CDU-Aufsteiger Jens Spahn Ein Mann wie eine Walze

Einmal in Fahrt, macht Jens Spahn platt, was ihm in den Weg kommt. Der 32-jährige Abgeordnete steht für die nächste Generation christdemokratischer Politiker: Gerade frech genug, um aufzufallen, gerade angepasst genug, um durchzugehen, fachlich versiert, immer auf Sendung. In einem Jahr könnte Spahn Gesundheitsminister werden.

Von Guido Bohsem

Die Leute in Ahaus und wahrscheinlich die im ganzen Kreis Borken lassen sich in zwei Gruppen teilen. Das sind die, die Jens Spahn duzen, und die, die ihn noch nicht duzen. Man kennt den Namen Ahaus, weil es dort ein Atommüll-Zwischenlager gibt. Auch das hat mit Jens Spahn zu tun, aber davon später.

Ahaus liegt gleich an der niederländischen Grenze im westlichen Münsterland. Das Land dort ist fett und saftig. Die Wiesen und Bäume, das Panorama glänzt so satt, als habe man es eben erst durch den Photoshop gejagt, mitsamt den Kühen, Schweinen und Häusern. Jeder größere Ort trägt ein Wappen. Für Schöppingen steht ein Schaf auf grünem Grund, und das von Heiden sieht aus wie ein Twingo im Tunnel. Auf der Hauptverkehrsstraße in Ahaus sind die Parkplätze einzeln markiert. Akkurat. Geht man mit Spahn dort entlang, steht fast an jeder Ecke einer und ruft "Hallo, Jens". Willkommen im Jens-Spahn-Land!

Ein Unbekannter in einer Bilderbuchwelt

Jens wer? Jens Spahn, 32 Jahre alt, 1,91 Meter groß, Schuhgröße 49, meistens unrasiert und ohne Binder, schwarze Designer-Brille - eine von denen, die nicht vintage sind, sondern retro. Jens Spahn, CDU, gesundheitspolitischer Sprecher der Union im Bundestag, einer, der das System renovieren und nicht auf einen Schlag umkrempeln möchte. Jens Spahn, Abgeordneter des Wahlkreises 125, Steinfurt I - Borken I, und schwul. Ein Mann, der so ist wie Ahaus. Man kennt ihn aus den Nachrichten, doch weiß man nicht, wer er ist.

Die jungen Hoffnungsträger der Union haben in dieser Legislaturperiode allesamt Fehler gemacht. Karl-Theodor zu Guttenberg nahm es nicht so genau mit seiner Doktorarbeit und lebt auf Bewährung. Norbert Röttgen versemmelte den Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen, wurde von Kanzlerin Angela Merkel aussortiert. Kristina Schröder kämpft noch im Familienministerium, offenbar vergebens.

Spahns Zeit wird kommen. 2013, nach der Bundestagswahl werden die Karten neu gemischt, und wie es aussieht, könnte er sogar neuer Gesundheitsminister werden. In jedem Fall steht er für die nächste Generation Konservativer. Gerade frech genug, um aufzufallen, gerade angepasst genug, um durchzugehen, fachlich versiert, rhetorisch gewandt, immer auf Sendung.

Spahn walzt durch die Menge

Es ist Freitag. Jens Spahn sitzt auf einer hellgelben Asphaltwalze und gibt Gas. Er ist auf Tour durch seinen Wahlkreis, und er besucht Ulrich Bogenstahl, einen Bauunternehmer aus Legden (das sich Lechten ausspricht). Natürlich fährt Spahn nicht die ganze Zeit mit einem 2,5-Tonnen-Gerät durch die Gegend, aber bei Bogenstahls auf dem Hof steht so ein Ding rum. Also setzt er sich drauf und rumpelt mit einem Mörderlärm grinsend über das Gelände, vorbei am eingezäunten Campingwagen des Firmenchefs. Man fragt sich, ob er weiß, wo die Bremsen sind. "Wollte ich schon immer mal machen", sagt er später.

Die Walzen-Fahrt von Legden war keine Premiere. Das erzählen jedenfalls Menschen, die mit Spahn in Berlin zusammenarbeiten und auch die, die gegen ihn arbeiten. Einer, der schon lange seine Strippen in der Gesundheitspolitik zieht, sagt nur: "Walze? Das passt." Einmal in Fahrt, macht Spahn platt, was ihm in den Weg kommt.

Wie es ist, wenn die Spahn'sche Walze rollt, hat auch Rainer Hess erfahren. Hess, bald 72, war bis vor Kurzem Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses. Das ist das unbekannte, aber wichtige Gremium, das festlegt, welche Therapien oder Medikamente die Kassen bezahlen. Sogar in der missgünstigen Gesundheitsbranche gilt Hess als Respektsperson - wegen seiner Verdienste und wegen seines Alters. Sein Fehler war, sich kritisch zu einem Gesetzesvorhaben der Koalition geäußert zu haben. Also rüstete Spahn sich zu einer Attacke gegen den 40 Jahre älteren Mann.

"Sagen Sie bitte nur ja oder nein"

Hess war als Sachverständiger in einer Anhörung geladen, und in der Regel strahlen diese Sitzungen eine Dynamik aus wie sie sonst nur der Festakt zum Totensonntag verspricht. Spahn jedoch verwandelte die Sitzung in einen Gerichtsfilm - die Stelle, wo der junge Staatsanwalt den zwielichtigen Zeugen ins Kreuzverhör nimmt.

Hess, so legte er los, solle bitte nur mit Ja oder Nein oder in präzisen Zahlen antworten. Und dann ratterte er die Fragen runter: "Herr Doktor, würden Sie mir zustimmen, dass . . . "; und: "Stimmen Sie mir zu, Herr Doktor Hess, dass . . ." - in diesem Stil.

Eine Antwort des GBA-Chefs quittierte er mit der Bemerkung: "Ich werte das als Ja." Worauf Hess erbost erwiderte: "Nein!"

Am Ende der Vorstellung rügte die Ausschuss-Vorsitzende Carola Reimann den jungen Abgeordneten: Alle Sachverständigen seien Gäste des Bundestages. "Und da erwarte ich auch, dass sie angemessen respektvoll behandelt werden." Spahn sammelte seine Unterlagen ein und auch die anderen CDU-Abgeordneten und verließ unter Protest den Raum. Nicht, dass ihn das viel gekostet hätte: Der Rest der Anhörung dauerte nur noch etwa 20 Minuten.