende Hand über den Kandidaten. Er deckt dessen Schwächen auf, ohne den Menschen Schulz als Politiker zu vernichten.

Er stellt ihn in den Zusammenhang, in dem Politiker in einer Demokratie immer stehen: in die Ratschläge der Berater, in Manöver der Parteifreunde, die Zuspitzungen der Medien und die Niederlagen anderer Sozialdemokraten bei drei Landtagswahlen, die seine Kampagne belastet haben. Woran Wahlkämpfe scheitern? Im Buch findet man viele Antworten.

Die große Linie verloren

Schulz ist glücklich gestartet und hat dann seine große Linie verloren; er war zunächst er selbst und verschrumpfte unter dem Einfluss seiner gutmeinenden Berater. Er traute sich nicht, sein Europa in den Mittelpunkt zu stellen, sondern verzettelte sich auf der Suche nach der einen Botschaft in dramatische Widersprüche.

Er attackierte die Kanzlerin mitten im Wahlkampf wegen einer Flüchtlingspolitik, die er zuvor gemeinsam mit ihr verfolgt hatte.

Das alles war nicht gut. Und das Buch legt das offen. So wie es zeigt, dass vieles aus der Not geboren wurde. Früh im Buch spricht Schulz über Frankreichs Ex-Präsidenten François Hollande. Der sei als Zauderer und Zögerer gescheitert. "So möchte ich nicht enden." Tja, am Ende ist's ziemlich genauso gekommen.

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