Demo in Köln Erst "Allahu Akbar", dann die deutsche Nationalhymne

  • In Köln am Rhein demonstrieren 30 000 bis 40 000 Menschen für den türkischen Präsidenten Erdoğan.
  • Die Veranstalter geben sich Mühe, das Treffen in Köln als ein breites gesellschaftliches Bündnis erscheinen zu lassen.
  • Insgesamt 2700 Polizisten waren im Einsatz, mit acht Wasserwerfern.
Von Bernd Dörries, Köln

Die Veranstalter der großen Demonstration für Recep Tayyip Erdoğan haben das getan, was man in wenigen Tagen tun kann, um den Platz an der rechten Rheinseite ein wenig schöner zu machen. Die Polizei ließ frische Graffiti entfernen, deren Inhalt dem türkischen Präsidenten Stoff für gleich mehrere Beleidigungsklagen gegeben hätte. Die Bühne wurde mit türkischen Flaggen dekoriert. Der Versammlungsplatz an der alten Deutzer Werft mag nicht der schönste sein in der Kölner Innenstadt, der größte ist es aber, man kann die Zäune immer noch ein bisschen weiter stellen. Am Anfang sollten es 10 000 Anhänger werden, dann 20 000 und dann kündigt der Veranstalter in 10 000-Schritten immer mehr Leute an, die mit Bussen aus ganz Europa anreisen würden. Das Massenblatt Hürriyet gab schließlich 100 000 als Marke aus. Am Sonntagabend, nach dem friedlichen Ende, spricht die Polizei von 30 000 bis 40 000 Menschen, die am Rhein standen.

Salih Tasdirek hat ein kleines Schild mitgebracht: "Deutsche sind für Demokratie. Wir sind für Demokratie. Warum nicht zusammen?" Tasdirek ist aus Maintal in Hessen angereist und erzählt nun erst einmal sein Leben. "Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und hatte es zum Arbeitgeber geschafft." Der Vater hat beim Frankfurter Flughafen geschuftet, er selbst hat ein Unternehmen für Sicherheitstechnik und ist Vizepräsident der lokalen Handelskammer. Seine Kinder studieren, mehr Integration sei nicht möglich, sagt Tasdirek, 52. "Das hier ist meine Heimat." Dennoch fühle er sich etwas fremd im Moment. "Ich hätte mir von den Deutschen mehr Mitgefühl gewünscht für die Opfer des Putsches."

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Die Teilnehmerzahl wechselte täglich, die Rednerliste blieb lange unter Verschluss

Es ist nicht unbedingt die aggressive Atmosphäre, die viele befürchtet hatten. Vor der Bühne hängt ein Porträt von Atatürk, die Veranstalter sagen, dass auch Aleviten und Kurden unter den Teilnehmern seien, die nicht zu den engsten Unterstützern der AKP gehören. Man gibt sich Mühe, das Treffen in Köln als ein breites gesellschaftliches Bündnis erscheinen zu lassen. Die Leute rufen "Allahu Akbar", danach läuft die deutsche Nationalhymne.

Der Sportminister ist aus Ankara gekommen und sagt, dass dieser Tag doch sehr besonders sei für ihn. Akif Çağatay Kılıç kommt aus dem nahen Siegen, er ist in das Land seiner Eltern zurückgekehrt und sitzt dort in der Regierung: Kılıç lächelt und sagt: "Wir sind hier, um Demokratie und Menschenrechte zu verteidigen." Wenig später ruft ein Teil der Menge: "Wir wollen die Todesstrafe." Es ist ein Tag eindeutiger Botschaften. Am Rande des Geländes steht ein Deutscher und zeigt den Teilnehmern Bilder von Verhaftungswellen in der Türkei. "Lass doch", sagen die Leute.

Organisator der Veranstaltung ist die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), eine Art Auslandsorganisation der Regierungspartei AKP. Es war ein seltsames Spielchen, das die UETD sich mit den deutschen Behörden und Gerichten lieferte. Die Teilnehmerzahl wechselte täglich, die Rednerliste wurde unter Verschluss gehalten.

Mal sollte der Landwirtschaftsminister kommen, mal der für Sport. Den Auftritt des Außenministers will der Kölner Polizeipräsident verhindert haben, die Zuschaltung von Erdoğan untersagte das Bundesverfassungsgericht: Übertragungen aus dem Ausland seien nicht mit dem Versammlungsrecht vereinbar. Für Erdoğans Anhänger ein Beleg dafür, dass es in Deutschland auch nicht so weit her sei mit der Meinungsfreiheit. Der Kölner Kabarettist Jürgen Becker sah es anders: "Ich gönne den Türken die Meinungsfreiheit und das Demonstrationsrecht. Auch wenn sie dafür demonstrieren, dass die Meinungsfreiheit und das Demonstrationsrecht in der Türkei eingeschränkt werden. Diese Absurdität muss man aushalten", sagte er dem Kölner Stadt-Anzeiger.

Die Stadt hat schon mal eine Erdoğan-Demonstration ausgehalten, im Mai 2014, damals war der Staatspräsident selbst gekommen, um Wahlkampf zu machen bei den Auslandstürken. "Die Türkei ist nicht mehr die Türkei von gestern", sagte er damals. Zwei Jahre später ist die Türkei schon wieder eine ganz andere. Vor zwei Jahren gingen in Köln 30 000 Deutsch-Türken gegen Erdoğan auf die Straße, Kurden, Aleviten, Linke und viele junge Kemalisten.

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Am Sonntag sind ein paar junge Kurden gekommen, die sich der Demonstration "Köln gegen Rechts" angeschlossen haben, einer Gruppe von etwa 500 Leuten, die gegen den Aufzug der Rechten von Pro NRW protestieren, welche wiederum gegen Erdoğan demonstrieren wollen. Dazu kommt noch eine Kundgebung der Jugendorganisationen von SPD, Grünen, Liberalen und Linken, unter dem Motto "Erdo-wahn stoppen". Ein Slogan, der auch von den Rechten stammen könnte. Es ist alles etwas unübersichtlich in Köln.

Die Stadt Köln ist weitgehend lahmgelegt, vor dem Hauptbahnhof hat die Polizei Zelte aufgestellt, in denen die Teilnehmer der Pro-NRW-Demo kontrolliert werden, weil die Polizei befürchtete, dass wieder einige Hooligans anreisen würden. Insgesamt sind 2700 Polizisten im Einsatz, mit acht Wasserwerfern. Der Protestzug der Rechten dürfte am Nachmittag nach einer Gerichtsentscheidung am Gelände der Erdoğan-Anhänger vorbeiziehen. Er wird aber abgesagt - nicht einmal 40 Leute sind gekommen, um das Abendland zu retten.

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