Deutsche Kolonien Heikles Erbe in Afrika

Ausgezehrt, aber am Leben: Herero nach der Flucht durch die Wüste 1907

(Foto: oh)

Durch den Ersten Weltkrieg verlor Deutschland seine Kolonien. In Namibia ist die Vergangenheit der Kaiserzeit besonders präsent: durch Tausende Deutschstämmige - und die Erinnerung an "Kaisers Holocaust".

Es ist fast 100 Jahre her, dass Deutschland im Ersten Weltkrieg seine Kolonie Deutsch-Südwestafrika verlor. Doch Auseinandersetzungen mit der einstigen Kolonialmacht werden im heutigen Namibia bis heute geführt. Dabei geht es um Gebeine und Schädel, um Denkmäler und Städtenamen - und um Forderungen nach Reparationszahlungen.

So wurde zu Weihnachten 2013 aus dem Zentrum der Hauptstadt Windhuk das fast zehn Meter hohe deutsche Reiterdenkmal in aller Stille abtransportiert und in den Hof des Nationalmuseums verbannt. Nur ein Zeichen für die Anstrengungen der Regierung, Spuren der deutschen Kolonialzeit von 1884 bis 1919 zu beseitigen. Denn das 1912 eingeweihte Denkmal war den deutschen Opfern und "tapferen deutschen Kriegern" der Kolonialkriege gegen die Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika gewidmet.

In die Wüste getrieben

Die Regierung hat auch andere Symbole deutscher Kolonialherrschaft im Visier: Ortsnamen wie Lüderitz oder Schuckmannsburg sollen afrikanischen Namen weichen - was manche der etwa 20 000 Deutschstämmigen im Land empört. "Die Identität der Stadt wurde zerstört, das ist kultureller Raubbau", zitierte die deutschsprachige Allgemeine Zeitung deutsch-namibischen Kulturhistoriker Andreas Vogt.

Ein weiteres, zwischen Berlin und Windhuk schwelendes Problem ist die Frage, ob Deutschland für einen Völkermord verantwortlich ist und deshalb den Nachfahren der Opfer hohe Reparationszahlungen schuldet. Unbestritten ist, dass zwischen 1903 und 1908 Tausende Angehörige der Stämme der Herero und Nama bei Kämpfen, in Gefangenenlagern und auf der Flucht ums Leben kamen - die Deutschen trieben mitunter auch Frauen und Kinder in die Wüste.

In einem UN-Report hieß es 1985, dass von 80 000 Herero nur 15 000 überlebt hätten. Manche Historiker bezeichneten den Feldzug der deutschen Kolonialmacht unter dem gnadenlosen Lothar von Trotha als des "Kaisers Holocaust". Sie sehen in der Vernichtung der Hereros "die kolonialen Wurzeln der deutschen Nazi-Ideologie", die schließlich in der Ermordung von sechs Millionen Juden geendet habe.

Wo die deutsche Flagge unter Palmen wehte

Chinesische Reichspostbeamte, Weihnachtsbäume in den Tropen und Südsee-Tänze zu Kaisers Geburtstag: Bis zum Ersten Weltkrieg gehörten Kolonien zum Deutschen Reich. Bilder aus einer fast vergessenen Zeit. mehr ...

Alle Bundesregierungen haben bisher allerdings betont, dass sie zwar zur "historischen und moralischen Verantwortung" gegenüber Namibia und den Herero-Nachfahren stehen. Deutsche Minister wie die frühere Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) sprachen von der "moralisch-ethischen Verantwortung" Deutschlands, auch von "tiefem Bedauern" und "von Scham".

Aber weder wird der Begriff Völkermord akzeptiert noch die Forderung nach Ausgleichszahlungen. Denn unter Historikern ist umstritten, welches Ausmaß die Gräueltaten der Kolonialherren wirklich annahmen. Viele denken, dass die Deutschen damals kaum üblere Kolonialherren waren als Briten, Franzosen oder Portugiesen.