Berichterstattung über die Krim-Krise Der Ruf nach objektivem Journalismus

Nun heißt es unter Journalisten oft lapidar: Wenn sich in einem Konflikt alle Beteiligten über tendenziöse Medien beschweren, liegt man in der Regel nicht so falsch. Ein Blick ins Archiv bestätigt zumindest, dass an Berichterstattung über den Komplex kein Mangel herrscht. Es gibt vor allem in jüngster Zeit sehr wohl Artikel über den Einfluss der Rechten auf Übergangsregierung und Maidan. In vielen Artikeln über die Partei Swoboda finden sich zum Beispiel ein Hinweis auf deren Verbindung zur NPD. Erst kürzlich demonstrierten einige Dutzend Anhänger der Kiewer Übergangsregierung vor dem Gebäude des Spiegels, weil Politikredakteur Uwe Klußmann dem Westen und der Übergangsregierung in Kiew vorwarf, die Rechten unterschätzt und damit der eigenen Sache geschadet zu haben.

Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Reportagen und Analysen, die betonen, wie heterogen die Maidan-Bewegung ist - und die das Bild eines rein faschistischen Putsches eindrücklich widerlegen. Dass aus vielen von ihnen eine grundlegende Sympathie für die Janukowitsch-Gegner spricht, thematisiert ein sehenswerter Beitrag des NDR-Medienmagazins Zapp. "Berichterstattung durch die West-Brille?" fragen hier Bastian Berbner und Sandra Aïd. Auch sie lassen Experten zu Wort kommen, die die Berichterstattung der westlichen Medien kritisieren, liefern aber auch noch eindrückliches Zahlenmaterial.

Vor allem kritisieren sie, dass lange Zeit nur Janukowitsch-Gegner zu Wort kamen. Sie werteten dazu Sendungen der Tagesschau und der Tagesthemen seit Dezember aus. Zu fast 80 Prozent seien dort Demonstranten und Mitglieder der heutigen Übergangsregierung interviewt worden, allen voran Vitali Klitschko, der sogar eine eigene Kolumne in der Bild-Zeitung habe. Berichte aus dem russisch geprägten Osten des Landes hätte es nur selten gegeben, viele Journalisten hätten sich, so der Vorwurf, kaum vom Maidan wegbewegt.

Berichterstattung "nach dem Rechenschieber" ist unseriös

Was die Reportage von vielen anderen medienkritischen Stücken unterscheidet: Sie lässt die Kritisierten zu Wort kommen. Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell, macht hier einen wichtigen Punkt: Journalistisches Arbeiten, so erklärt er, heiße immer auch Auswahl, Gewichtung und dadurch: Bewertung. Im strengsten Sinne des Wortes objektiv sei sie deswegen nie und soll es laut Gniffke auch nicht sein. Es könne keine Berichterstattung "nach dem Rechenschieber" erfolgen, das halte er für unseriös.

Doch was bedeutet das für die journalistische Arbeit? In der NDR-Reportage heißt es: Viele Journalisten seien eben im Westen, mit dessen Werten und dessen Organisationen wie Nato oder EU, sozialisiert worden und seien denjenigen gegenüber, die ihrem Wertesystem vermeintlich oder tatsächlich nahestehen, automatisch weniger kritisch. So würden Putins Handlungen nach allen Regeln des Handwerks messerscharf analysiert, bei der Übergangsregierung in Kiew hingegen nicht so genau hingesehen, weil westlich sozialisierte Journalisten sie als Verbündete betrachteten.

Diese Position vertritt auch der Sozialwissenschaftler Stefan Korinth, der den Medien nicht nur vorwirft, in Schwarz-Weiß-Mustern zu verharren, sondern sogar in den Redaktionen explizit eine antirussische Sicht zu fördern. Zahlreiche namhafte Journalisten und Ressortleiter, so führt er an, seien in "euro-atlantischen Eliten-Netzwerken" aktiv. Eine transatlantische Prägung, so sieht es jedenfalls Korinth, scheint Voraussetzung für eine Karriere in der Auslandsberichterstattung zu sein.

Aufruf zu mehr Empathie

Doch ist es nicht irgendwie auch nachvollziehbar, die Werte, die man für die richtigen hält, auch journalistisch zu verteidigen? Der US-Historiker Timothy Snyder etwa, der zur Zeit in englischsprachigen Medien einen Artikel nach dem anderen abfeuert, analysiert penibel die Interessen und Methoden Wladimir Putins - und macht gleichzeitig keinen Hehl daraus, dass es seiner Meinung nach in der Krim-Krise um mehr gehen muss als nur Machtpolitik. Nämlich um die Verteidigung des westlichen Wertesystems gegen ein autokratisch strukturiertes Russland, das sich als Gegengewicht zur freiheitlich gesinnten EU positioniere.

Zum Problem wird das immer dann, wenn die eigene Überzeugung dazu führt, dass der Blick aus der eigenen Blase nicht mehr gelingt. Das findet zum Beispiel FAZ-Autor Frank Lübberding. "Maßgebliche Teile der westlichen Politik haben es schlicht verlernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen", schrieb er schon zu Beginn der Krise, damals noch an deutsche Politiker gerichtet. Ein Vorwurf, der heute auch den Medien gemacht wird. Der Glaube an die eigene Überlegenheit, so Lübberding weiter, mache blind für die Interessen anderer.

Das ist nichts anderes als ein Aufruf zur Empathie. Und hier kommt man aus Mediensicht auch dem näher, was sich eigentlich hinter dem Begriff "Objektivität" im Journalismus verbirgt: Nicht nur den Blickwinkel einer Seite einzunehmen, sondern sich auch mit den Interessen der Gegenseite zu beschäftigen. Ob man diese dann akzeptabel findet oder nicht, ist dann noch einmal eine andere Frage. Eine Frage, die niemand beantworten kann, außer der Berichterstatter selbst - und die er für sich und seine Leser früher oder später auch beantworten muss, selbst wenn er kein reines Meinungsstück schreibt.