Herrenwitz in Grün

Bundestagswahlkampf /
Von Thorsten Denkler, Berlin
/ Veröffentlicht am , im #btw13-Blog

Opfer von Satire: FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle

(Foto: dpa)

Vor ein paar Jahren noch, da hat die FDP Spaß nicht nur verstanden, sie hat ihn auch gemacht. Der lustigste Witz der FDP war damals das Projekt 18. Ältere unter den Lesern dieses Blogs werden sich erinnern. Die FDP wollte bei der Bundestagwahl 2002 auf mindestens 18 Prozent kommen. Das war das erklärte und parteitagsbeschlossene Wahlziel. Und Guido Westerwelle, der Chef der Komikertruppe, der war sogar Kanzlerkandidat der FDP. Nein, was haben wir gelacht damals.

Das Konfetti ist inzwischen weggefegt, die lustigen Nasen weggeworfen. Die FDP liegt in Umfragen unter fünf Prozent. Und das seit Monaten. Kein Wunder, dass Trübsal den Frohsinn in dieser Partei verdrängt hat. Jetzt führt Rainer Brüderle die Wahlkampagne der FDP. Er ist nicht mal mehr Kanzlerkandidat oder überhaupt noch Kandidat. Er ist nur noch "Spitzenmann".

Das Magazin Stern nennt ihn allerdings lieber "der spitze Kandidat", weil Brüderle an einer Hotelbar eine Stern-Journalistin mit für ihn typischen Anzüglichkeiten überschüttet haben soll. Die Vorstellung, ihre Brüste in einem Dirndl begutachten zu können, soll es ihm da wohl besonders angetan haben. Ein klassischer Herrenwitz auf Brüderle-Niveau.

Die Grünen, die jetzt den guten Witz auch nicht gerade erfunden haben, wollten Brüderle seine Hotelbarnummer nochmal unter die Nase reiben. Am vorigen Donnerstag, dem sogenannten "Herrentag" der allgemeinen Bierseligkeit - nur noch wenigen bekannt als "Christi Himmelfahrt" - luden sie ein textlich überarbeitetes Plakatmotiv der FDP auf ihrer Facebook-Seite hoch. Rechts im Bild Brüderle mit mustergültig nach oben gerecktem Daumen. Links diese Worte: "Sexismus ist eine Geisteshaltung. Da wird in Dirndln gedacht. Oder überhaupt nicht." Darunter steht die Signatur "Rainer Brüderle".

Klar, das sollte Satire sein. Wer glaubt, Brüderle hätte das gesagt, der denkt auch, John F. Kennedy könne fließend Deutsch sprechen nur weil er mal "Ich bin ein Berliner" gesagt hat. In Wahrheit hat Brüderle zu der ganzen Sache geschwiegen. Kein Kommentar, lautet seine Standardantwort auf Fragen dazu.

Stellt sich die Frage: Wie kommen die Grünen darauf, dass ihre Herrentags-Aktion lustig sein soll? Plastisch vorstellbar wie da eine aufgeregt strickende Neufeministin diese Sätze vor sich hin murmelt und sich gar nicht wieder einkriegt über ihren eigenen Humor. Und in der Grünen-Bundesgeschäftsstelle muss ja zumindestens einer mitgelacht haben, sonst wäre das ja sicher nicht veröffentlich worden.

Alles wäre nahezu unbemerkt geblieben, hätte sich nicht ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt im Thomas-Dehler-Haus, der FDP-Zentrale, zunächst der Fotograf des Daumen-Hoch-Portraits von Brüderle bei den Grünen beschwert. Das sei eine Urheberrechtsverletzung, soll er als Nachricht hinterlassen haben. Und dass er die Angelegenheit jetzt seinem Anwalt übergeben werde.

Am Freitag nach dem Herrentag dann schoss die FDP von ganz oben nach. "Sehr geehrte Frau Lemke", richtete FDP-Bundesgeschäftsführer Jörg Paschedag den Gruß an seine Grüne Amtskollegin Steffi Lemke. Er stellt erst einmal kühn fest, dass die Grünen Brüderle ein "offensichtlich von Ihnen erfundenes Zitat" in den Mund geschoben hätten. "Sie erwecken hierdurch den Eindruck, Herr Brüderle hätte dieses so gesagt, was zweifelsohne zu keinem Zeitpunkt geschehen ist." Er fordert Lemke auf "die Grafik sowie sämtliche dazugehörigen Kommentare auf Facebook sowie auf weiteren Seiten, wo diese verwendet wurde, zu entfernen." Die Frist: Montag, 13. Mai 2013, 12.00 Uhr. "Weitere juristische Schritte behalten wir uns ausdrücklich vor." Und: "Beste Grüße aus dem Thomas-Dehler-Haus."

Das mit dem Spaß machen und Spaß verstehen ist halt so eine Sache. Die Grünen jedenfalls haben das beanstandete Bild gelöscht und durch dieses ersetzt. Aber mal ganz ehrlich: Es mag ja richtig sein, dass in der FDP der gepflegte Herrenwitz eine gewisse Tradition hat. Aber den Witz über Brüderle konnten auch nur ein paar sehr humorbefreite Grüne verstehen.